Taylor Swift, 20-jähriger Country-Superstar aus Nashville, über ihr Leben als Controlfreak, alte Besserwisser, beleidigte Exfreunde und 16-jährige Schulmädchen, die sich für Countrymusic begeistern.Interview: SEBASTIAN VOIGT

"Ich bin, so leid es mir tut, einfach nur ich selbst": Taylor Swift. Bild: ap
taz: Frau Swift, wann mussten Sie Ihre letzte geschäftliche Entscheidung treffen?
Taylor Swift: Vor fünf Minuten.
Welche war das?
In den USA bricht sie alle Rekorde. Elf Wochen insgesamt stand Taylor Swifts zweites Album "Fearless" an der Spitze der amerikanischen Billboard-Charts, so oft wie kein anderes in den Nullerjahren. Das Erfolgsgeheimnis: Swift eröffnet dem Country, dem einzigen Genre mit aktuell noch soliden CD-Verkäufen, eine vollkommen neue Zielgruppe: die Teenager. Swift, die im Dezember 20 Jahre alt wurde, hat nach eigenen Angaben bislang zwar nur platonische Liebschaften gepflegt, vertont aber Erfahrungen ihrer Freundinnen so versiert und detailliert, dass sich ihre Altersgenossinnen problemlos in den romantischen, aber immer auch leicht ironischen Liedern über Bad-Hair-Days und Exfreunde wiedererkennen können. Musikalisch ist Swifts Country für die Generation 2.0 ein auf Hochglanz polierter Stil. Vor allem auf der speziell für den europäischen Markt zugeschnittenen Version von "Fearless" mit einigen remixten Songs und zusätzlichen Stücken vom Debütalbum von 2006. Swift sieht sich in der Tradition ihrer großen Vorbilder Shania Twain und Dixie Chicks, die ebenfalls den Spagat zwischen Country- und Pop-Publikum geschafft haben. Bei der Ende Januar in Los Angeles stattfindenden Grammy-Verleihung ist Swift gleich in acht Kategorien nominiert.
Wir haben besprochen, ob wir ein zweites Konzert in London spielen sollen, weil das erste bereits ausverkauft ist. Und wir haben uns dafür entschieden.
Sie kontrollieren jede kleinste Entscheidung selbst.
Ja, ich lege großen Wert darauf, dass alle Entscheidungen über mich laufen. Das geht von der Auswahl der Hallen, in denen ich spiele, über alle Aspekte der Albumproduktion bis zu den Ländern, in denen ich Promotion mache. Sicherlich wäre es weniger stressig, wenn ich einfach nur die Rolle der Künstlerin ausfüllen und den ganzen Rest anderen Leuten überlassen würde. Natürlich braucht man immer noch ein Team, und ich habe zum Glück Menschen gefunden, denen ich vertrauen kann. Aber ich würde meine Karriere niemals komplett in fremde Hände legen, ich will nicht nur eine Puppe sein.
Warum ist Ihr zweites Album "Fearless" als veränderte europäische Version erschienen, mit zusätzlichen Songs und poppigeren Abmischungen?
Schon allein, weil ich meine eigenen Songs schreibe, ist es interessant für mich, verschiedene Versionen davon zu hören. Und die abweichende europäische Version finde ich ganz solide. Jedenfalls im Vergleich zu den obskuren Technoversionen meiner Songs, die im Internet kursieren.
Hatten Sie Einfluss auf diese Entscheidungen, dass Sie in Europa nicht als Countrysängerin, sondern eher als Popstarlet vermarktet werden?
Da ich noch nie in Europa war, weiß ich nicht, welche Musik sich bei euch verkauft. Also haben wir ortsansässige Labels gefragt, wie sie mich hier promoten wollen. Wäre doch blöd gewesen, deren Ratschläge nicht zu befolgen, oder? Ansonsten hoffe ich, dass die Leute nicht so sehr auf die Verpackung achten, sondern lieber auf die Musik.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie als Frau härter für Ihren Erfolg arbeiten müssen?
Eine Frau zu sein, war nicht die Herausforderung. Mein Alter war das größere Problem. Mit 13 Jahren hab ich die ersten Demos aufgenommen, mit 15 mein Debütalbum. Und immer wenn ich mit einem Song fertig bin, habe ich eine sehr genaue Vorstellung, wie er klingen soll. Ich weiß genau, wie er instrumentiert wird und in welches Arrangement er eingebettet werden muss. All das höre ich schon beim Komponieren im Kopf. Aber dann trifft man Produzenten, die einem tatsächlich ins Gesicht sagen: Kleines Mädchen, kümmer du dich mal ums Singen und überlass uns die Produktion. Ich hasse diese Typen!
Wie reagieren Sie darauf?
Man will ja respektvoll sein und höflich, das sind schließlich verdiente Produzenten und ich stehe noch am Anfang meiner Karriere. Aber wenn meine Musik nicht so klang, wie ich wollte, dass sie klingen sollte, musste ich mich wehren und Kontra geben und denen klar machen, dass ich vielleicht noch jung bin, aber trotzdem sehr genaue Vorstellungen von meiner Musik habe. Manchmal haben sie auf mich gehört und manchmal eben nicht. Bis ich Nathan Chapman getroffen habe, der mir wirklich zugehört hat und seitdem mein Produzent ist.
Wie erklären Sie sich Ihre große Popularität?
Ich habe dafür keine Erklärung. Aber ich weiß, dass ich viel Glück hatte, und dafür bin ich dankbar. Für die Musik habe ich hart gearbeitet, weil ich immer das Gefühl habe, mit ihr etwas beweisen zu müssen.
Das tun andere auch, aber mit weniger Erfolg.
Klar, harte Arbeit allein kann meinen Erfolg nicht erklären. Da spielen Millionen kleiner Dinge rein, wenn etwas so gut läuft. Essentiell war, dass ich meine eigenen Songs schreiben durfte. Die meisten Plattenfirmen hätten einer 16-Jährigen nicht zugetraut, eigene Stücke aufzunehmen. Meine Firma aber hat mir erlaubt, über das Arschloch aus meiner Klasse zu schreiben und über den Typen, der mich betrogen hat. Ich durfte schreiben über den Tag, an dem ich in den Spiegel schaute und nicht mochte, was ich dort sah. Ich durfte das selbst in Worte fassen, anstatt dass jemand anderes versuchen musste, meine Textperspektive einzunehmen. Tatsächlich hatte ich anfangs Angst, dass andere Menschen nichts mit meinen Songs anfangen könnten, weil sie so persönlich sind - aber dann lief es stattdessen genau umgekehrt: Meine Songs bedeuten den Menschen gerade deshalb etwas, weil sie durch und durch persönlich sind.
Wie wichtig war das Internet für den Erfolg?
Sehr wichtig. Allerdings spielten auch da viele Zufälle rein. Ich habe mit 14 meine eigene MySpace-Seite gemacht, weil alle meine Freunde über MySpace kommunizierten. Da habe ich meine Songs eingestellt, weil ich meinen Freunden die Demos vorspielen wollte, um zu hören, wie sie sie finden. Dann fingen die an, meine Songs zu adden und deren Verwandte und Freunde addeten meine Songs auch. Und bevor ich überhaupt offiziell Platten veröffentlicht hatte, gab es aufgrund meiner Internetpräsenz bereits Anfragen von Radiosendern.
Kümmern Sie sich immer noch selbst um Ihre MySpace-Seite?
Ständig.
Andere Stars leisten sich Lakaien, die ihr MySpace-Profil auf Vordermann bringen.
Auch wenn mir das niemand glaubt: Aber für mich ist das immer noch kein Promotiontool, sondern etwas sehr Persönliches. Das war immer mein Ding, von Anfang an. Darüber kommuniziere ich, darüber halte ich Kontakt mit meinen Freunden.
Sie haben mehr als eine Million MySpace-Freunde.
Ich weiß, aber diese Sorte Freunde meine ich jetzt nicht. Ich versuche weiterhin auch alle diese Anfragen zu beantworten, aber das ist natürlich unmöglich.
Countrymusik hat, zumindest hier in Deutschland, immer noch das Image, dass sie vor allem von knorrigen alten Männern und dickbusigen Frauen vorgetragen wird?
Da ist was dran.
Wie haben Sie es geschafft, 16-jährige Mädchen für Country zu begeistern?
Ohne cleveres Marketingkonzept. Ich gebe zu, von außen mag das so aussehen, aber es gab und gibt keinen Masterplan. Ich bin, so leid es mir tut, einfach nur ich selbst. Ich habe nun mal lockige, blonde Haare, ich trage schon immer Cowboystiefel und ich schreibe Lieder über mein Leben. Das ist das ganze Geheimnis. Entscheidend ist, dass mir erlaubt wurde, ich selbst zu sein. Denn meine Fans sind nicht so doof, die merken, dass ich echt bin.
Authentizität ist wichtig?
Unbedingt.
Sie sitzen mit Freunden zusammen, Geschichten werden erzählt. Welche erzählen Sie: Die wahre, ziemlich lustige Geschichte oder die halb wahre, irre lustige Geschichte?
Die nicht ganz so lustige, aber dafür wahre Geschichte - auf jeden Fall. Schon allein deshalb, weil ich im Geschichtenerfinden noch nie gut war. Mir gelingt kein Pokerface. (lacht) Ich habe einfach kein Talent zum Lügen, deshalb muss ich immer die Wahrheit erzählen.
Stimmt es, dass selbst die Namen Ihrer Exfreunde in Ihren Songs authentisch sind? Hat denn noch niemand seinen Anwalt eingeschaltet?
Ich bin ja nicht doof, ich benutze ja keine Nachnamen. So haben die keine Handhabe. Und ansonsten gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung. Außerdem war es eher umgekehrt: Der Sam aus meinem Song "Should've Said No" wurde auf MySpace von Fans aufgespürt, und anstatt es einfach abzustreiten, dass er mit dem Song gemeint ist, hat er es offen zugegeben. Selbst schuld! Oder Drew aus "Teardrops On My Guitar": Der hat sich selber auf seiner MySpace-Seite geoutet - und jetzt beschwert er sich, dass er von Stalkern verfolgt würde.
Können Sie in ein paar Jahren noch die Songs über Drew und Sam singen?
Das ist der Vorteil, wenn man Songs übers eigene Leben schreibt. Das Leben verändert sich und damit kommen neue Songideen.
Machen Sie sich Gedanken übers Älterwerden?
Natürlich, ziemlich oft. Ich weiß, dass ich mich verändern werde. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich mit 30 Jahren aufhöre mit der Musik und Kinder kriege. Aber wer weiß, vielleicht stehe ich mit 60 auch noch auf der Bühne.
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Leserkommentare
07.03.2010 09:34 | Oertzen
@Peter: ...
15.01.2010 13:23 | Peter
Irgendetwas kommt mir bei dem Interview seltsam vor. Erstens, dass die Frage war, ob sie ein oder zwei Konzerte in London s ...