Kolumne Lügenleser

Ich folge dem Wahnsinn

Gegen Google? Für Techno? Links? Antideutsch? Ich bin verwirrt. Aber dennoch für die Revolution. Wenn ich nur wüsste, wo die stattfindet.

Demonstrant*innen in Tokyo tragen Masken von Donald Trump und Kim Jong Un

Wofür oder wogegen auch immer: 1.-Mai-Demo in Tokyo Foto: ap

Vor meinem Balkon in Kreuzberg 36 ist einiges los. Die Polizei verhaftet einen Hippie, der selbstgebastelte Mandalas verkauft. Keine Konzession. Oho! Die englische Besitzerin der neu eröffneten Galerie im Erdgeschoss erklärt ein paar Touristen aus Trinidad, dass sie aufpassen sollen, bei der MyFest-Party anlässlich des 1.Mai gebe es auch immer einen militanten Block voller vermummter Neonazis. Aha! Und was ist sonst so los?

In Neukölln will eine äußerst sportliche Gruppe namens „Jugendwiderstand“ demonstrieren. Die sind eigentlich gegen alle anderen, egal ob gewöhnliche Linke, Antideutsche oder Trotzkisten. Am Startpunkt der nicht angemeldeten 18-Uhr-Demo wiederum wird wie jedes Jahr die HipHop-Bühne aufgebaut. Oder andersrum. Das Motto der Demo lautet: „Kreuzberg united – Gemeinsam gegen Rassismus, Islamophobie und soziale Verdrängung!“

Antisemitismus wurde kurz ausgeklinkt, ist ja auch gerade wirklich kein Thema. Im Sinne des Burgfriedens hat man sich da auch ein paar Leute ins Boot geholt, die offen die AKP unterstützen. Dafür möchte man dann auf der Demo später aber massig PKK-Flaggen zeigen. Auf den Demo-Plakaten prangt unter anderem das Logo der Schnaps-Firma „Kleiner Feigling“.

Die CDU in Person von Kurt Wansner hat eine Gegendemo angekündigt, dann aber wieder zurückgezogen, man rechne mit Gewalt gegen die eigenen Teilnehmer. Quelle surprise! Im Görlitzer Park findet ein kommerzielles Technofestival statt, für all die Leute mit Glitzer im Gesicht, die Cuba Libre trinken und sich fragen, warum weiter hinten rote Fahnen geschwenkt werden.

Es klingelt bei mir. Jemand kommt vorbei und fragt ob ich ein „Fuck Google“-Plakat aus meinem Fenster hängen möchte. Ich willige erst mal ein, frage aber spaßeshalber ob das denn überhaupt erlaubt sei. „Ja ja, das ist rechtlich abgesichert. Kannst du…“ Er stockt. „Kannst du im Internet nachlesen.“ Grade noch die Kurve gekriegt.

Es gibt kaum eine Alternative zur revolutionären Praxis

In dem wunderbaren Film „Das Leben des Brian“ wurde einst großartig aufgezeigt, warum linke Politik von Autonomen Gruppen so oft zum Scheitern verurteilt ist. Jeder ist sich selbst am liebsten und die anderen sind eh alle doof. Wie sie unschwer erkennen können, geht es mir da ähnlich.

Die großartigste Szene des Films ist jene, in der die Kamera über den vollgestopften Marktplatz schwenkt und verschiedene Propheten einfängt. Einer von Ihnen ist der Prophet der Verwirrten. O-Ton: „Und die Verwirrung wird all jene verwirren, die nicht wissen. Und niemand wird genau wissen, wo diese kleinen Dinge zu finden sind, die verknüpft sind mit einer Art von Handarbeitszeug, das durch die Verknüpfung verknüpft ist.“

Es würde mich nicht wundern, wenn wir diesen Propheten am 1. Mai durch Kreuzberg marschieren sehen. Und ich würde ihm wahrscheinlich folgen. Denn selbst inmitten dieses ganzen Wahnsinns, bleibt die Erkenntnis, dass es kaum eine Alternative zur revolutionären Praxis gibt. Wenn man nur wüsste, wo diese wirklich stattfindet.

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Juri Sternburg, geboren in Berlin-Kreuzberg, ist Autor und Dramatiker. Seine Stücke wurden unter anderem am Maxim Gorki Theater und am Deutschen Theater in Berlin aufgeführt. Seine Novelle "Das Nirvana Baby" ist im Korbinian Verlag erschienen. Neben der TAZ schreibt er für VICE und das JUICE Magazin.  

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