Prozess um tödliche Polizei-Schüsse

Zeugen belasten Polizisten

Die Aussagen mehrerer Zeugen wecken Zweifel an der Behauptung des angeklagten Berliner Polizeibeamten, er habe in Schönfließ auf Dennis J. in Notwehr geschossen.von PLUTONIA PLARRE

Die väterliche Tour des Vorsitzenden Richters kommt bei den jugendlichen Zeugen an. "Guck mal, das ist eine Luftaufnahme von Schönfließ", sagt Olaf Wegner zu der 15-jährigen Antonia Sch., die vor dem Landgericht Neuruppin als Zeugin im Prozess gegen drei Berliner Polizisten auftritt. "Du musst nicht aufgeregt sein, erzähl doch einfach mal, was du noch weißt."

Antonia gehört zu den vier Kindern und Jugendlichen, die am Donnerstag, dem zweiten Prozesstag um die Todesschüsse in Schönfließ, geladen sind. Sie alle waren in der Silvesternacht 2008 in der Stadtrandsiedlung auf der Straße unterwegs, als der 26-jährige Neuköllner Dennis J. in einem gestohlenen Jaguar sitzend durch Polizeikugeln starb. Der 36-jährige Polizeikommissar Roland R. ist wegen Totschlags angeklagt. Er hatte damals sein ganzes Magazin leergefeuert, als er den mit drei Haftbefehlen gesuchten J. festnehmen wollte. R. beruft sich auf Notwehr, sagt, er habe schießen müssen, weil sein Leben und das seiner Kollegen in Gefahr gewesen sei. Diese, ein 59-Jähriger und ein 32-Jähriger, stehen wegen versuchter Strafvereitelung vor Gericht. Sie sollen absichtlich weggesehen und -gehört haben, um R. zu decken.

Im Wesentlichen sind es zwei Fragen, die den Prozess entscheiden werden: Fielen die tödlichen Schüsse, bevor Dennis J. den Jaguar anließ? Wenn ja, ist die Notwehr-Version unhaltbar. Und: Wurden die Schussgeräusche durch Silvesterböller übertönt? So begründeten die mitangeklagten Polizisten im Ermittlungsverfahren, warum sie die Schüsse nicht hörten.

Mit ihrer Schwester stand Antonia rund 40 Meter vom Tatgeschehen entfernt an einem Basketballplatz. Durch laute, aggressive Stimmen sei sie auf den silberfarbenen Wagen aufmerksam geworden, sagt sie. Zwei Männer, einer auf der Fahrer-, einer auf der Beifahrerseite, hätten den darin Sitzenden barsch aufgefordert, die Tür aufzumachen. Dass es sich um Polizisten handelte, konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.

Antonia spricht leise, sie ist sichtlich aufgeregt. Sie solle sich die Geschehnisse wie einen Krimi durch den Kopf gehen lassen, ermuntert sie der Richter. Die Person in dem Auto habe die Tür nicht aufgemacht, berichtet die jugendliche Zeugin weiter. Da habe der Mann auf der Beifahrerseite an der Tür gerüttelt. Dann sei der Schuss gefallen. Der Fahrer habe den Jaguar gestartet und sei vor- und zurückgefahren. Dann seien weitere Schüsse gefallen. Zu diesem Zeitpunkt sei es auf der Straße total ruhig gewesen, erinnert sich Antonia: "Es haben überhaupt keine Böller geknallt." Das bestätigen an diesem Tag auch andere Zeugen.

Der tödlich verletzte Dennis J. kam mit dem Jaguar 100 Meter weit, dann brach er hinter dem Steuer zusammen. Zusammen mit ihrer Schwester sei sie dem Auto hinterhergerannt, sagt Antonia. Einer der Männer, in heller Kleidung, habe sie angeherrscht: Ob sie etwas gesehen hätten? Dem Vernehmen nach handelte es sich dabei um R., den Schützen. Aus Angst habe sie die Frage verneint. Aber dem Mann im Auto müsse man doch helfen, habe sie gesagt. "Da sagte der hell Gekleidete: ,Muss man nicht'." Als die 15-Jährige das erzählt, bricht sie in Tränen aus.

Ein 20-jähriger Berufssoldat aus Schönfließ sagt, er habe sich den Beamten unmittelbar nach dem Vorfall als Augenzeuge angeboten, sei aber schroff zurückgewiesen worden - "nach dem Motto: Ich soll mich verpissen".

Eine 40-jährige Lehrerin, vor deren Haus Dennis J. mit seinem Jaguar parkte, hat den Ablauf der Ereignisse anders in Erinnerung: Schon als die Zivilpolizisten aus ihrem Auto ausgestiegen seien, habe sie gehört, wie der Motor des Jaguars angelassen wurde. Danach habe sie sich vom Fenster abgewandt, aber kurz darauf Knalle und Rufe gehört und einen Mann mit einer Waffe auf der Straße stehen sehen. Allerdings sei ihr Erinnerungsbild verschwommen, "die Bilder sind sehr illusioniert".

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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