Moritz von Uslar über sein Buch

"Ich stelle mich einfach hin und saufe"

"Eine Reise in die denkbar weiteste Ferne". Der Berliner Journalist und Autor Moritz von Uslar hat für sein Buch "Deutschboden" drei Monate in Brandenburg verbracht.

Herein in die ostdeutsche Dorfidylle: Moritz von Uslar zeigt Respekt vor Gastwirtschaften. Bild: photocase/impala441

taz: Herr von Uslar, Sie sind für drei Monate in die Brandenburger Provinz gezogen und haben darüber das Buch "Deutschboden" geschrieben. Die Kleinstadt, die Sie Oberhavel nennen, ist Zehdenick, 14.000 Einwohner, 60 Kilometer nördlich von Berlin. "Und noch heute sah es hier exakt so aus, wie die in Berlin sich eine beschissene Kleinstadt in der beschissenen Mark Brandenburg vorstellten", heißt es an einer Stelle. Mit "die in Berlin" meinen Sie auch sich selbst, oder?

Moritz von Uslar: Absolut. Die Reporterfigur fährt mit einem Haufen Klischees los, und diese Klischees werden im Laufe des Buches durch die Wirklichkeit ersetzt. Die Wirklichkeit ist ja immer irrer, immer besser als das beste Klischee. Ich spreche von der unschlagbaren Sonderbarkeit der Wirklichkeit.

Welche Klischees hatten Sie im Kopf?

Der Name: Heißt eigentlich Hans Moritz Walther Freiherr von Uslar-Gleichen

Das Leben: Geboren 1970 in Köln, Schulzeit am Internat Birklehof in Hinterzarten, hat einen Sohn mit der Schauspielerin Nicolette Krebitz, von der er getrennt lebt

Die Karriere: Tempo-Volontär, 1992-2004 Redakteur beim SZ-Magazin, Erfinder der Interviewserie "100 Fragen an …", 2006 Romandebüt "Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005", 2006-2008 Spiegel-Redakteur, aktuell Zeit-Autor

Das Buch: "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung" (Kiepenheuer und Witsch, 19,95 Euro)

Die üblichen: Abwanderung, Arbeitslosigkeit, Überalterung, rechtsradikale Töne, strukturschwache Gegend. Aber das alles gibt es auch in Mecklenburg-Vorpommern, in der Eifel oder in Oberfranken.

Sie sind aber nach Brandenburg gegangen.

Das hatte pragmatische Gründe. Alle vier Tage musste ich in Berlin sein, um mich um meine Familie zu kümmern.

Dann ging es Ihnen gar nicht um eine Ost-West-Geschichte?

Natürlich spielt die Ost-West-Thematik, sobald ich mich für Brandenburg entscheide, eine Rolle. Aber Mauerfalljahrestag oder die Wiedervereinigung waren nicht der Anlass für das Buch. Mein Thema war eine Reise in die denkbar weiteste Ferne - die liegt eben nicht in New York, sondern in der Mark Brandenburg. Die DDR-Biografien haben mich interessiert. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Leute, die von außen eigentlich dasselbe sind wie ich, noch eine andere Dimension in ihrer Biografie haben, eben, weil sie eine Kindheit in der DDR hatten: als hätten sie ein Leben mehr. Darum beneide ich sie. Trotzdem ist die Ost-West-Thematik nicht zentral.

Warum nicht?

Im zwanzigsten Jahr der Einheit verläuft die Grenze nicht mehr zwischen Ost und West. Es ist eine zeitliche Grenze: War man 1989 schon ein fühlender, denkender Mensch? Ja oder nein, das ist die Frage.

Auf fast jeder Seite Ihres Buches schwingt Angst mit: dass das Benzin ausgehen könnte, obwohl der Tank voll ist, die Pension zu betreten, die Kneipe, den Boxclub. Ist Ihnen über zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall der Osten tatsächlich so unheimlich oder ist es die Pose eines Popliteraten?

Ich halte Angst für einen Grundzustand. Wer keinen Respekt hat vor einer Gastwirtschaft mit dunklen Scheiben und einer Bierfasstür, hinter der einen 30 Männer schweigend angucken, den verstehe ich nicht. Ich finde es auch nicht einfach, an eine Tankstelle zu kommen, wo 20 Jungs stehen, und "Guten Tag" zu sagen. Die Romanfigur und ich, darauf muss man immer wieder hinweisen, das sind natürlich zwei verschiedene Figuren.

Wie gut kannten Sie den Osten vorher?

Ich bin mit neun Jahren, im Jahr 1979, mit meinen Eltern nach Berlin gezogen. In den 80ern habe ich Urlaube in Rostock und Dresden verbracht. Bis 1990 war ich einige Dutzend Male in der DDR. Es wird immer geschrieben, der Schritt von Berlin nach Brandenburg sei für mich ein großer gewesen. Dies ist Blödsinn.

Im Buch geben Sie sich als unbedarfter Westler, der mit Hütchen und Aufnahmestift unterwegs ist und sich einen Camouflagerucksack zulegt, um "den Einheimischen weniger Angriffsfläche" zu bieten.

Als unbedarft würde ich die Reporterfigur, die ich da hochfahre, nicht bezeichnen. Eher als gezeichnet, als ganz schön kaputt. Der Hut ist eine Verkleidung, mit der ich die klassische Reporterfigur aus dem Schwarz-Weiß-Film karikiere. Der Reporter ist, natürlich, eine lächerliche Figur.

Wieso fiel Ihre Wahl auf Zehdenick?

Dieser Ort hat sich nicht durch besonders krasse Zustände ausgezeichnet, es ist ein schöner Ort. Überspitzt gesagt: Ich wollte nicht zwischen Plattenbauten warten, bis ich eins auf die Fresse kriege. Ich versuche, mich bewusst anders als der Reporter im Spiegel oder in der RTL-Sozialreportage zu benehmen. Ich stelle mich einfach hin, saufe und warte, wie sich die Dinge entwickeln. Das ist der absolute Luxus. Ich will über eine gewisse Stumpfheit, Getrübtheit der Wahrheit bewusst nicht hinaus. Was ich fantastisch finde, sind die äußere Ereignislosigkeit und die sprachliche Begabung der Leute.

Als Sie entdecken, dass es auch in der ostdeutschen Kleinstadt einen freundlichen Umgangston gibt, sind Sie bisweilen enttäuscht. Eine Bäckereiverkäuferin verkauft Ihnen ein Schweineohr und wünscht Ihnen "einen schönen Abend". Wäre es Ihnen lieber gewesen, sie hätte es Ihnen um die Ohren gehauen?

Natürlich freue ich mich, wenn die Leute nett sind. An dieser Stelle rege ich mich auf, weil ich bestimmte Floskeln als kaputt empfinde. Die Reporterfigur hat ja auch Berlin verlassen, weil sie sich - so naiv das klingt - nach einem direkten, geraden, rauen Umgangston sehnt: weniger Floskeln, weniger Bullshit. Es geht mir um die Schilderung einer Alltäglichkeit. Ich glaube daran, dass Subjektivität mit viel Zeit auch eine Art von Objektivität ergibt. Der Reporter, der sich drei Monate Zeit nimmt, bildet mehr Gegenwart, mehr Wirklichkeit ab als der, der nur einen Nachmittag bleibt. Ich habe versucht, mich etwas herunterzudimmen, ein bisschen dumm zu stellen. Ich wollte den Zustand des Nicht-genau-Wissens möglichst lang halten.

Warum?

Das Buch geht ja an die Grenze der Reportage, es macht die Probe aufs Exempel: Was passiert, wenn man sich wirklich einlässt?

Und, was passiert?

Man kommt Menschen nahe. Es bilden sich Beziehungen. Etwa zu den Jungs der Punkrockband 5 Teeth Less.

Sie sagen "Zum Geleit", dass die Zeit in Zehdenick "eine der besten" Ihres Lebens war. Warum?

Weil sie so intensiv war. Es tut sehr gut zu erleben, dass der Mensch fremde Menschen kennenlernen kann. Das ist ein Bestärken der nicht zynischen Kräfte. Der Kern der Erfahrungen ist der, dass der Typ mit seinem Bier in der Kneipe einer ist, der ziemlich helle, lustig und überraschend geistreich ist. Mit dieser Nachricht komme ich zurück.

Haben Sie jetzt einen anderen Blick auf den Osten?

Meine Empathie hat sich enorm gesteigert.

Sie bekamen mehrere Spitznamen verpasst: "Stadtmensch", "Seine intellektuelle Wenigkeit", "Vogelweide". Welcher gefällt Ihnen am besten?

Jede Art von Titulierung, die mich nicht ganz ernst nimmt, finde ich gut. Wenn die mich Vogelweide nennen, sind wir im Gespräch.

Sie haben sich in Zehdenick sechs englische Wörter auf den linken Unterarm tätowieren lassen. Welche sind das?

"Im left, youre right, shes gone", ein Elvis-Presley-Song von 1956, dem Geburtsjahr des Rock n Roll. Ich wollte um Himmels Willen keinen tiefsinnigen Satz.

Am 19. November kehren Sie für eine Lesung nach Zehdenick zurück. Wird der "Starreporter" aus dem Buch auftreten oder Sie?

Selbstverständlich ich, Moritz von Uslar. Ich werde da meine Nase und mein dummes Gesicht hinhalten, lesen und Fragen beantworten. Da schließt sich ein Kreis. Mich interessiert das Theaterstück des Abends, die vielen Ebenen, die da zusammenkommen: der Reporter, das Buch, die beschriebene Wirklichkeit, die wirkliche Wirklichkeit, die beschriebenen und die wirklichen Personen. Ich erwarte mir in erster Linie eine Klärung.

Was wollen Sie klären?

Ich porträtiere eine Kleinstadt, ich porträtiere aber nicht Zehdenick im Besonderen. Das wird für viele eine Neuigkeit sein. Meine erste Pflicht und Aufgabe bestand darin, ein gutes Buch zu schreiben, meine zweite darin, den Leuten gerecht zu werden.

Die Betreiber der Pension, in der Sie gewohnt haben, fühlen sich verspottet. Trifft Sie das?

Ja, das beschäftigt mich. Ich nehme das sehr ernst.

Sie schreiben im Vorwort, Sie seien als Fremder gekommen und als Einheimischer gegangen. Wird die Lesung ein Heimspiel oder haben Sie Angst vor den Reaktionen der "Ureinwohner"?

Ein Heimspiel findet vor Fans statt. Zur Lesung in Zehdenick kommen keine Fans, da kommt die Wirklichkeit. Darauf freue ich mich.

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