In der Königsdiziplin Investigation geht ein Pulitzer-Preise 2010 an das gemeinnützige Online-Projekt ProPublica.von Steffen Grimberg

ProPublica stellt für viele sogar "die" Antwort auf die Frage dar, wie in Zeiten der US-Zeitungskrise Qualitätsjournalismus überleben kann. Bild: screenshot: propublica
Die diesjährigen Gewinner der Pulitzer-Preise sorgen für Aufsehen. Doch nicht etwa, dass wie befürchtet, das Regenbogen-Blatt National Enquirer für seine mit viel Geld erkauften Einzelheiten über Affären des demokratischen Ex-Präsidentschaftskandidaten John Edwards ausgezeichnet worden wäre. Die Juroren des wichtigsten Medienpreises der Welt haben vielmehr in einem Aufwasch eine Entwicklung nachvollzogen, die - zumindest mit Blick auf die USA - überfällig war: Seit gestern 15 Uhr Ortszeit ist die Emanzipation des Online-Journalismus perfekt. Gleich drei Online-Angebote - ProPublica, der Twitter-Dienst der Seattle Times und die Website des San Francisco Chronicle räumten die begehrte Auszeichnung ab.
Bemerkenswert ist dabei vor allem der Preis in der Kategorie "Investigativer Journalismus" für ProPublica. Sheri Fink hat für das gemeinnützige Projekt monatelang in New Orleans über die medizinische Versorgung von Opfern von Hurricane Katrina recherchiert. Der ausgezeichnete Beitrag, "The Deadly Choices at Memorial," deckte auf, dass manche Ärzte im allgemeinen Chaos einigen Patienten tödliche Injektionen verpassten - weil sie fürchteten, diese würden mangels Möglichkeit, sie zu evakuieren, einen noch schlimmeren Tod sterben.
Mit ProPublica wird nun zum einen ein überwiegend im Netz stattfindendes Projekt gewürdigt, dass für viele sogar "die" Antwort auf die Frage darstellt, wie in Zeiten der US-Zeitungskrise Qualitätsjournalismus überleben kann: Gefördert durch Spenden - und in Zusammenarbeit mit den "noch" existierenden klassischen Medien.
"Donate", zu deutsch "Spende!" grüßt in freundlichem grün ein Button auf der Homepage - ProPublica versteht sich selbst als "unabhängiger, nicht gewinnorientierter Newsroom". Das Ziel heißt "investigativer Journalismus für die Öffentlichkeit". Und die kann sich nehmen, was sie möchte: "Steal our stories", klau unsere Geschichten. fordert ein anderer Button auf der Homepage auf. Solange Beiträge nicht speziell gekennzeichnet sind, dürfen und sollen Artikel und Grafiken kostenlos weiterverbreitet werden. Die einzigen Bedingungen: Keine Veränderungen an den Texten, ein Credit für ProPublica - und natürlich ein Link.
"Für ProPublica arbeiten heute einige der besten investigativen Journalisten der USA", sagt die Washington Post-Reporterin Anne Hull, 2008 selbst Pulitzer-Preisträgerin - von daher sei es "gar nicht mal eine so große Überraschung", dass eine von ProPublica finanzierte Recherche gewonnen habe. Mit rund 35 festen Reportern ist ProPublica nicht einmal besonders groß - doch haben fast alle von ihnen bislang für die "großen" Blätter und Magazine gearbeitet.
Chefredakteur Paul Steiger kommt beispielsweise vom Wall Street Journal. Er feierte den Preis als ein "Signal, dass unser Modell funktioniert". Sheri Finks Recherchen seien außerdem "ein Beispiel par excellence, wozu ProPublica gegründet wurde", so Steiger: Aufzuklären, vor allem über "Missbrauch von Macht, das Interesse der Allgemeinheit an solchen Verfehlungen wach zu halten und Alternativen aufzuzeigen". Doch dieser "Watch Dog"-Journalismus ist teuer - weshalb ProPublica nur weiter existieren kann, wenn die "reichen Leute, die schon das Geld zur Gründung gegeben haben, ProPublica weiter unterstützten", sagt Hull. Außerdem brauchten Online-Projekte wie ProPublica "zumindest im Moment noch" die traditionellen Medien als Plattform, um ihre Beiträge zu veröffentlichen und bekannt zu machen.
Das stimmt auch im aktuellen Fall. Auch der 13.000 Wörter lange, jetzt mit dem Pulitzer-Preis bedachte Beitrag von Sheri Fink über ihre Recherchen in New Orleans wurde "in Zusammenarbeit mit der New York Times" produziert, wie es in der Pulitzer-Preisliste heißt: Es stand (auch) im New York Times Magazine.
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Leserkommentare
15.04.2010 21:59 | Sebastian Moll
Ich verstehe nicht warum sich in den deutschen Medien hartnäckig die Sprachregelung hält, dass Pro Publica ein Online Mediu ...