Warum sind Linksextreme der Familienministerin Köhler so ein Dorn im Auge, dass sie Millionen gegen sie locker macht? Ein Blick in ihr Tagebuch gibt Aufschluss: Josch-Jonas ist Schuld.

Josch-Jonas, nimm Dich in Acht! Bild: ap
Mein liebes Tagebuch,
du musst mir helfen. Die alte Wunde ist wieder aufgebrochen. Fast schon hatte ich sie vergessen, diese Schmach, diese Demütigung, diese erste Kränkung meines unschuldigen Herzens. Aber dann hatte ich heute Nacht diesen Traum. Oh helfe mir Gott, kann ich das wirklich aufschreiben? Ich zögere noch ...
Diese Woche hat überhaupt so schrecklich angefangen. Erst habe ich meinen linken Perlenohrring verloren. Selbst Ole (Schröder, Verlobter Köhlers, Anm. d. Red), der sonst immer den zweiten Ohrring findet (Ihh! Genau wie Leland Palmer in "Twin Peaks", wie gruselig!), konnte ihn nicht orten. Vielleicht sollte ich mal mit Wolfgang (Schäuble, Anm. d. Red.) reden, da lässt sich doch sicher was machen, so Ohrring-Überwachungs-technisch. Aber ich schweife ab. Ich wollte mir ja bei Dir, liebes Tagebuch, das Herz ausschütten und diesen Traum loswerden, bevor ich heute in den Bundestag gehe. Sonst kann ich nicht arbeiten und schon gar nicht mein Papier "Für eine effektive und nachhaltige Bekämpfung des Rechts- und Linksextremismus" zu Ende bringen.
Es ist extrem wichtig, dass ich endlich Schritte gegen diese Zecken einleite. In der Bundesrepublik Deutschland darf einfach kein Platz sein für politischen Extremismus, egal ob von links oder von rechts. Und das muss ausdrücklich auch für ausländische Gruppierungen gelten. So. Das muss auch die Presse mal kapieren, dass die mickrigen zwei Millionen Euro, die ich dafür locker machen will, da längst nicht reichen. All das Shampoo, die Seife, die Armada von Frisören die dafür sorgen sollen, dass aus diesem unappetitlichen Gestalten vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden! Dazu kommen noch Aufklärung und soziale Prävention. Ganz nebenbei: Ich liebäugle ja auch mit einer Bereitstellung von Perlenohrringen für weibliche Aussteiger aus den linksextremen Milieu. (Natürlich keine echten Perlen, aber auch Imitate wären zumindest ein ästhetischer Neuanfang!)
Aber ich wollte Dir ja meinen Traum schildern, liebes Tagebuch: Es ist 1991. Wiesbaden, mein altes Gymnasium, die Diltheyschule. Die Gänge sind leer, es ist still und riecht nach Kreide und altem Schwamm. Ich befinde mich im Lehrerzimmer. Und ich bin nicht allein. Liebes Tagebuch, jetzt kommt's. Bitte verzeih auch Du mir, Ole, aber: Ich liege in den Armen von Josch-Jonas. Schmiege meine Wange in seine nach Tabak und Patschuli riechenden Rastalocken. Mein Blick ist auf die "Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz"-Aufschrift auf seinem Parka-Ärmel gerichtet und ich empfinde sie nicht als obszön. Ich atme seinen Geruch tief ein und spüre sein Herz an meinem schlagen. Dann blickt er mich an mit seinen sanften Augen und sagt "Du kommst doch morgen mit zur Golfkriegs-Demo?". Ich bin unendlich glücklich. Dann wache ich auf. Schreiend, mit kaltem Schweiß bedeckt. Ole reicht mir ein Glas Wasser.
Auch jetzt, liebes Tagebuch, während ich diese Zeilen schreibe, hallt der Eindruck aus dem Traum in mir nach. Ich zittere. Alles fällt mir wieder ein.
Wie Josch-Jonas zu uns in die Klasse kam. Mitten im Schuljahr, weil seine Eltern die Olivenfarm in Griechenland aufgegeben hatten und nach Wiesbaden gezogen waren. War er nicht sofort der Lehrerliebling? Der eloquenteste Redner der Schülervertretung? Auch ich konnte mich seiner Ausstrahlung nicht entziehen, was mich damals in tiefe Verwirrung und Depression stürzte. Liebes Tagebuch, Du erinnerst Dich vielleicht an den Eintrag vom 15. März 1991: "Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mir wurde heute ganz schwindelig, als mich Josch-Jonas' Parka in der Pause streifte."
Ich liebte Josch-Jonas damals so sehr, dass ich mich sogar mit meiner besten Freundin Nadine zerstritt. Sie wollte einfach nicht verstehen, warum ich ein Loch in meine Barbourjacke geschnitten und einen Peace-Button am Revers befestigt hatte. Außerdem warf sie mir vor, dass ich mir die Haare auf einmal zu einem Mittelscheitel kämmte und auf FCKW-haltiges Spray verzichtete.
Ja, und dann kam dieser vermaledeite Nachmittag, als Josch-Jonas und ich plötzlich nebeneinander in der Geografiestunde saßen. Er roch ein bisschen muffig, kippelte mit dem Stuhl und ritzte mit mit einem Taschenmesser "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht!" in das Pult. Wie erstarrt sah ich zu, verfolgte gebannt seine geschmeidigen Bewegungen. Und dann – ohne dass ich es wollte, liebes Tagebuch, Du warst mein Zeuge! – hob ich meinen Arm und sagte laut und deutlich "Josch-Jonas zerstört Schuleigentum."
Damit war ich für meine erste Liebe natürlich gestorben. Am nächsten Tag bin ich in die Junge Union eingetreten. Aber sehen wir es mal positiv: Nur deshalb bin ich heute da, wo ich jetzt bin! Aber dass mich die Sache mit Josch-Jonas heute noch mitnimmt, erfüllt mich mit Schrecken. Allerdings macht es meine politischen Schritte umso notwendiger: Es muss endlich Schluss sein, mit diesen Zecken, diesen Rasta-Trägern, diesen Parka-Verkriechern, diesen Eigentumszerstörern und Demo-Randalieren, diesen stinkenden, ungepflegten Linken!
Deine Kristina
Heimlich in Kristina Köhlers Tagebuch gelesen hat Kirsten Reinhardt
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
02.02.2010 03:28 | SebastianKomaleck
habn problem mit der alten und der "extremismustheorie" aber dieser artikel ist einfach dähmlich
27.01.2010 23:15 | Lars
Lieber Hauke, ...
24.01.2010 00:19 | Nico E.
Also ich finde den Artikel lustig. ...