Hamburgs Reformjuden sind wieder da

Im Clinch mit den Orthodoxen

In Hamburg gibt es seit 13 Jahren wieder eine Liberale Jüdische Gemeinde. Sie steht im Schatten der Orthodoxen und kämpft bis heute um Geld – und um einen eigenen Ort.

In einem Hinterhof in der Poolstraße ist noch eine Backsteinmauer mit der Apsis des ersten Tempels zu sehen.

Die Apsis ist noch zu sehen: Erster Tempel der Hamburger Reformjuden in der Poolstraße Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Sie wissen, dass hier in der Kohlhöfen eine orthodoxe Synagoge stand?“, sagt Wolfgang Georgy und zeigt in westliche Richtung. Es ist ein nasskalter Tag, an dem man gern den Mantelkragen hochschlägt, und wir stehen mitten in der Hamburger Neustadt. Poolstraße, Hütten, Rademachergang und eben Kohlhöfen sind die Straßennamen. Früher lebten hier Hamburgs Juden, bis sie dank endlich zugeteilter Bürgerrechte und ihrem einsetzenden Wohlstand ab den 1890er-Jahren langsam hinüberwechselten ins mondänere Grindelviertel nahe des neuen Bahnhofs Dammtor.

Doch zuvor entstand hier, zwei Straßen weiter, die neue Synagoge des liberalen Judentums in Hamburg: der „Israelitische Tempel“. Man wollte nicht mehr darauf warten, dass eines Tages in Jerusalem der eine Tempel der Juden wieder aufgebaut werden würde, sondern überall wo Juden sind, konnte nach jüdisch-liberalem Verständnis ein solcher erbaut werden.

Im Dezember 1817, vor 200 Jahren, hatte sich zu diesem Zweck der Neue Israelitische Tempelverein in Hamburg gegründet. Bei den liberalen Gottesdiensten saßen Männer und Frauen zwar weiterhin getrennt, aber die Frauenräume waren nicht mehr vergittert und es gab einen gemeinsamen Eingang. Neben Hebräisch wurde nun auch in Deutsch gepredigt. Und die bisher verpönte Musik kam hinzu: In den liberalen Reformsynagogen gab es nun eine Orgel, der Chor sang gemischt.

Der Mainstream des deutschen Judentums war liberal

„Die gebildeten Hamburger Familien wie die Mendelssohns und die Heines waren eine Generation zuvor Christen geworden. Nun wollte man mit den Traditionen brechen, aber auch zeitgemäßere Formen finden, um es den reichen Kaufleuten zu ermöglichen, weiterhin ihren jüdischen Glauben zu leben“, sagt Wolfgang Georgy, der im Vorstand der Liberalen Jüdischen Gemeinde von Hamburg tätig ist.

„Der Mainstream des deutschen Judentums vor 1938 war liberal und nicht orthodox. Nur weiß das heute niemand mehr.“ Er sagt: „Wer heute in den USA jüdische Theologie studiert, der sagt: ‚Ah, Hamburg – die Wiege des Reformjudentums!‘.“ Auch das sei in Hamburg kaum bekannt und doch eigentlich etwas, worauf die Stadt stolz sein könne.

Wir betreten einen Innenhof in der Poolstraße. Eine Kfz-Werkstatt findet sich hier, untergebracht in den Resten des zweiten Tempels der Hamburger Liberalen. 1842 war er eingeweiht worden, nachdem der erste zu klein geworden war. Wolfgang Georgy kann sich gut vorstellen, ihn eines Tages wieder aufbauen zu lassen. „Noch besser wäre natürlich der ehemalige Tempel in der Oberstraße, den man im Vergleich zu hier recht einfach wieder zurückbauen könnte“, sagt er.

Wolfgang Georgy

„Wer heute in den USA jüdische Theologie studiert, der sagt: ‚Ah, Hamburg – die Wiege des Reformjudentums!‘.“

Die Oberstraße, das ist wiederum eine kleine Querstraße im Hamburger Grindelviertel, gesäumt von soliden bis prächtigen Stadtvillen. Hier war von 1931 an bis zum Jahr 1938 der dritte Tempel der Liberalen. Nach dem Ende des NS-Regimes wurde das Gebäude dem Norddeutschen Rundfunk verkauft, der es zu einem Tonstudio und gleichzeitigem Konzertsaal umbauen ließ, sodass bis heute Konzerte und auch Lesungen live übertragen wie aufgezeichnet werden können. „Wir haben angefragt, ob wir nicht einzelne Räume auf ständiger Basis nutzen könnten“, sagt Wolfgang Georgy. Man war nicht interessiert.

Die Liberalen werden gerade wieder „mündig“

Und so sucht die Liberale Jüdische Gemeide in Hamburg weiter nach einer eigenen Synagoge. Georgy hat da einen Vergleich parat: „Wir befinden uns im 13 Jahr unserer Wiedergründung und wie Sie sicherlich wissen, feiert der jüdische Junge mit 13 Jahren seine Bar Mitzwa: Er wird dann religionsmündig, er liest eine Passagen aus der Schriftrolle vor und wird mit allen Rechten und Pflichten in die Gemeinde aufgenommen.“ In dieser Lebensphase sieht er auch seine Gemeinde.

Er persönlich hat eine eigene Geschichte, die wiederum zur Geschichte des liberalen Judentums zu passen scheint: „Ich habe erst erfahren, dass ich Jude bin, als ich schon Student war. Ich konnte also ganz von vorne anfangen und frei überlegen, wo ich hingehöre.“ Er will jetzt seine Familiengeschichte nicht zu sehr vertiefen – aber eine Ahnung, dass da etwas ist, hätte er schon immer gehabt. Er sagt: „Ich weiß nicht, ob ich mich da jetzt in etwas hineinsteigere, aber ich hatte schon immer eine gewisse Affinität zum Judentum, was damals natürlich manche Leute entsetzt hat.“

Überhaupt ist Religion eine Konstante in seinem Leben (neben der Musik – Georgy, 68, ist Musikwissenschaftler und Dirigent): „Ich habe zum Beispiel sieben Jahre im Kirchenchor gesungen und hätte den gesamten Gottesdienst mit Pastor nachmachen können.“ Nun aber vertieft er sich in die jüdischen Quellen: „Das war es dann, da kommt man dann nicht mehr von los.“

Lange betrachtete Georgy die jüdische Szene Deutschlands quasi vom Spielfeldrand aus. Als sogenannter Vaterjude – sein Vater ist Jude, nicht seine Mutter – ist die Orthodoxie ihrerseits an ihm nur mäßig interessiert. Er wird hellhörig, als die jüdische Szene ab Anfang der 1990er-Jahre durcheinandergewirbelt wird: Die so genannten Kontingentflüchtlinge kommen, vornehmlich aus der ehemaligen Sowjetunion.

„Wenn diese Menschen auf dem Formular bei Religionszugehörigkeit ‚jüdisch‘ ankreuzten, wurden sie den entsprechenden orthodoxen Gemeinden der Städte und Kreise zugeteilt, in denen sie leben sollten, auch wenn sie meist jüdisch liberal waren“, sagt er. „Das waren oft Menschen, die nun nicht danach lechzten, tief religiös zu werden, aber sie verband ein großes Gemeinschaftsgefühl.“ Entsprechend knirschte es bald in den orthodoxen Gemeinden. Auch in Hamburg. 2004 entstand die Liberale Jüdische Gemeinde – im Clinch mit der Orthodoxie. Und Wolfgang Georgy mischte sich ein.

300 sogenannte richtige Mitglieder hat die Gemeinde: Das sind Juden mit jüdischer Mutter. Dazu kommen etwa 200 Freundeskreismitglieder, darunter die, die lediglich einen jüdischen Vater vorweisen können, plus allgemeine Unterstützer. So ist alles erst mal in Ordnung – wäre da nicht das Geld, das man braucht, um etwa einen Vollzeit-Rabbiner zu finanzieren. Hamburgs liberale Juden haben derzeit nur einen Rabbiner auf einer Zwei-Drittel-Stelle.

Streit um den städtischen Zuschuss

Bisher ist das mit dem Geld so geregelt: Die Stadt Hamburg zahlt seit 2007 der zahlenmäßig größeren Orthodoxen Jüdischen Gemeinde einen jährlichen Zuschuss von gut 875.000 Euro. Etwa 100.000 Euro erhält die Jüdische Schule. Von dem, was bleibt, bekommen die Liberalen von den Orthodoxen einen Teil in Vierteljahresraten weiter überwiesen. Ganz am Anfang erhielten sie zehn Prozent. Zwischendurch wurde ihr der Satz unvermittelt auf fünf Prozent halbiert – die Liberalen zogen vors Hamburger Verwaltungsgericht.

In Kürze sollen sie neun Prozent bekommen. Gern würde man separat mit der Stadt verhandeln und als zweite, vor allem gleichberechtigte Gemeinde anerkannt werden. Man hofft auf ein entsprechendes Signal des Senats. Wolfgang Georgy holt einmal tief Luft: „Es ist alles etwas schwierig, aber das sind wir ja gewohnt.“

Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen: Es gibt neben den orthodoxen Gemeinden, die in der Regel dem Zentralrat der deutschen Juden zugeordnet sind, noch die Union progressiver Juden in Deutschland, die sich als Sammelbecken der liberalen Strömung versteht. Und die sich gern die Hamburger liberalen Juden einverleiben würde – was dort auf wenig Begeisterung stößt.

Und es gibt neuerdings innerhalb der orthodoxen Gemeinde Hamburgs eine Art kleine Untergruppe, die den liberalen Gebetsritus praktizieren, aber in der orthodoxen Gemeinde verbleiben will – nicht ganz überraschend besteht sie teilweise aus enttäuschten Ex-Mitgliedern der Liberalen. Das hat Folgen: Konnten die Liberalen ab 2011 eine ehemalige Turnhalle auf dem Gelände der Israelitischen Töchterschule im Hamburger Karolinenviertel jeden Freitag für ihren Gottesdienst nutzen, müssen sie nun jeden zweiten Freitag weichen.

Hausherr ist die Hamburger Schulbehörde, die sich aus dem Streit herauszuhalten versucht, was den Streit natürlich nicht löst. „Vor diesem Hintergrund müssen wir immer die fröhlichen, lustigen Juden spielen, die wir ja auch sind“, sagt Georgy. Er sagt: „Eigentlich ist jeder gegen jeden, und da ist es gut, wenn man seinen Kopf über Wasser hält; wenn man einfach sein Ding macht, auch wenn die anderen schäumen.“ Und er lacht noch mal, blickt in den grauen Dezemberhimmel und sagt: „Bisher sind wir ganz gut durchgekommen.“

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