In der Daadgalerie rechnet ein britischer Künstler namens Phil Collins in zwei Filmen mit der Manipulation der Massenmedien ab. Dazu kommt ein Indoor-Autokino.von JULIA GWENDOLYN SCHNEIDER

Diskutiert Fragen von Race und Klasse: Phil Collins "Soy mi Madre" Bild: promo
15 Gebrauchtwagen haben seit letztem Donnerstag in der Temporären Kunsthalle Berlin ihre Stellplätze bezogen. Passend zum Berlinale-Monat hat der britische Künstler Phil Collins den White Cube in eine Black Box verwandelt. Sein "Auto-Kino!" erinnert charmant an die legendäre Form des Kinovergnügens, die in den USA in den 50er-Jahren populär wurde.
Collins und Sinisa Mitrovic, die gemeinsamen Betreiber von Shady Lane Productions, haben ein Programm aus über 100 Titeln zusammengestellt, das von Videokunst über Filmklassiker bis zu Berlinfilmen reicht. Bei ihnen flimmern Videoarbeiten und Experimentalfilme, Genres, die sonst entweder nur im Kunstkontext oder nur im Kino gezeigt werden, auf derselben Leinwand. Die Kreuzung aus einer lässigen Autositzatmosphäre zum bequemen Hinfläzen mit einem innovativen Filmprogramm ist vielversprechend.
Man fragt sich allerdings, ob es nicht konsequenter gewesen wäre, das Hallendach zu lüften und ein echtes Freiluftkino zu kreieren. Collins' Autokino geht es aber gar nicht um den Freiluftaspekt oder die Freiheit hinterm Steuer, sondern um die Autokapseln vor der Leinwand. Er besitzt selbst keinen Führerschein und interessiert sich auch nicht für Autos. Es ist der sekundäre Nutzen des gleichermaßen geschlossenen wie offenen Autoraums, der ihm als subversiv erscheint.
Collins empfindet Ausstellungssituationen im Allgemeinen als ziemlich restriktiv, sagt er. Auf den Autologenplätzen könne man hingegen theoretisch machen, was man wolle. Durchsicht und distanzierender Effekt treffen aufeinander und machen einen Rückzug ins Private inmitten der Öffentlichkeit möglich.
Mehr Leben drinnen als draußen
Das Autokino ist dem Wohnzimmer in der Tat näher als dem Kinosaal. Hierin liegt aber auch sein Paradox: Die wenigen Logenplätze erzeugen im Ausstellungsraum eine von der Öffentlichkeit abgegrenzte Gemeinschaft. Nur wer seinen Platz im Voraus gebucht hat, kann dazugehören.
Das Laufpublikum bekommt den Ton der Filmprojektion hingegen nicht zu hören, da dieser nur über die Frequenz UKW 89,2 des Autoradios zu empfangen ist. Da bleibt nur eins, rechtzeitig buchen. Collins fände es übrigens großartig, wenn die Großmutter mit ihren Enkeln ebenfalls vorbeischauen würde. An zwei Sonntagen gibt es ein Kinderprogramm.
Für Collins hat sich das Leben immer mehr drinnen als draußen abgespielt. Als Kind ist er mit den britischen Seifenopern "Coronation Street" und "Brookside" aufgewachsen. Seine jüngste Arbeit "Soy mi Madre" (2008), die ab Freitag in der daadgalerie gezeigt wird, nutzt die Regeln der lateinamerikanischen Variante und übersteigt das Genre zugleich. Die archetypischen Identitätsmuster der Telenovela auf die Spitze treibend, verarbeitet Collins in seinem schrillen Melodram die Erfahrungen einer Künstlerresidenz in Aspen.
In seinem Rührstück porträtiert er die sozialen Realitäten hinter den Kulissen dieser extrem reichen Kleinstadt im US-Bundesstaat Colorado. Lose inspiriert durch Jean Genets Drama "Die Zofen", das die schwierigen Machtbeziehungen ungleicher sozioökonomischer Schichten surreal in Szene setzt, widerlegt Collins das glamouröse Bild der Stadt. "Soy mi Madre" ist seine Hommage an die mexikanische Bevölkerung, die in der Region einen Großteil der Servicejobs erledigt. Neben "Soy mi Madre" wird auch die ältere und bisher wenig gezeigte Videoarbeit "Hero" (2002) zu sehen sein.
Grässliches Reality-TV
Beide Arbeiten bilden versteckte Kommentare zu Fragen von Race und Klasse und werfen einen kritischen Blick auf die Sozialpolitik in der Bush-Ära. In "Hero" rechnet Collins zugleich mit den manipulierenden Techniken der Massenmedien ab. Einem anonymen New Yorker Journalisten reicht er aus dem Off Whisky, den der Schreiberling trinken muss, wie in einer grässlichen Reality-TV-Show oder in einem Ausdauerstück der Performancekunst.
Sein Studiogast erzählt derweil, untermalt von Mariah Careys 9/11-Hit "Hero", seine persönliche Version der Ereignisse um den 11. September 2001. Was der trunkene Held von sich gibt, wird nicht immer wirrer, sondern zunehmend verständlicher, da das Material in umgekehrter Reihenfolge zusammengeschnitten wurde.
Diese bislang wohl mutigste Arbeit von Collins belegt den entwaffnenden, aber niemals verantwortungslosen Charme seiner künstlerischen Herangehensweise: Er zeigt, wie etwas unerhört Manipuliertes zugleich ernsthaft bewegend ist.
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