Wie der Versuch, den Irakkrieg zu rechtfertigen, in die Wüste führt: Don DeLillos Kurzroman "Der Omega-Punkt".von CHRISTOPH SCHRÖDER

Menschlich bleiben? Nein, wir wollen Steine auf dem Feld sein. Don DeLillo. Bild: joyce ravid/dpa
In der Offenbarung des Johannes heißt es: "Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende." Aus diesem Satz heraus hat der 1955 verstorbene französische Jesuit und spätmystische Philosoph Pierre Teilhard de Chardin seine Theorie des Omega-Punktes entwickelt: den Gedanken eines fernen Endzustandes in der menschlichen Evolution, auf den diese sich zielgerichtet und zwangsläufig zubewegt. Die unwiederbringliche Einheit all dessen, was ist - Geist und Materie -, in Gott. Wenn in Don DeLillos neuem Roman Menschen über den Omega-Punkt sprechen, klingt das so: "Ein Sprung aus unserer Biologie hinaus. Stellen Sie sich mal diese Frage. Müssen wir für immer menschlich bleiben? Das Bewusstsein hat sich erschöpft. Zurück zu anorganischer Materie, na los. Das wollen wir. Wir wollen Steine auf dem Feld sein."
Don DeLillo ist zweifellos der Autor, der so brillant und stimmig wie kein anderer seiner Generation die Themen der Moderne und Postmoderne in Literatur übersetzt hat: die Massenmedien und deren illusorische Funktion, das Verschwinden des Einzelnen in ihnen, den Terror, die Wechselwirkung von Realität und Verschwörungstheorien. "Der Omega-Punkt", ein gerade einmal 100 Seiten umfassendes Virtuosenstück, fügt sich in dieses Spektrum nahtlos ein.
Das Buch hat seinen Anfang und sein Ende, sein Alpha und sein Omega, in einem Szenario, in dem ein Mensch in einem technisch erzeugten Bild aufgeht. Vor Douglas Gordons Videoinstallation "24 hours Psycho" im Museum of Modern Art in New York steht ein Mann und starrt gebannt auf das Kunstwerk vor ihm: Hitchcocks "Psycho" in Extremverlangsamung, gedehnt auf eine Spieldauer von 24 Stunden; eine Offenbarung in jedem einzelnen Bild; eine Zerlegung in Einzelteile, aus der etwas gänzlich Neues und Unbekanntes entsteht, und zugleich eine Auslöschung. Neben diesem anonymen Betrachter befinden sich im Raum: ein älterer Herrn im Anzug mit langem, weißem, zu einem Zopf geflochtenem Haar und ein junger, auffällig nervöser Mann in Jeans und Turnschuhen. Das sind Richard Elster und Jim Finley, die beiden Protagonisten des Romans, die DeLillo nach dem furiosen "Psycho"-Auftakt im wahrsten Sinne in die Wüste schickt.

Dies ist ein Text aus der sonntaz, die am 20. März erscheint – unter anderem mit einem Interview mit drei Menschen, die Terroristen gewesen sein sollen und dem Lebenswerk eines Baumsammlers. Das alles zusammen mit der aktuellen taz ab Samstag am Kiosk Foto: taz
Der Intellektuelle Elster hatte sich von der Bush-Regierung anheuern lassen. Er sollte dem Irakkrieg ein intellektuelles Gerüst, eine philosophische Rechtfertigung geben. Nun hat Elster sich in die kalifornische Wüste zurückgezogen. Dorthin folgt ihm der junge Filmemacher Finley; ein Besessener, der Elster überreden will, mit ihm einen Film zu drehen, in dem dieser vor einer leeren Wand von seiner Tätigkeit erzählt - ohne Schnitt, ohne Kommentar.
So weit die äußere Handlung, doch der Roman lebt in und von seinen Dialogen und Reflexionen, von den zusehends alkoholgeschwängerten Gesprächen zwischen Elster und Finley. Gerade an Elster spielt DeLillo die Motive von Flucht und Selbstauflösung in allen Varianten durch: "Nachrichten und Verkehr. Sport und Wetter. So seine ätzenden Begriffe für das Leben, das er hinter sich gelassen hatte." Von der verlogenen Weltwahrnehmung der Militärstrategen hat Elster sich entfernt, hin zu einem Dasein, das dem Omega-Punkt näher kommen will, der bei DeLillo als eine rein naturwissenschaftliche Variante erscheint.
Doch gerade die Gesetze des Messbaren sind hier in der Wüste obsolet geworden: Zeit spielt keine Rolle mehr. Zwei, drei Tage wollte Finley bei Elster bleiben; irgendwann bei zwanzig hört er auf zu zählen. Eine Form von Dynamik kommt in das Geschehen, als Elsters Tochter aus New York auftaucht und kurz darauf spurlos verschwindet. Es ist eine bittere Pointe DeLillos, dass der Gelehrte im Angesicht des tatsächlichen Verlustes in einen Zustand hilfloser Agonie eintaucht, in dem sämtliche theoretischen Lehrsätze versagen.
Am Ende dieses vielschichtigen Buches stehen wir wieder im Museum of Modern Art. Wieder "Psycho", wieder die Endlosschleife. Dass der anonyme Betrachter, der sich von der Installation nicht lösen kann, ein heimlicher Wiedergänger des Psychopathen Norman Bates sein könnte, kristallisiert sich nun heraus. Überall Spiegelungen, Referenzen, Verweise, Täuschungen. Überall der Beweis, dass das, was die Wörter sagen, nicht das ist, was sie bezeichnen, und auch nicht das, was wir sehen. Wenn wir mit dem aufgeklärten Zivilisationsmystiker DeLillo zum Omega-Punkt blicken, spüren wir einen Hauch von Erlösung von alldem. Und sehen Steine, die irgendwann wir selbst sein könnten.
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Don DeLillo: "Der Omega-Punkt". Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 112 Seiten, 16,95 Euro</typohead>
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