Kommentar Populistischer Papst

„Wie im Paradies“

Für welche Werte soll die katholische Kirche in Zukunft stehen? Papst Franziskus antwortet darauf mit gelebtem Populismus – und einem PR-Team.

Ein Papst ohne Berührungsängste: Der „Franziskus-Style“ basiert auf der Hinwendung zum Menschen. Bild: dpa

Der Weg zum Kind war lang gewesen. Erst mussten zwei sich überhaupt finden, die, wenn natürlich auch ohne Garantie für ein Zusammenbleiben über die gesamte Dauer der Aufzucht, sich jedenfalls insoweit einigen waren: Wir machen das jetzt, zusammen.

Dann, als der Embryo wuchs, hatte der erst mal all die vorgeburtlichen Tests zu überstehen; und jedem Ergebnis folgte ein Abwägen, ob speziell aus diesem Zellhaufen tatsächlich das Wesen erwachsen sollte, das man sich gewünscht hatte. War das Risiko für eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte zu hoch oder noch okay? Oder anders gesagt: Die Spalte ist sowieso kein Problem, aber was ist mit Trisomie 21? Sollen sehr nette Kinder sein, klar. Aber wollte man das? War das genau das, was man sich vorgestellt hatte, oder jedenfalls das Beste, was man bekommen oder sich leisten konnte?

Doch auch diese Hürde wurde genommen, das Kindlein war da, es war gesund, es wurde in den Kinderwagen gelegt, den dann aber dieser besoffene Autofahrer mitnahm. Nun war das Kind genau geworden, was man unbedingt hatte ausschließen wollen: krank, leidend ein Leben lang, schwerbehindert, nicht normal, eine schwere Belastung für die, die es auf die Welt gebracht hatten. Durch einen Schicksalsschlag, durch ein asoziales Arschloch. Und nun?

Was bleibt, wenn ein Mensch stirbt? Viele schöne Geschichten. Die sonntaz erzählt sie - in der taz.am wochenende vom 21./22. Dezember 2013 . Wie der Autor Wolfgang Herrndorf in seinen Helden weiterlebt, Maggie Thatcher Drinks mixte und Ottmar Walter Tankwart wurde. Und: Ein Gespräch mit Inge Jens über den Neuanfang nach dem Tod von Walter Jens. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

„Ich lass das jetzt so“, lautet der aktuell beliebte Bürospruch zum Thema. Demut hieß einst die entsprechende Tugend, die sich am besten mit dem Glauben an eine höhere Gerechtigkeit vertrug und vom Mitleid begleitet wurde, das die Gemeinde denjenigen entgegengebrachte, die vom Schicksal geschlagen waren. Und der Sünde der Hoffart machte sich in der ständischen Gesellschaft schuldig, wer seinen durch höhere Gewalt angewiesenen Platz nicht einnahm.

Eine Wende nach rechts?

Dass man etwas so lässt, wie es „nun einmal ist“, war noch vor Kurzem eher aus der Mode. Aber der ökonomische und soziale Zwang zur dauernden Selbstoptimierung, zum vierteljährliche Update der eigenen Persönlichkeit hat hier eine Wende eingeleitet.

Folgt man Ernst Jünger, dann ist es eine Wende nach rechts. Denn dass der Schmerz „zu den unvermeidlichen Erscheinungen der Weltordnung gehört“, sei eine Anschauung, „die jedem konservativen Denken innewohnt.“

Dem gegenüber steht die linke, auf jeden Fall fortschrittliche Rede vom Paradies auf Erden, das ein schmerzfreies sein soll. Um aber den größten Schmerz, den Tod, möglichst lange hinauszuschieben, muss man inzwischen vor allem verzichten, sich vorsorglich die Brüste amputieren lassen und überhaupt eine Körperdisziplin üben, die eher wieder an konservative Abhärtungsriten gemahnt.

Was bei der Bekämpfung des Schmerzes aber vor allem benötigt wird, ist Geld. Nicht nur in der Diskussion um die Palliativmedizin wird die Schmerzfreiheit zur sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Der kranke, der alte, der untrainierte, der nicht cyborgmäßig nachgerüstete Hartz-Körper ist zum Erkennungsmerkmal des Niederen geworden.

Von den Dicken und dem sozial allgemein zulässigen Hass auf die Prolls abgesehen, zieht er dabei weniger Spott auf sich als totalitäre Verdrängung und Ignoranz. In den Innenstädten der großen Zentren gibt es eigentlich keine Alten und Kranken mehr. In Städten wie München stören schon Kinder den normalen Ablauf. Menschen, denen es tatsächlich schlecht geht, sieht der normale Mitteleuropäer inzwischen eher im Fernsehen auf Lampedusa als in seinem angeblich richtigen Leben.

Perspektive auf das Menschsein

Dass über die Unfitten gar nicht oder wenn doch dann nur in satirischer Weise gesprochen werden kann, hat es in der europäischen Geschichte schon einmal gegeben: in der griechisch-römischen Antike. Im Kapitel seines Buches „Mimesis – Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ hat der Romanist Erich Auerbach herausgearbeitet, wie Drama und Sprache der Bibel, also vor allem der Evangelien, nicht nur die klassisch-römische Rhetorik unterwanderten, sondern die Gesamtperspektive auf das Menschsein verschoben.

„Ohne sich irgendwelche Zurückhaltung des Anstands aufzuerlegen“, schreibt Auerbach etwa zu einer von ihm analysierten Textpassage des Kirchenvaters Hieronymus, werden asketische Ratschläge erteilt, in „äußerster Anschaulichkeit“. Es geht geradezu um die „Ausbreitung körperlicher Abscheulichkeiten“, denn: „Schon in sehr früher [christlicher] Zeit gilt die Aufopferung für abstoßende Kranke und insbesondere der körperliche Kontakt mit ihnen bei der Pflege als eines der wichtigsten Merkmale, an denen christliche Demut und Streben nach Heiligkeit sich erweisen.“

Über Christus, den Sohn eines Handwerkers, einen Menschen niedrigster sozialer Stufe, der mit „Zöllnern und Dirnen“ spricht, konnte man nur „in einem neuen hohen Stil“ schreiben, „der das Alltägliche keineswegs verschmäht und der das sinnlich Realistische, ja das Häßliche, Unwürdige, körperlich Niedrige in sich aufnimmt“.

Dass der katholische Papst Franziskus einen „neuen Stil“ pflege, gehört zum Tagesgespräch. Interessant ist, dass seine soziale Rhetorik („Diese Wirtschaft tötet“) von modern-rechts bis modern-links kritisiert wird. Von rechts, weil der Kapitalismus bewiesenermaßen – und zwar für alle Menschen – besser sei als die in den letzten Jahrhunderten erprobten Alternativen Feudalismus, Sozialismus, Steinzeit-Kommunismus, Islamismus et cetera; und von links, weil der „Franziskus-Style“ der Kritik folgenlos bleibe, da er Ross und Reiter (etwa die Banken) nicht benenne.

Rechte und Linke haben recht – und zwar gemeinsam. Denn den Kapitalismus als zwar imperfekte, aber einzig verbliebene Hoffnung zu promoten; oder zu beklagen, dass man ihn eben bändige müsse, was sich dieses vorwitzige, blitzgescheite Kerlchen aber im globalen Maßstab nie gefallen lässt und jede Kette, die ihm seine Kritiker in jahre- und jahrzehntelanger Kleinarbeit anlegen, lässig und rasend schnell wieder sprengt: Das ist das Gleiche.

Populismus gegen das total Gleiche

Und gegen das totale Gleiche hilft nur der Populismus, die Rückbesinnung auf den konkreten Menschen und den seiner Natur innewohnenden Schmerz. Das ist die Marktlücke, die Franziskus für die katholische Kirche entdeckt hat und medial nun professionell verbreiten lässt, wie Radio Vatikan am Donnerstag vermeldete: Der Vatikan wolle seine Kommunikation mithilfe der Unternehmensberatung McKinsey „effizienter und moderner“ gestalten. McKinsey habe von der Kommission zur Berichterstattung über die wirtschaftlichen und administrativen Angelegenheiten den Auftrag erhalten, sie bei der Erstellung eines „Gesamtplans zur Organisation der Kommunikationsmittel des Heiligen Stuhls“ zu beraten.

Achtung, jetzt kommt ein Spoiler: In einem der zugleich gnadenlosesten wie tröstendsten Bücher der letzten Jahre, „Dunkler Gefährte“, erzählt der US-Autor Jim Nisbet vom Schicksal seines Helden Banerjhee Rolf, BJ genannt, eines naturwissenschaftlich gebildeten, altmodisch-kritischen und arbeitslosen Familienvaters in Kalifornien. Der sieht sich, durch die Fehlerkette eines paranoiden Überwachungsapparats, von einer Sekunde auf die andere zum Mörder zweier United States Federal Marshals gestempelt.

Ein normaler Polizist, der ihm die Sache eingebrockt hat und im Sterben liegt, hält BJ einen Vortrag über – das System: „Scheiße, BJ, es wird ein Jahr dauern, bis du einen Anwalt zu Gesicht bekommst. Zwei Jahre. So arbeiten diese Mistkerle heutzutage. Sie haben völlig freie Hand. Und hier haben sie’s versaut. Ich bin ein Cop, betrachte das als fundierte Meinung. Lass es krachen, BJ! Sieh zu, dass du in einem Feuerball aufgehst oder du verrottest bis ans Ende deiner Tage in einem Hochsicherheitstrakt, nur mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher und nix da mit Habeas Corpus.“

Und BJ weiß, was er zu tun hat. Er hat keine Chance, und er nutzt sie. Aber es ist ja auch die ästhetische Aufgabe einer gelungenen Kunstfigur, die Sache konsequent zu Ende zu bringen. Er lässt sich von den Cops erschießen.

In der wirklichen Welt ist der von Franziskus stumm umarmte Vinicio Riva 53 Jahre alt und und leidet seit seinem 15. Lebensjahr an Neurofibromatose. Von einer Fortpflanzung raten die Ärzte bei diesem unheilbaren Gendefekt ab. Seine Mutter starb einst an derselben Krankheit. Zu seiner Begegnung mit Franziskus sagte er: „Es war wie im Paradies.“

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Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.

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