Mit Schockvideos und Störaktionen kämpft eine britische Umweltgruppe gegen Vielfliegerei. Die technisch perfekten Filme sollen erschrecken und aufrütteln.von SUNNY RIEDEL

Aus dem Himmel fallende Eisbären aus dem Youtube-Video von Plane Stupid. Bild: screenshot/youtube.com
In freiem Fall rasen die Eisbären der Erde entgegen, stoßen ihre pelzigen Köpfe an Hochhausecken blutig, bevor sie mit lautem Knall auf dem Asphalt aufschlagen. Unter der schmutzig-weißen Tierleiche bleibt ein dicker Blutfleck. Schnitt. Einblendung: "Ein durchschnittlicher Europaflug produziert über 400 Kilogramm Treibhausgas pro Passagier … das ist das Gewicht eines ausgewachsenen Eisbären." Dieses Schockvideo postete die britische Aktionistengruppe Plane Stupid vor anderthalb Monaten auf YouTube. Seitdem haben es gut 900.000 User angeklickt.
Graham Thompson, 36, ist einer der drei Gründer der Anti-Flug-Initiative Plane Stupid. Der Name ist ein Wortspiel: "plain stupid", gleich ausgesprochen, heißt zu Deutsch "saudumm", "plane stupid" so viel wie "dummes Flugzeug". Vor vier Jahren war dem Vollzeitumweltschützer, der früher einmal Philosophie studiert hat, aufgefallen, dass sich keine Umweltorganisation bisher gegen den Flugverkehr engagierte: "Damals wurde überall bekannt, dass Fliegen die weltweit am schnellsten wachsende Quelle für den CO2-Ausstoß ist.
Aber das Thema ist unpopulär. Es gibt schließlich nur eine Alternative zum klimaschädlichen Fliegen: gar nicht fliegen!" Kein Biosprit, keine Wind- oder Sonnenenergie stehen als Alternativen bereit - Fliegen, sagt Thompson, geht nicht umweltfreundlich. Dabei fliege er selbst auch gern, wenn auch nicht oft, sagt er. Regelmäßige Wochenendtrips nach Barcelona oder Istanbul aber seien einfach nicht in Ordnung.
Die drei Forderungen der Initiative richten sich vor allem an den Gesetzgeber. So fordert Plane Stupid das Verbot von Kurzstreckenflügen unter 500 Kilometern, den Ausbaustopp von Start- und Landebahnen und ein generelles Werbeverbot für Flugreisen. <object width="460" height="283">
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Großbritannien gilt als Vielfliegernation. Billiganbieter wie Easyjet sitzen hier. Der weltweit drittgrößte Flughafen, London Heathrow, auf dem jährlich rund eine halbe Million Flugzeuge starten und landen, soll demnächst eine dritte Landebahn bekommen. Plane Stupid will das verhindern - mit spektakulären Protestaktionen und Schockvideos.
Die Resonanz des Eisbärvideos spricht für sich. "900.000 Klicks, das ist schon ganz ordentlich", bestätigt Patrick Schenck vom Hamburger Trendbüro. Eine so spektakulär inszenierte Warnung vor der drohenden Zerstörung des Planeten sei viel nachhaltiger als konventionelle Aufklärungsvideos: "Die emotionale Tiefe einer Nachricht entscheidet darüber, wie sehr sie in Erinnerung bleibt", sagt der Trendforscher.
Im September 2006 sorgte die Gruppe erstmals für Aufsehen, als sie den East Midland Flughafen in Nottingham für mehrere Stunden lahmlegte. Zusammen mit 23 AnhängerInnen hielt Reverend Carroll einen Trauergottesdienst für die Opfer des Klimawandels ab. Durch die Aktion verspäteten sich fünf Flüge, rund tausend Passagiere waren betroffen, und Plane Stupid hatte seine erste Schlagzeile. Ein paar Wochen später störten AktivistInnen eine Versammlung von Firmenchefs von Fluglinien, indem sie Feueralarm auslösten. Sie infiltrierten Geschäftsempfänge in Businessklamotten, kletterten auf das Dach eines Parlamentsgebäudes und bewarfen Politiker mit Schleimbeuteln.

Dieser Text ist der aktuellen sonntaz vom 16./17.1.2010 entnommen - ab Sonnabend gemeinsam mit der taz am Kiosk erhältlich. Foto: taz
Immer wieder dringen sie in Flughäfengelände ein und stören den Betrieb. Nach einer Aktion auf dem Flughafen Stansted mussten 56 Flüge gestrichen werden. Die Gruppe rechnete aus, dass jeder beteiligte Aktivist dadurch 41,58 Tonnen Kohlendioxid gespart hatte. "Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich schon mehr CO2-Emissionen verhindert, als ich je verursachen kann", behauptet der Aktivist Thompson.
Die Passagiere sind über die Störungen nicht begeistert. Doch der Gruppe geht es nicht um Sympathie, sondern um Aufmerksamkeit. Sie werden in TV-Shows eingeladen, zieren Titelseiten, geben Radiointerviews. Und entgegen ihrer Erwartung erfahren sie massive Unterstützung.
Ein Grund dafür sei vielleicht das Auftreten, mutmaßt Thompson. Die meisten Mitglieder von Plane Stupid sind jung, um die zwanzig Jahre alt. Sie sind smart, gebildet und gut aussehend - einfach medial verträglich, "auch wenn es darauf nicht ankommt", beeilt sich Thompson den Erfolg einzuordnen. Klimaschutz ist cool! Und die radikalen Aktionen der Gruppe auch. Der offene Gesetzesbruch zieht viele an. Die meisten der etwa 250 AktivistInnen sind schon gegen den Irakkrieg auf die Straße gegangen, protestierten friedlich, schrieben Briefe - ohne Erfolg. Heute nehmen sie Strafen auf sich, um ein Zeichen gegen gedankenlosen Flugkonsum zu setzen.
Doch sie stellen sich auch der Frage nach ihrer Legitimität. In einer britischen Fernsehsendung sagte Mitgründer Joss Garman auf die Frage, wie Plane Stupid sein Vorgehen rechtfertige: "Eines Tages werden uns nachfolgende Generationen vorwerfen, dass wir nicht radikal genug gewesen wären." Für die Rettung des Planeten bleibt nach Meinung der Gruppe nur noch wenig Zeit.
Doch nicht aus noblen Weltverbesserungsgründen seien seine Mitstreiter und er aktiv, sagt Graham Thompson, sondern aus reinem Eigennutz: "Unsere Mitglieder sind heute um die 20 Jahre alt. Die meisten werden es noch erleben, wenn der Planet 2050 zerstört ist."
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Einfach nur gebrauchte Computer verkaufen ist ja wohl langweilig. In diesem Laden in Österreich gibt es außerdem Palatschinken, einen schnelldrehenden Flohmarkt und seeeeehr viele Hinweisschilder. Irre!

Leserkommentare
17.01.2010 11:34 | Schorsch
Zum Thema Energieverschwendung und CO2-Ausstoß: Allein beim Rasen-Solarium in der Allianz-Arena werden an 2 Tagen ca. 18 Me ...
17.01.2010 11:19 | Puehdi
Der Schlusssatz drückt in eindringlicher Weise eine wesentliche Problematik aus. Weiter so!
16.01.2010 22:19 | sara
@Tanja: würde die Menschheit sich nur selbst zerstören, fände ich es ja zumindest noch einigermaßen gerecht. Ich bezweifle ...