• 01.01.2010

Berliner Originale

Historischer Hüttenzauber

Seit mehr als 100 Jahren wird in der "Bornholmer Hütte" getrunken, gefeiert, gekegelt. Verändert hat sich in dieser Zeit in der Kneipe mit Arbeitercharme nur wenig. Für die Gäste ist sie ein Fluchtpunkt im immer schickeren Prenzlauer Berg - und für viele Fernseh-Serien eine begehrte Kulisse.von ULRIKE HEMPEL

Hinterm Tresen klingelt scheppernd der Küchenwecker. "Moment, ich muss mal eben zu den Buletten", sagt Christine Gehrhus. Ab und an hat sie mal was in der Pfanne anbrennen lassen. Stell dir doch nen Wecker hin, riet Sohn Matthias, zur Schadensbegrenzung. "Na ja, bin ja auch nicht mehr die Jüngste", sagt die 67-Jährige schmunzelnd. Geschickt durchquert sie dann das weiträumige Lokal wie andere ihr Wohnzimmer, weicht eilig dem Kneipenmobiliar aus, um irgendwo ganz hinten vom dunklen Flur verschluckt zu werden.

Der Name der Kneipe, "Bornholmer Hütte", benannt nach der Straße, ist maßlos untertrieben: das hier ist alles andere als eine Hütte, eher Wartehalle, Filmkulisse, Fantasie eines durchgeknallten Schriftstellers. Der Stuck irgendwo in vier Meter fünfzig Höhe, die Wände braun wie eine olle Leberwurststulle.

Christine Gehrhus hat in der "genüsslich gewachsenen und kontinuierlich bewohnten Kiezkneipe" mehr Stunden ihres Lebens verbracht als im zweiten Stock desselbigen Mietshauses. Da oben hat sie gewissermaßen so eine Art Zweitwohnsitz zum Duschen, Schlafen und Füßehochlegen. Die Grande Dame der "Bornholmer Hütte" weiß auch, dass manche Tage in der Hütte zu lang für ne Frau in ihrem Alter sind. "Bin eben gute Räucherware, die hält sich besser als Frischfleisch", meint sie augenzwinkernd und stellt duftende Frikadellen, Kartoffelsalat und ne ordentliche Portion Senf auf den Tisch. "Tschuldigung, aber bei uns heißt das immer noch Bulette."

Familie Gehrhus führt die Kneipe in der Bornholmer Straße Nr. 89 nach bewährter Bier-an-Korn- und Buletten-Tradition schon seit 1954. Zuerst stand Walter hinterm Tresen, nach dessen Tod 1996 übernahm seine Frau Christine, und seit 1999 ist Sohn Matthias dran. Die Kneipe gibt es seit 1904, genauso lange wie das Mietshaus in dem ehemaligen Arbeiter- und heutigen Neubürgerbezirk Berlins.

Auf der Speisekarte sind historische Fotos vom Gebäude. Und da steht auch: "Wolfgang war im Westen und hat im Grunewald das Schlosshotel Gehrhus eröffnet". Wolfgang und Walter sind Brüder, und während der 1914 geborene Wolfgang in Westberlin sein Luxushotel mit Politik und Prominenz füllte - derzeit wird gerne erinnert, dass dort 1975 Romy Schneider ihren Sekretär Daniel Biasini heiratete -, bleibt der zwei Jahre ältere Walter seiner knorrigen Kiezkneipe in Ostberlin treu.

Der Westhotelier Wolfgang spielte in dem Wolfgang-Neuss-Film "Wir Kellerkinder" eine Rolle, die als Persiflage auf den damaligen Bundesinnenminister Gerhard Schröder gemünzt war, und wurde deshalb auf einem Empfang im Hotel Hilton anlässlich der Berliner Filmfestspiele vom Minister geschnitten, so wurde im Juli 1960 berichtet. Walter muss unterdessen seinen Urlaub beim Pankower Amt für Handel und Versorgung beantragen - immerhin gilt es mit der Bornholmer Hütte einen staatlichen Versorgungsauftrag in der Hauptstadt der DDR zu erfüllen. Tatsache ist: Beide Gehrhus-Brüder hatten eine berlinerische Vorstellung vom Gesellschaftsleben. Unabhängig, ob hüben oder drüben: Lieber een bisken mehr, aba dafür wat Jutet!

Die Stammgäste der Hütte kennen diese und andere Geschichten. Seit eh und je spielen sie sich immer wieder anders - und doch gleich - ab: Uschi lässt sich scheiden, Paul hat wieder Arbeit, Fritz ist an Krebs gestorben, nichts geht über Hertas Appelkuchen: zwischen dem ersten und dem letzten Glas ist alles drin. An etwa zehn Tischen sitzen Männer, gucken bei einem Neuankömmling kurz auf, dann sind wieder Bier, Karten und ein gesprächsähnliches Gebrummel angesagt. Am Tresen holt eben mal eine Studentin aus dem Haus ein Päckchen ab, das hatte die Wirtin heute für sie angenommen. Frau Gehrhus ist als gefällige Nachbarin bekannt, geht auch gerne mal mit der alten Oma von ganz oben eine Runde ums Karree. Aber eine resolute Frau ist sie auch. Die Szene weiß, bei der "Chefin" kriegen Besoffene keinen Tropfen: "Ich habe ja Verantwortung für die Leute."

Sich durchsetzen und hart arbeiten hat Gehrhus schon in dem männerdominierten Malerbetrieb ihres Vaters gelernt. Da fing sie mit 14 an und machte auch ihren Malermeister, zwei weitere Fachabschlüsse folgten: Sie studierte angewandte Malerei und absolvierte 1973 einen Gaststättenlehrgang. "Jetzt bin ich schon seit 46 Jahren in der Gastronomie", bekennt sie stolz. Täglich stellt sie den Gästen neben den üblichen Kaltgetränken - das 0,4-Liter Glas Bier kostet 2,20 Euro - Bockwurst, Knacker, Rollmops, Kartoffelsalat und Schmalzstullen auf den Tisch. Die Bulette mit 1,60 Euro markiert die finanzielle Schallgrenze des bündigen Speiseangebots. Die Wirtin: "Wir beschränken uns aufs Wesentliche."

Auch ihr Mann muss ein beeindruckender Kneipier gewesen sein. Noch heute erzählten die Gäste von Walter. Punkt zwölf war es zu Ostzeiten in der "Hütte" zappenduster. Damit die Leute die letzte Runde in Ruhe genießen konnten, kletterte er rechtzeitig auf den Hocker, stellte die Tresenuhr eine Viertelstunde vor und rief: "Meine Herrschaften, wir machen Feierabend!"

Die Uhr thront weiterhin über den Köpfen. Aber Nachfolger Matthias kann sich nicht leisten, am Zeiger zu drehen, er braucht Gäste. Mit "Muttern vons Janze" muss der Sohn ganz schön ackern, zusätzliches Personal ist nicht drin. "Von unserer 300-Mark-Ostmiete sind wir längst Dimensionen entfernt", meint der 40-Jährige. Wie sagt ein Gast immer so treffend: Mit det Bezahlen vaplempert man det meiste Jeld.

Schon als Kind wollte Matthias die Kneipe übernehmen, musste aber im Arbeiter- und Bauernstaat erst Koch lernen. Wider jegliche Enteignungsbestrebungen von Seiten der Partei-Bonzen, die "Hütte" blieb allzeit in privater Hand, wenn auch mit erwähntem "staatlichem Versorgungsauftrag", erinnert sich Christine Gehrhus.

Der Familienbetrieb hat die DDR überstanden und die Wende mit "paar teuren blauen Flecken". Da ist klar, dass "jetzt allet so bleibt, wie es ist". Matthias zeigt auf die riesige Anrichte hinter und den Holztresen vor sich. Beides erstreckt sich über die ganze Wand: "Originalambiente. Begehrte Filmkulisse. ,Polizeiruf', ,Wolffs Revier', ,Lilly unter den Linden'. Neulich war auch die BBC da, wegen 20 Jahre Mauerfall." Der Grenzübergang Bornholmer Straße war ja nur einen Katzensprung entfernt.

Wenn in der Bornholmer Hütte gedreht wird, sind vor allem für die "Kellerkinder" harte Zeiten. Der Schankwirt: "Dann können unsere Gäste nicht die uralte Kegelbahn im Keller, noch hübsch mit Handbetrieb, benutzen." Wirklich: in den Katakomben residiert eine denkmalgeschützte Lady, gut 105 Jahre alt, mit zwei Laufflächen. Eine Hohlkegelbahn, wie Wilfried Bierwagen vom Berliner Kegelclub "Gleis 1985" erklärt. "Die hat eine Hohlkehle. Das heißt, die Lauffläche ist nicht glatt, sondern nach innen gewölbt."

Weitere Details wie der Unterschied zur Scheren- oder Asphaltbahn fallen leider dem Spiel zum Opfer: Kugeln werden aufgesetzt, rollen krachend auf die neun weißen Kegel zu, hinter denen jeweils ein bückfreudiger Sportsfreund steht. Rums, sechs fallen um, auf der einen Bahn, sieben auf der andern. Punkte werden gerufen, Zahlentafeln aus Metall umgeblättert. Einige flotte Handbewegungen, die Kegel stehen wieder. Schiebt einer alle neune, wird die Glocke angeschupst, die vollmundig den Triumph in der Traditionskegelbahn verkündet.

Nach der Wende sind viele in die klimatisierten Bowlingcenter abgewandert, "aber wir ehemaligen Reichsbahner treffen uns seit 24 Jahren regelmäßig hier unten". Die 12 Mitglieder von "Gleis 1985" gehören zu denen, die das Kegelaufstellen und Punktezählen freiwillig keiner Automatik überlassen. Inzwischen kommen immer öfter auch Jüngere, manche wegen der übriggebliebenen Atmosphäre, der geschichtsträchtigen Kegelbahn oder einfach, weil es billig ist. Die Bahn kostet 15 Euro pro Stunde. Christine Gehrhus empfiehlt, sie telefonisch rechtzeitig zu reservieren. Mindestens zwei Wochen vorher, "sonst wird das manchmal nüscht".

Sie stellt den Bulettenwecker in die Anrichte zurück, gießt für die Kegler eiskalten Klaren ein und ruft in die Runde: "Meine Herrschaften, ,gut Holz'!"

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