Elektro-Produzent Matthew Herbert

Pillenschmeißen gegen Einsamkeit

Matthew Herbert veröffentlicht zwei neue Alben. Den Remix von Mahlers 10. Sinfonie und das Konzeptalbum "One One" - über die Schattenseiten der Mobilität.von SIMONE JUNG

Bewegt sich permanent an den Grenzen der Coolness: Matthew Herbert.  Bild:  promo

Ob es der Klang einer Cola-Flasche war, die er gegen ein Mikrofon knallte und ihn als vertonte Globalisierung deklarierte ("Plat du Jour", 2005), oder ob er das Sample klappender Soldatensärge als Protest gegen die britisch-amerikanische Kriegspolitik einsetzte ("Scale", 2006): Die Musik des Engländers Matthew Herbert war immer auch transformierte Signifikanz gesellschaftspolitischer Verhältnisse.

Einzelne Geräusche waren bei ihm Symbole für etwas Größeres. Reinen Klang hält er für politisch. Im Geschäftlichen inszeniert sich Herbert konsequent pc: Wenn es geht, reist er mit dem Zug zu seinen DJ-Gigs, um auf das unnötige Verschleudern von Flugzeugkerosin aufmerksam zu machen. Für sein aktuelles Album "One One" schlägt der Musiker nun ganz neue Töne an.

Politische Aussagen tätigt er nur noch in den Songtexten. "One One" zeigt einen Künstler, der zur reinen Musik zurückgefunden hat. Waren zuletzt noch über hundert Menschen und unzählige Mikrosamples auf seiner 2008 erschienenen kommunalen Big-Band-Platte "Goodbye Swingtime" zu hören, ist Matthew Herbert bei "One One" solo unterwegs. Die im Alleingang komponierten Stücke spielte er auch selbst ein: Ton für Ton hat er produziert, jeden Effekt, jede Nachbearbeitung: Und als wäre dies nicht schon genug, leiht er dem Ganzen erstmals nach über zehn Jahren wieder seine eigene Stimme.

Die elf nach internationalen Städtenamen benannten Stücke gleiten ineinander und bilden einen Tag im Leben eines mobilen Menschen ab. So könnte man mit "Manchester" aufwachen und ganz smooth in den Tag gehen und auf der gradlinigen druckvoll düsteren Bassdrum von "Leipzig" - im Songtext wird das Pillenschmeißen als Mittel gegen Einsamkeit verhandelt - in die Ungewissheit der Nacht verschwinden. Das mit einem schweren dunklen Beat und einer knarrenden Bassline unterlegte "Port" sorgt in den frühen Morgenstunden dann für jene warme Energie, die einen melancholisch wandern lässt, bevor man sich mit den schlurfend schläfrigen Abschlusstracks "Berlin" und "Valencia", deren Schönheit etwas zu gewollt wirkt, getrost ins Bett legen kann.

Seltsam unaufgeregt, irgendwie distanziert, fast gleichgültig ziehen die Soundcollagen ohne aufmerksamkeitserregende Ausreißer vorbei. Gekoppelt mit der warmen und verletzlichen, aber immer über den Dingen stehenden Stimme Herberts, die so räumlich mikrofoniert ist, dass die Atemzüge zu spüren sind, ist die Musik von "One One" mehr Understatement als Statement.

Herbert bewegt sich permanent an den Grenzen der Coolness und sorgt nicht selten für Ratlosigkeit. Und doch bleibt man hängen, ist fasziniert von den Klängen, die sich einem da so herrlich selbstverständlich und bar jeden Pathos entgegenstrecken. Man versöhnt sich mit dem Dauermahner. Aber bei aller Entpolitisierung der Klänge wäre Herbert nicht Herbert, würde er seinem Album nicht doch eine Aussage mit auf den Weg geben: Die bewusst in Kauf genommene Einsamkeit im Produktionsprozess ist synonym für den steigenden Egoismus einer Weltgesellschaft, der es ihr ermöglicht, Tag und Nacht zu konsumieren und für 30 Euro zu fliegen, ohne dass die Konsequenzen hinterfragt oder gar erspürt werden.

Klanglich beklemmender geht es bei seiner Neubearbeitung von Gustav Mahlers 10. Sinfonie zu, die Matthew Herbert für die Reihe "Recomposed" der Deutschen Grammophon eingespielt hat. Zuletzt wussten die Techno-Produzenten Moritz von Oswald und Carl Craig mit einem Remix des "Boleros" von Ravel in der Serie zu überzeugen. Herbert hat sich eine Einspielung des Londoner Philharmonia Orchestras unter der Leitung des Dirigenten Giuseppe Sinopoli vorgenommen, die 2002 veröffentlicht wurde.

Seine Version von Mahlers Zehnter beginnt wie ein Hörspiel: Eine Tür wird geöffnet, Krähen krächzen, weit entfernt rattert ein Zug vorbei. Von unsichtbarer Hand wird ein Streichholz entzündet, bis eine Klangfläche bedrohlich näherrückt und ganz langsam ein Bratschensolo einsetzt. Erst allmählich schiebt sich die Sinopoli-Aufnahme in den Vordergrund, stülpt sich wie eine Dunstglocke über Herberts Geräuschkulisse.

Mit dem Wiener Komponisten Gustav Mahler beginnt die Moderne, aber die Romantik schwingt in seiner Musik noch mit. Mahlers Zehnte Sinfonie, entstanden in einer schweren existenziellen Krise, wurde erst kurz vor seinem Tod 1911 vollendet. Herberts Bearbeitung unterstreicht den schlechten physischen Zustand des österreichischen Komponisten, dessen Leben geprägt war von Eheproblemen und Verlustängsten, von der Furcht, wahnsinnig zu werden, von einer Langzeittherapie bei Sigmund Freud. So sind es die Momente der romantischen Schwermut zwischen Schönheit und Schrecken, zwischen Hoffnung und Zerrissenheit, die Herbert filtert und durch elektronische Verlängerung fördert, bis es das Herz beklemmt. Um das Motiv des Todes klanglich zu untermalen, steuert Herbert Feldaufnahmen aus Friedhöfen und Krematorien bei, ja, er hat sein Mikrofon sogar an Mahlers Grabstätte in Wien gehalten. Ansonsten hält sich der Brite in seiner Interpretation zurück, zerlegt Mahlers malmende Musik diskret, sortiert die schweren Klänge akribisch und fährt sie nach unten, bis Stille entsteht. Zurück bleiben Stimmengewirr und Straßenlärm und natürlich das Pfeifen des Windes, das Todesmotiv der Romantik schlechthin.

Erst ganz am Ende des fast 40-minütigen Remixes lässt Herbert ein ohrenbetäubendes Soundgewitter erklingen, nur kurz also lässt er die Moderne aufflackern.

Matthew Herbert ist ein Arbeitstier der Moderne, das uns dieses Jahr reich beschenkt. Denn "One One" ist nur der Startschuss zu einer Trilogie. Die anderen beiden Teile "One Pig" und "One Club" werden noch im Laufe dieses Jahres folgen. Hierbei begleitet er zum einen das kümmerliche Leben eines Schweins in der Massentierhaltung und zum anderen sich selbst bei einem Auftritt im Frankfurter Club "Robert Johnson".

 

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Herbert: "One One" (Accidental/Rough Trade); ders. "Mahler Recomposed

by Matthew Herbert" (Deutsche Grammophon/Universal)</typohead>

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