die wahrheit

Und Alle so: "Yeaahh"

Es war nur ein kurzer Satz auf einem Wahlplakat in Hamburg. Und doch ist er in die Geschichte eingegangen. Und Alle so: "Yeaahh".von ANDREAS TRABUSCH

Voller Erfolg: die Wahlkampfveranstaltung auf dem Hamburger Gänsemarkt.  Bild:  dpa

Irgendwann an diesem Abend stellt er klar, dass er der Autor ist. Er sagt das nüchtern, fast ohne Stolz. Man müsste hinzusetzen: der unbekannte Autor. Denn keiner weiß, dass er den Satz erfunden hat, der während einiger Tage im September plötzlich in aller Munde war. Nur vier Worte - "Und Alle so: ,Yeaahh'". Draufgeschrieben hat er ihn damals, auf ein CDU-Werbeplakat für eine Wahlkampfveranstaltung der Kanzlerin, nachts um drei, vom Fahrrad aus. Zeuge: Ein obdachloser Flaschensammler. Und Alle so: "Yeaahh" als Antwort auf "Die Kanzlerin kommt."

Die Kanzlerin kam zwölf Tage später. Und Alle so: "Yeaahh". Nun steht der unbekannte Autor des Satzes, dessen "eigenartige Komik" die FAZ pries, neben mir am Tresen einer Hamburger Bar. Seinen vollständigen Namen will der Design-Student nicht nennen, der Vorname soll ausreichen: Florian. Auch über seine Person will er nicht mehr verraten. Viel lieber spricht er über das, was er den "unknown fame" nennt - also eine Art anonymer Berühmtheit. Freilich hat sie nur kurz gedauert. Ob wirklich er es war? Es lässt sich nachweisen, sagt er, "so CSI-mäßig, ich habe noch den Stift - übrigens kein Edding". Und während der Unbekannte mit Kapuzenpulli, Anfang zwanzig, sich eine Zigarette dreht, überlegt der Tresen-Nachbar: Das hat der sich nicht ausgedacht. Der war das tatsächlich.

Die nächtliche Vision wurde schließlich Wahlkampf-Realität. Einem Fotografen fällt das Plakat in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs auf. Sein Foto davon stellt er ins Netz. Dort verbreitet es sich rasend schnell. Die vielfältigen Interpretationen der Internet-Gemeinde gipfeln in einem Aufruf, das Ganze umzusetzen, mit einem Flashmob bei der Merkel-Veranstaltung auf dem Hamburger Gänsemarkt, für die das Plakat geworben hatte. Die Kanzlerin kommt. Und Alle so: "Yeaahh" nach jedem Merkel-Satz am 18. September wird ein beliebtes Video auf YouTube. Weitere Blitz-Meuten in anderen Städten folgen. In den Medien-Berichten über die "APO 2.0" - dann kommen die Akteure der Verwertungskette aus der digitalen Welt zu Wort. Der Urheber des Satzes aus der realen Welt aber bleibt ein "Unbekannter". Jemand. Einer.

Über den sich mancher so seine Gedanken macht. "Viele denken, das war ein besoffener Punk, einem Typen mit Anzug traut man das nicht zu", sagt Florian, der einmal zwei Jahre CDU-Mitglied war. Und so ist es nicht ganz frei von Ironie, dass die Junge Union irgendwann in diesem Spät-Wahlkampf twitternd das Werbepotenzial von "Und Alle so: Yeaahh" für sich entdeckt. Der Ideengeber nahm an keinem Flashmob teil. Dafür verfolgte ihn sein Satz irgendwann regelrecht - nicht nur in Gesprächen, sondern auch aus dem Munde flapsiger Radiomoderatoren. Unter anderen Vorzeichen wären das wohl halluzinatorische Momente gewesen: Ich höre Stimmen. Sie verfolgen mich.

Bei ihrer Wahlkampfveranstaltung in Wuppertal schließlich, wenige Tage vor der Wahl, kann auch Kanzlerin Merkel die "Yeaahh"-Rufer nicht mehr ignorieren. Sie spricht dort die "jungen Leute" belehrend an und verortet den Protest im Internet. Welch ein Missverständnis, findet der Urheber. Schließlich komme der Satz nicht aus dem Netz, sondern aus der Realität.

Ein bisschen klingt das nach der Klage eines Autors, dessen Skript unbefriedigend verfilmt wurde. Aber natürlich weiß auch er: Ohne die viralen Verbreitungswege im Internet hätte der Satz nicht diese Karriere gemacht. Und das Netz war auch der Resonanzraum für Diskussionen über Semantik, Phonetik und Typografie der vier Worte. Abarbeiten konnte sich jeder daran auf eine eigene Weise. Nicht zuletzt die T-Shirt-Verkäufer und der findige Mensch, der das geklaute Original-Plakat schließlich bei Ebay versteigerte. Weggegangen ist es dort am Ende nach 48 Geboten für 324 Euro und 5 Cent. Das Geld immerhin soll als Spende einem Obdachlosen-Café zugeflossen sein.

Die Geschichte des Satzes ist also auch die Geschichte einer Enteignung? "Nein", widerspricht Florian, "die haben mir alle was gegeben. Es gibt nur wenige Menschen, die so was erleben wie ich in diesem Jahr." Dann verschwindet er in die Nacht von St. Georg. Überquert die rote Fußgängerampel, biegt in eine Seitenstraße ein und ist nicht mehr zu sehen. Bevor das Jahr zu Ende geht, wollte er wenigstens einmal öffentlich gesagt haben: Er ist der unbekannte Autor. Es ist sein Satz.

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