Das Beben in Chile brachte auch die Gesellschaft ins Wanken. Plünderungen und Misstrauen und Angst halten Einzug.von CLAUDIUS PRÖßER
Iván Pérez hat eigentlich nicht viel für Tiere übrig. Schon gar nicht für streunende Katzen, die nur Flöhe ins Haus bringen. Aber nachdem sich in den frühen Morgenstunden des 27. Februar die Erde aufgebäumt hatte, als wolle sie alles Leben von sich abschütteln, war der winzige schwarze Kater völlig verstört in Pérez' Reihenhaus in Curanilahue aufgetaucht. Bei jedem Versuch, ihn wieder auf die Straße zu setzen, war er zurückgekommen und hatte herzzerreißend geschrien. Also durfte er erst einmal bleiben. Immerhin hatte sein neuer Besitzer gleich einen passenden Namen für ihn: Terremoto, Erdbeben.
Während Terremoto um Pérez' Beine streicht, bilanziert der 34-Jährige noch einmal die vergangenen Tage, in denen sich so viel verändert hat für Chile. Detailliert erzählt er, wie das Beben, das im Epizentrum 8,8 Grad auf der Richter-Skala erreichte, das Haus regelrecht zu zerreißen schien. Wie er die Treppe mehr hinunterfiel als -lief, wie das Geschirr durch die Küche flog, wie die Erde dröhnte. Drei ewige Minuten lang. Als er später erfuhr, dass Curanilahue in der Kernzone des Bebens lag, sei er regelrecht erleichtert gewesen, sagt Pérez. "Hätte es anderswo noch schlimmer gebebt, wäre von Chile wohl nicht mehr viel übrig gewesen."
Erst am Nachmittag ist Iván Pérez noch einmal kreuz und quer durch seine Heimatstadt gelaufen. Er kennt hier jeden Winkel, aber studiert, gearbeitet und gewohnt hat er in den vergangenen Jahren anderswo, in Santiago und Concepción. Pérez ist Soziologe, vor kurzem erst ist er wieder hergezogen, um in einem Projekt zu arbeiten, dass seine Universität zusammen mit der hiesigen Stadtverwaltung durchführt: ein Förderprogramm für Kleinstunternehmer. Die Arbeitslosigkeit ist die Geißel von Curanilahue, seit 2006 der staatlich subventionierte Kohlebergbau im Trongol-Schacht endgültig eingestellt wurde. Die Stadt ist eine der ärmsten in einer armen Region, aber auch hier gibt es welche, die noch ärmer sind als der Rest. Die hat das Mega-Beben vom 27. Februar am schlimmsten getroffen. Von den altersschwachen Holzhäusern, die sich, halb auf Stelzen, um einen schmalen Zufluss des Río Curanilahue drängen, sind viele regelrecht wieder zu den Brettern zerfallen, aus denen sie einmal gezimmert wurden. Andere stehen so schief, dass an einen Wiederaufbau nicht zu denken ist. Ihre Bewohner haben sich zu Verwandten geflüchtet, manche schlafen auch in einer von der Stadt eingerichteten Notunterkunft oder in Zelten. In anderer Hinsicht war das Beben gerechter: Strom, Wasser und Telefon gab es eine Woche lang für kaum einen der 30.000 Einwohner.
Jetzt, zehn Tage nach dem Totalausfall, brennt wieder Licht, das Wasser fließt, wenn auch spärlich. Die Telefonkabel sind repariert, Mobiltelefone lassen sich wieder aufladen. Einkaufen ist schon schwieriger. "Der große Supermarkt wurde geplündert, ein kleinerer geplündert und danach angezündet", erzählt Pérez. Acht angrenzende Wohnhäuser sind mit abgebrannt, die Feuerwehr hatte kaum Wasser zum Löschen. Genau wie in Concepción, in Lota, Coronel oder Talcahuano wurden viele Läden in den ersten Tagen nach dem Erdbeben leergeräumt, im Schutz der Dunkelheit, aber auch bei Tageslicht. Die Polizei war schließlich völlig überfordert, die privaten Wachschützer nicht zur Arbeit erschienen. Dass wirklich die schiere Not den Ausschlag gab, mag niemand so recht glauben, und Pérez will - wie andere Augenzeugen in anderen Städten - ehrenwerte Bürger beobachtet haben, die Plasmabildschirme oder Spirituosen aus den Geschäften trugen. Das Rollgitter aufgebrochen hatten vorher selbstverständlich andere. Was außer der Armut noch lange anhalten wird nach diesem Beben, ist das Misstrauen - und die Angst. Beides schürte die Lagerfeuer, an denen viele Bewohner von Curanilahue eine ganze Woche lang Wache schoben, Nacht für Nacht, so lange, bis die Straßenlampen wieder brannten. Genau wie anderswo auch war es nämlich nicht bei der Plünderung von Läden geblieben. Es traf die zerstörten und verlassenen Häuser, dann auch andere, bewohnte. Zumindest hatte jeder schon gehört, dass es einen anderen getroffen hatte.
Das kleine Neubaugebiet, wo Iván Pérez wohnt, liegt strategisch ungünstig zwischen zwei besonders armen Siedlungen, eine davon ist vor Jahren aus einer Landnahme hervorgegangen. Für die, die dort wohnen, sind die Leute in Pérez' Viertel "die Reichen" - immerhin haben die meisten von ihnen eine Arbeit. Man musste sich also schützen, mit Präsenz, mit Trillerpfeifen, mit Stöcken. Auch Schrotflinten wurden gesehen. In den ärmsten Vierteln bewaffnete man sich auch. Es gab ja Rivalitäten mit anderen ärmsten Vierteln. Nach drei apokalyptischen Nächten voller Gerüchte und Nachbeben rückten die Soldaten ein. Die scheidende Regierung unter der Sozialistin Michelle Bachelet hatte nach anfänglichem Zögern den Katastrophenzustand für die betroffenen Regionen ausgerufen, die seitdem bis auf Weiteres von Generälen regiert werden. Die Menschen in Curanilahue freuten sich über die Ankunft des Militärs, viele klatschten am Straßenrand Beifall. Dabei setzen sich die Uniformierten ganz und gar nicht als Freunde und Helfer in Szene. Sie fahren auf Panzerwagen, sie tragen Helme und Gewehre, ganz so, als herrsche tatsächlich ein Krieg. In einer der vergangenen Nächte hat Iván Pérez zwei Journalisten von Radio Bío-Bío aus Concepción seine dunkle Stadt gezeigt. Der Sender hatte die beiden mit einem Satellitentelefon für Liveberichte ausgerüstet, unter den gegebenen Umständen ein unschätzbar wertvolles Gerät. Ein halbes Dutzend mal musste das Auto anhalten, hatten die kontrollierenden Rekruten den Finger am Abzug, wurden schneidende Fragen gestellt.
Es herrscht eine strenge Ausgangssperre in der Region, zum ersten Mal seit den Achtzigerjahren unter der Pinochet-Diktatur. Immerhin: Der salvoconducto der beiden Reporter, eine militärische Sondergenehmigung, machte zuverlässig den Weg frei.
"Ich bin Sozialist", sagt Iván Pérez, "und ich wehre mich dagegen, dass arme Menschen seit den Plünderungen unter Generalverdacht gestellt werden. Aber offenbar produziert die Armut in diesem Land ein Kriminalitätsproblem, das die Regierung nicht in seinem ganzen Umfang wahrnehmen wollte." So denken viele in diesen Tagen. Zur Trauer über die Opfer des Erdbebens, zur Bestürzung angesichts der Zerstörung von Wohnraum, Infrastruktur und historischen Gebäuden gesellt sich die ernüchternde Erfahrung, dass Chile vielleicht doch noch kein Land der Ersten Welt ist. Trotz der vielen Shopping-Malls, der Hochhäuser und der neuen Autos. Dass das von den Mitte-Links-Regierungen der letzten zwanzig Jahre fortgeführte wirtschaftsliberale Wachstumsrezept die Gesellschaft nicht integriert, sondern spaltet. Auch vor der Bebennacht konnte man das sehen - aber nur wenn man wollte.
Mittlerweile haben einige Plünderer hunderte gestohlene Fernsehgeräte, Waschmaschinen und Möbel zurückgebracht. Für Präsidentin Michelle Bachelet hat das "Plündern nichts mit Überleben zu tun". "Das sind einfach nur Leute, die Profit aus dem Elend der anderen schlagen wollen."
Iván Pérez' Job steht kurz nach dem Start schon wieder auf der Kippe. Wer weiß, ob die Stadt in der nächsten Zeit Geld für solche Projekte übrig hat. Vorrang hat jetzt der Wiederaufbau. Macht nichts, er wird schon etwas finden, er ist jung, er hat einen Universitätsabschluss, er hat Kontakte. Und seit neuestem ein Haustier, das er zuallererst einmal entflohen sollte.
In den deutschen Nachbarländern gibt es verschiedene Gebräuche bei der Parteienfinanzierung. Und im Spendenparadies Österreich eine Reform. von R. Balmer / R. Leonhard / M. Rank

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare