die dritte meinung

Macron missachtet die Bindeglieder zwischen Macht und Volk, sagt Alexandra Schwartzbrod

Alexandra Schwartzbrod

ist 1960 im französischen Nancy geboren. Sie ist Journalistin, Essayistin und Romanautorin, außerdem stellvertretende Chefredakteurin der „Libération“.

Ein Jahr nach seiner Wahl zum französischen Präsidenten kann Emmanuel Macron sich rühmen, mit einem gewaltigen Tritt die französische Parteienlandschaft zerstört zu haben. Die traditionellen Parteien wurden zerschlagen; von den Anführern der sozialdemokratischen Parti Socialiste (PS) und den konservativen Republikanern (LR) ist derzeit nichts zu hören. Und die Gewerkschaften haben momentan weniger ein Problem damit, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, als überhaupt eine Stimme zu finden.

Die stark zentralisierte Verwaltung des Landes, mit MinisterInnen, die lediglich Befehlsempfänger sind, und Bindegliedern zwischen Staat und Gesellschaft – also Gewerkschaften, Parteien und Interessengruppen –, die verachtet oder ignoriert werden, scheint momentan von einer hauchdünnen Mehrheit der Franzosen gebilligt zu werden.

Aber wie lange noch? Der eher linke Teil der Bevölkerung, welcher sich Macrons Lechts-rinks-Motto gegenüber offen gezeigt hatte, nach dem wirtschaftliche Reformen und eine solidarische Sozialpolitik kein Widerspruch sein sollten – diese Leute beginnen nun ernsthaft zu zweifeln. An dem Schicksal nämlich, das den Prekärsten und den durch das kürzlich verschärfte Asyl- und Einwanderungsgesetz geschwächten Migranten droht.

Am Sonntag warnte Laurent Berger, Generalsekretär des größten französischen Gewerkschaftsbunds CFDT, die Umsetzung der von Macron geplanten Reformen stehe auf dem Spiel: „Wenn wir ernsthaft erwägen, das ohne soziale, wirtschaftliche und lokale Akteure durchzuziehen, werden wir einen ziemlichen Reinfall erleben.“

Der Mann ist weit entfernt davon, ein einzelner Wutbürger zu sein. Die Unterstützung, die Macron in der Öffentlichkeit noch genießt, wird nicht ewig anhalten. An dem Tag, an dem sich der Bruch endgültig vollzieht, wird Macron jenen Zeiten nachtrauern, in denen er noch auf die Unterstützung derer zählen konnte, die qua Berufung als Puffer zwischen der Macht und dem Volk fungieren.