• 30.06.2010

US-Folksänger Sixto Rodriguez

Großartig wütender Pop

Sixto Rodriguez war in seiner Heimat ein Niemand. Im Apartheids-Südafrika der 1970er wurde er zum Star. Er selbst wusste lange nichts von seinem Ruhm und arbeitete als Handwerker in Detroitvon YORK SCHAEFER

"American Zero, South African Hero": von seinem Ruhm in Südafrika wußte der US-Folksänger lange nichts.  Bild:  Hal Wilson

Bis vor etwa 15 Jahren galt der Detroiter Musiker Sixto Diaz Rodriguez als verschollen oder gar tot. Die wildesten Gerüchte kursierten über seinen Verbleib. Er sei an einer Überdosis Heroin gestorben, behaupteten die einen. Er verrotte im Gefängnis wegen des Mordes an einer Frau, schrieben die anderen. Bizarr ist auch das Gerücht, Rodriguez habe sich auf der Bühne erschossen, nachdem er eine Zeile seines Songs "Forget it" rezitiert habe. Und doch wurde er einmal angeblich an der Kasse eines New Yorker Deli-Restaurants gesichtet. All das sind blühende, für den Pop sehr typische Mystifizierungen, die der Wahrheit jedoch nicht standhalten.

Die war auch bei Rodriguez um einiges profaner: Seine Alben "Cold Fact" aus dem Jahr 1970 und das kurz darauf erschienene "Coming from Reality" auf dem US-amerikanischen Sussex-Label floppten. Der introspektive Popsoul von Rodriguez stand seinerzeit im Schatten von Simon & Garfunkel und den Beatles. Sein Label wusste nicht, wie man ihn promoten sollte, und ging pleite. Der damals knapp 30 Jahre alte Rodriguez zog sich aus dem Musikgeschäft zurück, studierte Philosophie, bewarb sich mehrfach vergeblich um politische Ämter in seiner Heimatstadt Detroit und arbeitete schließlich als selbstständiger Handwerker.

Sowohl "Cold Fact" als auch "Coming from Reality" sind bemerkenswerte, ja großartig wütende Popalben. Stream-of-consciousness-Protestsongs irgendwo zwischen Bob Dylan und der sanften Psychedelik von Arthur Lees Band Love.

Rodriguez Texte sind durchsetzt mit Drogenreferenzen und apokalyptischen Großstadtvisionen. Mit großer Gelassenheit singt der 1942 als Sohn mexikanischer Immigranten Geborene und lässt seine Hörer an grimmig-humanistischen Gesellschaftsobservationen teilhaben. Sein bluesbasierter Folk paart dunkle elektronische Orgeln mit satten Geigen und einem ansteckendem Groove. Bob Babitt, Bassist der ebenfalls aus Detroit stammenden Motown-Hausband Funk Brothers, spielte die unsterbliche Hookline auf Rodriguez wohl bekanntestem Song "I wonder". Der Song ist eine zynische Abrechnung mit einer unglücklichen Liebe. Er verschaffte Rodriguez ausgerechnet in Südafrika den Durchbruch, wo er in den Siebzigern 100.000 Schallplatten verkaufte. "Südafrika war damals eine äußerst restriktive Gesellschaft", sagt Stephen "Sugar" Segerman, Besitzer des Kapstädter Plattenladens Mabu Records. Segerman hatte es sich seit 1995 zur Aufgabe gemacht, den mittlerweile vergessenen Rodriguez wieder aufzuspüren.

Dessen Song mit der unerhört offenen Anklage "I wonder how many times you had sex" war eigentlich undenkbar für das bigotte weiße Südafrika und seiner noch in den 70er Jahren zementierten Apartheid. "Für die Kids - ob englischstämmig und burisch - war das Stück ein Witz, so nach dem Motto ,Hör dir das an!' Aber dann hörten sie das ganze Album und merkten, dass da mehr drinsteckt", erinnert sich Segerman, der den Star seiner Jugend mit Hilfe von Rodriguez Tochter gesund und munter in Detroit aufspürte. "Sein Erfolg in Südafrika wirkt bizarr. Jede Mittelklassefamilie hatte neben ,Abbey Road' von den Beatles ,Cold Fact' im Regal", sagt Segerman. Hausfrauen bügelten zu dem Drogensong "Sugar Man" und sangen die Zeile "Jumpers, Coke and Mary Jane". In den eingemauerten Gärten lief beim Braai, dem südafrikanischen Barbecue, der "Establishment Blues", ein Titel, der offen oppositionell ist und die rassistische Praxis der Nixon-Regierung anprangert.

Auch der Einfluss von Rodriguez auf die jungen weißen südafrikanischen Soldaten, die in den 70er Jahren ihren Wehrdienst leisten mussten, ist nicht zu unterschätzen. Er wird mit dem zersetzenden Effekt von Jimi Hendrix und den Doors auf GIs in Vietnam verglichen. Doch die südafrikanische Gesellschaft war liberaler als ihr Ruf. "Das Album stand offiziell nie auf dem Index, dennoch haben es nur südafrikanische Piratensender im Radio gespielt. Sein Erfolg basierte auf Mund-zu-Mund-Propaganda", glaubt Stephen Segerman.

Ein Erfolg, der allerdings nie bis zu Sixto Rodriguez durchdrang. Jahrzehntelang wusste er gar nichts von seinem Ruhm im Ausland und profitierte auch nicht von den Plattenverkäufen. Auch wenn er inzwischen wieder Konzerte gibt, wer die Tantiemen für seinen Erfolg in Südafrika eingestrichen hat, bleibt wohl der letzte noch ungelöste Teil des Rodriguez-Mythos.

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