Der Virunga-Nationalpark und seine Hüter

Eine grüne Vision für den Kongo

Multimilliardär Howard Buffett will Afrikas ältesten Nationalpark retten und damit das Land befrieden. Größenwahn oder Helferkomplex?

Der Virunga-Nationalpark

Die noch aktiven Vulkane Nyiragongo und Nyamuragira, hier mit Blick über den Virunga-Nationalpark. Foto: Simone Schlindwein

VIRUNGA-PARK taz | Neuer Stacheldraht, eine mannshohe Mauer aus Lavagestein, blau-weiße Holzpfosten, daneben ein Schild: „Grenze des Virunga-Nationalparks“. Jenseits dieser Mauer wird der Wald dichter, ursprünglicher. Die Luft ist kühl, kaum ein Lichtstrahl dringt durch die Baumkronen. In Schlangenlinien führt die ungeteerte Piste durch das Unterholz. Plötzlich biegt eine Straße ab.

Wie ein Raumschiff wirkt das Hauptquartier der Parkverwaltung mitten im Dschungel: ein Gebäude mit gut ausgestatteten Büros, daneben moderne Baumaschinen, Betonmischer, Bagger. Damit werden Wasserkraftwerke am nahen Rutshuru-Fluss errichtet. Safari-Jeeps stehen für Touristen bereit. Die Luxuslodge mit Kaminzimmern und Sprudelbadewannen wartet.

Der Virunga-Nationalpark im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist ein Unesco-Weltkulturerbe. Er erstreckt sich von den Ufern des Edwardsees durch die Savanne bis hoch ins höchste Gebirge Afrikas, den Ruwenzori mit seinen geheimnisvollen schneebedeckten Gipfeln – Artenvielfalt ohne Ende, die es zu schützen gilt, vor allem auch die vom Aussterben bedrohten Berggorillas. Bis zu 300 Besucher kommen pro Monat, die teuren Tickets sind schon lange im Voraus ausverkauft.

Viele Besucher werden angelockt, weil sie den Dokumentarfilm „Virunga“ gesehen haben: Elefantenherden in schwindelerregenden Kameraeinstellungen, Babygorillas beim Spielen in Nahaufnahme. Die Bilder faszinieren, die Botschaft rüttelt auf: Der Park ist in Gefahr! Denn unter dem Virunga liegt Erdöl. Die britische Ölfirma Soco hat Türme für Probebohrungen installiert; die Arbeiten ruhen derzeit, aber die Ölsuche ist nicht vom Tisch. Kongos Regierung braucht das Öl – und das Geld.

Der neue Akteur

Im Kampf um den Naturschutz gibt es einen neuen Akteur, der bereits Geld hat. Neben Kongos Naturschutzbehörde ICCN und der Umweltschutzorganisation WWF ist jetzt die Stiftung von US-Milliardär Howard Graham Buffett mit einem eigenen Logo auf dem Eingangsschild des Parks zu sehen.

Der 60-jährige gelernte Farmer, Sohn des Investors Warren Buffett und ehemaliger Direktor von Coca-Cola, fühlt sich berufen, den Virunga zu bewahren. Er hat auch den Dokumentarfilm finanziert. „Marshallplan für den Ostkongo“ nennt Buffett seine „Virunga-Allianz“.

Im Skype-Gespräch erzählt Buffett der taz, wie er 2009 zum ersten Mal den Kongo besuchte. Es herrschte Krieg, die Gorillas zu sehen, ein lang ersehnter Traum, gelang nicht. Aber er lernte Parkdirektor Emmanuel de Merode kennen. Seitdem verbindet beide eine tiefe Freundschaft.

Coca-Cola für die Rebellen

Als Buffett 2012 erneut in den Kongo reist, nächtigt er in der 5-Sterne-Lodge des Parks. Wieder herrscht Krieg, wieder kann er die Gorillas nicht besuchen. Die Tutsi-Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) haben den Landstrich erobert. „Wir konnten von Weitem das Feuergefecht hören“, erinnert sich Buffett. Im Wohnzimmer am offenen Kamin heckt er mit seinem Freund de Merode den Marshallplan aus. „Ich saß mit Emmanuel auf dem Sofa, er war bedrückt“, erzählt Buffett. Es ging um die Finanzierung eines Wasserkraftwerks. Ein Investor war abgesprungen, wegen des Kriegs. „Ich erinnere mich, wie ich mich zurücklehnte und sagte, dass wir das unbedingt machen müssen.“

Seither hat seine Stiftung rund 150 Millionen Dollar investiert: in Straßen, Kaffeeröstereien, Ökotourismusprojekte, Wasserkraftwerke – Buffett kann gar nicht alles aufzählen. „Nach oben hin habe ich kein Limit“, sagt er. „Wenn ich ein Projekt sehe, das dem Park hilft, dann finanzieren wir das.“ Fünfmal besuchte er den Virunga. Inzwischen hat es auch mit dem Gorillabesuch geklappt.

Buffett hat erkannt: Der Park ist nur zu retten, wenn es Frieden gibt und Touristen kommen. Doch dazu musste eine Lösung für die Rebellen gefunden werden. Das M23-Hauptquartier lag nur einen Steinwurf von der Parkstation entfernt. Die M23-Offiziere kamen abends oft in der Lodge vorbei, zum Whiskeytrinken. Der US-Unternehmer lud M23-Chef Sultani Makenga kurzerhand zum Essen ein. Ein Teilnehmer erinnert sich: Dabei wurde statt Whiskey viel Coca-Cola getrunken.

Besser als die UN?

Später finanzierte Buffett die Friedensverhandlungen zwischen der M23 und Kongos Regierung in Uganda. Danach wurde die M23 aus dem Kongo verdrängt, ihre ehemaligen Kämpfer sitzen in Uganda und Ruanda im Exil. Buffett träumt nun davon, ein Demobilisierungsprogramm zu schaffen, „damit sie nach Hause kommen und einen Job finden können“.

Eigentlich ist so etwas Aufgabe der UN-Mission. Will Buffett die etwa ersetzen? „Aber ja doch“, antwortet er unverblümt. „Wir tun hier in kurzer Zeit mehr, als die UNO in den vergangenen 15 Jahren erreicht hat.“ Das klingt fast nach Größenwahn.

Der Virunga ist im Ostkongo eine mächtige Institution. Offiziell ist er Kongos Naturschutzbehörde ICCN unterstellt. Doch die rund 5 Millionen Dollar Jahresbudget stammen nur zu 5 Prozent aus der Staatskasse. Der Rest sind EU-Fördergelder und Tourismuseinnahmen, bald werden Erlöse aus dem Stromverkauf dazukommen. Dadurch wird der Virunga-Park, jetzt schon größter privater Arbeitgeber der Provinz, zum größten Investor im Ostkongo. Er wird dann mehr Strom liefern als die staatlichen Betreiber.

Die Parkverwaltung beschäftigt außerdem fast 500 Parkwächter. Mit ihren Maschinengewehren und Munitionsketten wirken sie wie eine Quasiarmee, besser ausgerüstet und ausgebildet als die regulären Soldaten. Im Dschungel und in der Savanne des Virunga kämpfen sie gegen Wilderer. Die meisten der Ranger sind Einheimische, darunter auch ehemalige Rebellen. Heute verteidigen sie den Virunga-Park. Einen Staat im Staate.

Inseln der Stabilität

Wenige Kilometer jenseits der Parkstation lichtet sich der Wald. Zwischen Holzhütten grasen Ziegen, Frauen schleppen Feuerholz heran. Wie eine Insel inmitten von mannigfaltigen Grüntönen liegt der Distrikt Rutshuru im Herzen des Virunga. Rund 1,5 Millionen Menschen leben hier, es werden stetig mehr. Die Bevölkerung dringt immer weiter in den Park vor, die Grenze zwischen den Maisfeldern und dem Urwald ist fließend.

In der gleichnamigen Kleinstadt Rutshuru, wo sich die Überlandstraßen kreuzen, wirkt auf den ersten Blick alles friedlich: Kinder schlendern zur Schule, Frauen schleppen Tomaten auf den Markt, Lastwagen, voll mit Holzkohle, tuckern gen Süden in die 80 Kilometer entfernte Millionenstadt Goma.

Noch vor zwei Jahren beherrschten die M23-Rebellen Rutshuru. Seit Ende 2013 ist es Kongos Regierung. Aber die ruandischen Hutu-Rebellen der FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) und lokale Mai-Mai-Milizen machen das Gebiet unsicher. Sie verstecken sich im Park, entführen Menschen, überfallen die Transporter. „Wir leben auf einer Insel der Unsicherheit, und Schuld daran ist der Virunga-Park!“, sagt Innocent Gasigwa, Chef des lokalen Dachverbandes der Zivilgesellschaft.

Von Gasigwas Schreibtisch aus sind der Stacheldraht und die weißen Sandsäcke des UN-Camps zu sehen. Bis vor Kurzem hausten davor 2.300 Vertriebene in Zelten. Doch Provinzgouverneur Julien Paluku schickte sie nach Hause: Es gebe ja jetzt Frieden. Der UN-Chef im Kongo, der Deutsche Martin Kobler, landete mit dem Hubschrauber im UN-Lager. Erklärte, „Rutshuru ist jetzt eine Insel der Stabilität!“, und flog wieder weg.

Die „Inseln der Stabilität“ sind Koblers Lieblingskonzept. Die Idee: Ein Gebiet wird der Kontrolle von Rebellen entrissen, der Staat hält Einzug und sichert die „Insel“. Rutshuru war nach Ende der M23 die erste dieser Art. Doch die neue Distriktverwaltung verfügt nur über ein Jahresbudget von 700 Dollar. Die taz wurde Zeuge, wie Buchprüfer des Finanzministeriums aus der Hauptstadt kamen und der Verwalter sich aus dem Staub machte. Die Kasse ist seitdem leer.

Tägliche Überfälle

Von Stabilität kann keine Rede sein. Nachts traut sich niemand raus. Wenn Bauern die Ernte einholen, lauern plündernde Milizen am Waldrand. Gasigwa zeigt den jüngsten Bericht, den er der UN-Mission vorgelegt hat: Entführungen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Morde, Überfälle auf Fahrzeuge – die ganze Palette der Gewalt, fast täglich. „Die Arbeitslosigkeit drängt junge Männer in die Miliz“, sagt Gasigwa. Wie schon seit 20 Jahren.

2012 eröffnete die britische Ölfirma in Rutshuru ein Büro. Mit luxuriösen Geländewagen brausten die Briten die Straße entlang, erinnert sich Innocent Gasigwa. Die Einwohner standen Schlange, bettelten um Jobs. Niemand wurde angeheuert. Soco verschwand wieder. Stattdessen erklärte Virunga-Chef Emmanuel de Merode, Ölbohrungen seien schlecht für die Umwelt, der Park werde Jobs schaffen. „Ausgerechnet der Virunga?“, fragt Gasigwa.

Parkchef de Merode ist sich der Problematik bewusst. Als Sprössling und echter Prinz des belgischen Königshauses personifiziert er die finstere Kolonialvergangenheit. In Rangeruniform sitzt er in einem Hotel in Goma, auf dem Parkplatz eine Eskorte bewaffneter Leibwächter. Er muss aufpassen: Kurz bevor der Virunga-Film anlief, wurde er angeschossen, er überlebte nur knapp. De Merode hatte sich mit Soco und Kongos Regierung angelegt – riskant. Auch sein Freund Buffett wird im Kongo argwöhnisch betrachtet: In Goma erhält dessen Privatjet keine Landeerlaubnis mehr, er reist über Ruanda ein. Er steht Ruandas Präsident Paul Kagame nahe.

Wenn der 45-jährige Belgier über seine Vision von dem Park spricht, dann leuchten seine hellblauen Augen. „Wir sind uns bewusst, dass wir der ärmsten Bevölkerung der Welt viel fruchtbares Ackerland wegnehmen. Deswegen wollen wir Jobs schaffen“, sagt er. Der Schlüssel zu neuen Einkommensquellen sei die Stromgewinnung, die Investoren anlocken werde. Solche wie den in Burundi ansässigen deutschen Seifenhersteller Savonor, der nun in Rutshuru eine Fabrik errichtet: Seife aus kongolesischem Palmöl, sobald das Wasserkraftwerk läuft.

Pro Megawatt Strom, rechnet de Merode vor, ließen sich bis zu 1.000 Jobs schaffen. Bis Ende 2015 sollen die Wasserkraftwerke 50 Megawatt liefern. „Das wären bis zu 50.000 Jobs!“

Doch seit wann ist der Frieden im Kongo ein Zahlenspiel?

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben