Nach dem Scheitern des Kopenhagener Gipfels diskutiert die vielfältige Klimabewegung in Bonn über die Klimagerechtigkeit von morgen und neue Perspektiven des Protests.von MARTIN KAUL

Klimaaktivisten protestieren in Bonn. Bild: apn
BONN taz | Vielleicht ist es die Szene dieses Wochenendes: "Schade", sagen sie - und lachen. 200 Klima-AktivistInnen haben vor einer Stunde eine Tankstelle besetzt. "Geschlossen wegen Klimawandel" steht an der Zapfsäule. Vom Dach flattert ein Transparent "Total = Aral = Shell = BP - Bohrlöcher zumachen!" steht darauf. Darüber schwingen ein paar Autonome heroisch die schwarz-rote Fahne. Und auf der Straße vor der Kreuzung trommeln und tanzen sie. Nur die Polizei spielt nicht mit: Sie will die Blockade nicht räumen, sondern bis zum Ende dulden. "Man kann ja nicht bestreiten, dass diese Menschen inhaltlich Recht haben", sagt ein leitender Beamter am Rande. Und jetzt sind einige der AktivistInnen enttäuscht, weil keine Räumung droht.
Was diese Szene so besonders macht: Das Anliegen der Klima-AktivistInnen ist angekommen. Hier steht es nun in grüner Uniform und stiller Zuneigung - und das ist zugleich Hoffnung und Problem jener Klimabewegung, die am Wochenende in Bonn über neue Strategien für eine weltweite Klimagerechtigkeit debattierte.
"Nach den gescheiterten Klimaverhandlungen in Kopenhagen gibt es bei vielen Aktivisten eine Post-Kopenhagen-Depression", sagt Daniel Häfner, Vorstandsmitglied bei Robin Wood. "Aber diese Krise der Institutionen hat einen riesigen politischen Spielraum für die Basisbewegungen eröffnet, der bislang noch zu wenig genutzt wurde."
Weitere Berichte von KlimaaktivistInnen, über die
UN-Klimazwischenverhandlungen, vom Alternativ-Gipfel und
den Protestaktionen finden sich im Blog auf:
bewegung.taz.de
Bonn, das ist an diesem Wochenende Ort und Forum einer Bewegung, sich neu zu sortieren. Hier verhandeln noch bis Freitag rund 4.500 Klima-ExpertInnen aus 182 Staaten und bereiten den nächsten Klimagipfel vor, der Ende des Jahres im mexikanischen Cancún stattfinden soll.
Timo ist einer, der dagegen an der Basis mitdebattiert. Er gehört zu den Organisatoren des Klimacamps am Rande von Bonn. Rund 300 Menschen haben dort in der letzten Woche diskutiert und protestiert. Mit symbolischen Blockaden, Großpuppen, Fahrraddemos, zuletzt mit einer Demonstration am Samstag, zu der 1.500 Menschen kamen.
"Dadurch, dass Kopenhagen so radikal gescheitert ist, sehen auch die Nichtregierungsorganisationen jetzt, dass sie sich weiter öffnen müssen. Da hat es schon eine Verschiebung nach links gegeben, die uns die Zusammenarbeit erleichtert", sagt Timo. An diesem Wochenende heißt diese Verschiebung "Wachstum". Auf dem - im Gegensatz zum Klimacamp weitaus gesetzteren - Klimaforum, einer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und dem Netzwerk Attac organisierten Alternativkonferenz in Bonn, beherrscht die Wachstums- und Kapitalismuskritik die Debatten.
"Das Stichwort Klimagerechtigkeit hat das Potenzial, Menschen aus den verschiedensten Kontexten zusammenzubringen", sagt Tadzio Müller von Climate Justice Action. "Kopenhagen war ein Desaster für die diplomatische Klimapolitik, aber auch ein Erfolg für die Klimagerechtigkeitsbewegung", sagt er. "Das Verhältnis von Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen, das lange schwierig war, wird heute neu gedacht."
Er meint wohl dies: Der Caritasverband und das Mieterforum, klassische Umweltbewegungen, Gegner von Massentierhaltung, Anti-AKW- und antirassistische Gruppen diskutieren, wie aus all ihren Anliegen ein starkes Ganzes werden kann. Nach Kopenhagen teilen sie eine Erfahrung: "Es kann sich nur etwas verändern, wenn der Druck von der Straße kommt."
Das sagt Laura Grainger, 21, die aus Belgien angereist ist. Sie saß im Dezember noch mit am Verhandlungstisch in Kopenhagen - und hat ihr Vertrauen in die Regierungen verloren. "Jetzt müssen wir die Menschen mobilisieren."
Doch wie buchstabieren etwa gestandene Autonome eigentlich einen Begriff wie "den Erhalt von Mutter Erde"? Sie haben ihren Platz auf dieser Samstagsdemo. Es ist ein kleiner schwarzer Block, seine Parole: "Autonome schützen das Klima, abgebrannte Autos fahren nie wieder!" Und dies ist das Besondere an diesem Spektrum: hier der zugeneigte Polizist, dort der schwarze Block. Und drum herum auch "Mutter Erde". Vielleicht steht dieses Bild für kaum zu verbindende Gegensätze. Vielleicht aber auch für das Potenzial einer Bewegung, die noch auf der Suche ist.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
07.06.2010 15:37 | M.d.V.
@Andi H. ...
06.06.2010 20:22 | HumanVoice
neue Perspektive des Protest: http://human-voice.forum0.info/forum.htm
06.06.2010 17:11 | Andi H
"Es kann sich nur etwas verändern, wenn der Druck von der Straße kommt." ...