Sexueller Missbrauch an Schülern

Internatsschulen planen Krisentreffen

Nach der Entdeckung neuer Fälle stellen Pädagogen das "System Internatsschule" in Frage. In der Odenwaldschule wird über den Charakter der baldigen 100-Jahr-Feier nachgedacht.von C. FÜLLER

BERLIN tazVermutungen über weitere schlimme Missbrauchsfälle führen an dem hessischen Reforminternat Odenwaldschule zu massiven Konsequenzen. Einige LehrerInnen forderten, den eigentlich als 100-Jahr-Feier gedachten Jubiläumskongress umzuwidmen, um den Missbrauch aufzuklären. Der ehemalige Leiter der Odenwaldschule, Wolfgang Harder, regte sogar an, das Internat im hessischen Oberhambach aufzulösen und neu zu gründen. "Das System Internatsschule ist als Ganzes in Frage gestellt", sagte Wolfgang Harder, der 1999 an der Aufklärung des ersten Missbrauchsskandals beteiligt war, der taz.

Die Frankfurter Rundschau hatte am Montag berichtet, es seien auch Mädchen an der Schule Opfer geworden. Die Zeitung zitiert einen anonymen Informanten, der wisse, dass sich "in einem Fall zwei Lehrer ein Mädchen als sexuelle Gespielin ,geteilt' haben". Bislang war nur der Fall des ehemaligen Leiters der Schule Gerold Becker bekannt, der 1998 von allen Ämtern an der Schule entbunden wurde. Der Homosexuelle Becker hatte Schüler zum Sex genötigt. Die Fälle wurden 1999 bekannt, danach zog die Odenwaldschule umfangreich Konsequenzen.

Sie richtete unter anderem auf Anregung junger LehrerInnen einen "Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch" ein. Dieser Ausschuss habe effektiv gearbeitet, sagten Mitglieder der taz. Schüler und Lehrer können dort Verdachtsfälle melden- Übergriffe vom Schlage Beckers wurden dort in den letzten zehn Jahren nicht mehr gemeldet.

Die Leiterin der Odenwaldschule bestätigte am Montag nun 24 Fälle - erneut aus den 70er- und 80er-Jahren. "Das Leid können wir nicht mehr gutmachen", sagte Margarita Kaufmann vor Journalisten. "Aber wir wissen, dass es Leid war." Sie rief ehemalige Schüler der Jahre 1970 bis 1985 auf, sich wegen möglichen Missbrauchs zu melden. Dafür werde eine Hotline eingerichtet.

Die neuen Veröffentlichungen haben nun die Vereinigung der Landerziehungsheime (LEH) aufgerüttelt, die 21 Internatsschulen vertritt. "Wir hatten bereits nach dem Fall Becker Sicherungen eingebaut, aber wir werden schon kommende Woche mit allen Psychologen und neuen Lehrern unserer Schulen die Situation erörtern", sagte LEH-Präsidentin Erika Risse der taz. Ihr Vorgänger Wolfgang Harder ging sogar so weit, zu sagen, man müsse unter Umständen bereit sein, Einrichtungen zu schließen. Die Bundesregierung will am 23. April einen runden Tisch zum Missbrauch veranstalten.

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