Ärger um kontroverses PC-Spiel

Der Taliban im Multiplayer

In "Medal of Honor" darf man nicht nur in die Rolle von US-Soldaten schlüpfen, sondern auch als Taliban ballern. Bundeswehrverband und Militärpolitiker finden das skandalös.

"Beim Multiplayer-Modus von "Medal of Honor" muss eben jemand die Taliban spielen." Bild: ea.com

Für Freunde von Action-Spielen soll der 15. Oktober zu einem Fest werden, wenn es nach dem Spielehersteller Electronic Arts (EA) geht: Dann erscheint der neueste Aufguss der Kriegsspielreihe "Medal of Honor". Die einst von Steven Spielberg miterdachte Serie wurde schon in früheren Auflagen, die beispielsweise im Zweiten Weltkrieg spielten, zum milliardenschweren Superhit - nun soll sie "in eine neue Zeit" überführt worden sein.

Der Spieler ballert sich in dem Game als Mitglied der US-Armee durch Kriegsschauplätze in Afghanistan - unter anderem als Mitglied der Elitetruppe der Army Rangers, aber auch als höherer Militärplaner. Besonders realistisch sei der Titel, heißt es von EA, weil man sich extra einige Berater aus dem US-Militär geholt habe. Als amerikanischer Soldat darf man Geiseln befreien, Terrornester ausheben und Geheimmissionen absolvieren - und das nicht nur zu Fuß, sondern auch mit allerlei fliegendem und fahrendem Kriegsgerät.

So weit, so vergleichsweise normal - ein typischer Militär-Shooter eben, von - nicht immer volljährigen - Spielern geliebt, von Eltern und Erziehern häufig gehasst. Wäre da nicht der neuartige Multiplayer-Modus, den EA neben der Einzelmission eingebaut hat: Hier darf man nämlich nicht nur als braves Mitglied der Koalition der Willigen in den Krieg ziehen, sondern auch die Rolle der gegnerischen Taliban übernehmen. "Wenn jemand der Polizist ist, muss auch jemand der Räuber sein", begründete das die PR-Abteilung von EA. "Beim Multiplayer-Modus von "Medal of Honor" muss eben jemand die Taliban spielen."

Bei Verteidigungspolitikern, Soldatenverbänden und den Mitgliedern von Militärfamilien stieß diese Erklärung allerdings erwartungsgemäß auf wenig Verständnis. Liam Fox, der britische Verteidigungsminister forderte gar ein Verbot des Spieles und bat Händler im britischen Königreich, den potenziellen Top-Titel am besten gar nicht ins Programm zu nehmen. "Ein Teil des Games erlaubt es dem Spieler, die Rolle von Taliban zu übernehmen und die ISAF-Truppen in der zentralen Helmandregion anzugreifen, in der britische Truppen operieren", so das Ministerium.

Es sei "schockierend", dass offenbar jemand denke, es sei "akzeptabel, die Taten der Taliban gegen britische Truppen" nachzustellen. Kinder hätten ihre Väter verloren und Frauen ihre Männer, so Fox weiter, der das Spiel "unbritisch" nannte. Das Londoner Kulturministerium wollte sich Fox' Ruf nach einem direkten Verbot allerdings nicht anschließen. Der Titel sei für Erwachsene gedacht.

Angehörige von Soldatenfamilien hatten zuvor kritisiert, das Spiel komme zu einer Zeit, in der die USA ihre größten Opfer in Afghanistan erlebten. "Familien, die ihre Kinder begraben, sehen dies und werden das Spiel spielen", meinte Karen Meredith, Mutter eines gefallenen Soldaten im US-Sender Fox News. Ihr Sohn habe nicht einfach das Spiel neu starten können, als er getötet wurde. "Sein Leben ist vorbei und damit muss ich jeden Tag leben. Das ist kein Spiel."

Mittlerweile ist der Streit um "Medal of Honor" auch in Deutschland angekommen. Wilfried Stolze, Sprecher des Bundeswehrverbands, kritisierte den Titel gegenüber dem Focus scharf. "Es ist widerwärtig, so ein Spiel auf den Markt zu bringen, während in Afghanistan Menschen sterben.

Die neue Version von "Medal of Honor" ist nicht der erste Militärshooter, der wegen seiner Referenzen zum "Krieg gegen den Terror" in die politische Kritik geriet. "Call of Duty: Modern Warfare 2", im letzten Jahr vom EA-Konkurrenten Activision auf den Markt gebracht, enthielt eine Szene, in der sich der Spieler als Undercover-Agent unter Terroristen verdingen muss. Dabei konnte er auf Wunsch aktiv an einem Massaker auf einem Flughafen teilnehmen - allerdings ging es dabei nicht um Islamisten, sondern eine ultranationalistische russische Bande. Der britische Abgeordnete Keith Vaz zeigte sich "absolut schockiert" von dem Titel, der dennoch schnell Verkaufsrekorde schlug.

Doch nicht immer kommen derart kritisierte Titel auch auf den Markt. Der japanische Spielekonzern Konami hatte im vergangenen Jahr ein Spiel namens "Six Days in Fallujah" verkaufen wollen. Das Problem an dem Spiel, das nicht als einfacher Militärshooter, sondern als Survival Horror geplant war: Es konnte sowohl aus der Sicht der Amerikaner, der Aufständischen als auch aus der Sicht der Zivilisten gespielt werden. Das irakische Fallujah liegt westlich von Bagdad und war von 2003 bis 2004 für mehrere Monate zwischen US-Truppen und Aufständischen hart umkämpft gewesen. Dabei wurden viele Zivilisten erschossen.

Nach Protesten stellte der Publisher Konami 2009 die Weiterentwicklung ein. Allerdings hält sich im Netz hartnäckig das Gerücht, die Entwicklerfirma Atomic Games hätte das Spielt trotzdem weiterentwickelt und würde eine Veröffentlichung für 2010 definitiv planen. Eine offizielle Stellungnahme gibt es nicht.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben