Kolumne Habibitus

Von Beyoncé lernen

103 Euro, die es absolut wert waren: Unsere Autorin sieht eines von nur zwei Deutschlandkonzerten der großen Beyoncé und ist hingerissen.

Die Stimme, der Po – alles in echt noch besser als erwartet: Beyoncé bei ihrem Konzert in Frankfurt Foto: 13thWitness/AP Invision

Letzte Woche ging ein (anderthalb) Jahrzehnte alter Wunsch in Erfüllung: Ich sah Beyoncé live. Diesen intimen Moment teilte ich mit 12 Freund_innen und knapp 30.000 anderen Fans in einer Riesenarena in Frankfurt, Brudi. So richtig mit 5 Euro pro Cola und sechs Stunden vorher im Regen an der Halle anstehen. Es regnete Konfetti von der Decke, ihre Stimme (und ihr Po) waren in echt noch besser, die Bühnenshow war eine absolute Bombe und die Video-Projektionen – wie nach ihren beiden visuellen Alben nicht anders zu erwarten – der Hammer.

Kapitalistische Vermarktung von Pop hin und her, Beyoncé hat mein (Über)Leben in vieler Hinsicht geprägt. Ihre neueste Platte „Lemonade“ ist nach der Postkartenweisheit „Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus!“ inspiriert. Früher hielt ich das für einen sehr albernen Spruch, heute kann ich ihn für mich sehr gut anwenden – besonders in der Version einer Freundin, die schrieb nämlich über ein Foto des Leipziger Graffitis „Ich wollte nie 1 Alman s1“: „Wenn das Leben dir Kartoffeln bietet, mach Pommes draus.“

Wenn die Almans mal wieder aufmucken, setz einen Beat unter ihr Gemecker, mach einen Remix draus und werde damit berühmt. Und reich. Hauptsache, das Para fließt. The best revenge is your papers.

Sie singt darüber, dass ihre Mutter ihr beibrachte, ihre Täter_innen nicht im Internet zu dissen, ihr Vater lehrte ihr die Liebe zu ihren Hater_innen. Meine Eltern haben so was in der Art auch zu mir gesagt („Sei immer höflich zu allen, besonders zu den Almans, sie sitzen immer noch am längeren Hebel!“). So weit bin ich noch nicht, aber der Schritt „I twirl on them haters“ izda. Beziehungsweise: Fast hatte ich auf dem Konzert eine Schlägerei mit einer Gruppe von Beckys, die mich nach meinem Gang zum Klo nicht mehr zurück zu meinem Platz lassen wollten.

Gewalt oder Diplomatie?

Ich war einen Handschlag davon entfernt, dieser frechen Göre das iPhone aus der Hand zu reißen, es auf dem Boden zu zertreten und ihre drei blonden, dünnen Haare abzureißen. Das klingt sehr gewaltvoll und wütend. Ich war es in dem Moment auch. Ich wählte stattdessen jedoch das (Weiter)Leben und krächzte mit meiner Krötenstimme: „Ich habe nicht 103 [in Worten: hundertdrei] Euro dafür ausgegeben, um alleine in der letzten Reihe zu stehen!“ Dann drängelte ich mich trotzdem an ihnen vorbei. Nicht schlagfertig, aber strategisch. Vor allem aber unapologetisch. I ain’t sorry.

Bevor Beyoncé beim Konzert letzten Freitag den Destiny’s Child Smash-Hit „Survivor“ raushaute, widmete sie den Song allen, die Rassismus, Sexismus, Krankheiten oder den Tod einer angehörigen Person überlebt haben – und rückte den Song damit in einen explizit politischen Empowerment-Kontext. Und als sie in „Bootylicous“ dazu aufforderte, den Schwabbel zu schütteln, konnte ich in meinem Sport-BH und der Leggings, mit meinem Oberarmpudding, meinen Oberschenkeln und der mit blitzförmigen Dehnstreifen verzierten Wampe mehr Prozent geben als all diese dünnen Beckys aus der Fast-Schlägerei-Situation zusammen. Dieses Gefühl war fast so gut wie Pommes mit Ketchup und Mayo – und kostenlosem Soßen-Refill.

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Hengameh Yaghoobifarah studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik an der Uni Freiburg und in Linköping. Heute arbeitet Yaghoobifarah als Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und Medienästhetik.

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