Die Bewohner des Künstlerhauses im Karoviertel protestieren gegen zunehmende Eingriffe des Trägervereins. Dieser betont das Rotationsprinzip des Projekts.von LENA KAISER

Zankapfel im Karoviertel: Das Vorwerkstift. Bild: Ulrike Schmidt
Nach dem Gängeviertel gibt es eine weitere "Besetzung" einer Hamburger Immobilie durch Künstler. In diesem Fall geht es um eine "Neubesetzung" des Künstlerhauses Vorwerkstift. Es handele sich um eine friedliche Form von Besetzung, sagt die Hausbewohnerin Julia Bonn. "Zunächst haben wir anderthalb Monate die Mietzahlung boykottiert", sagt Thomas Ehgartner. Anschließend habe man nach Rücksprache mit einem Anwalt damit begonnen, die Miete auf ein Treuhandkonto zu überweisen.
Die Künstler wollen erreichen, dass der Vorstand des Vorwerkstift-Trägervereins abgesetzt wird. Der hatte bereits 2007 verfügt, dass Vorstand und Künstler jeweils 50 Prozent der Stimmrechte innehaben, wenn über die Vergabe der Wohnungen abzustimmen ist. Zuvor hatten die Künstler mehr Stimmen als der Verein.
Mit der jüngsten "Besetzung" wollen die Künstler ihre Mitbestimmungsrechte wieder erhöhen. Möglich wäre damit auch, dass sie die Wohnung quasi an sich selbst vergeben.
Das Vorwerkstift ist ein Atelier- und Wohnhaus, das 1990 gegründet wurde, um wechselnden Künstlern Räume für eine begrenzte Zeit zur Verfügung zu stellen. Die zeitliche Befristung sollte gewährleisten, dass immer wieder andere Künstler in Genuss der subventionierten Räume kommen. Das Haus gehört der Stadt, gezahlt werden müssen lediglich die Betriebskosten - pro Mieter sind das etwa 250 Euro. Der Trägerverein des Vorwerkstifts, die Stiftung Freiraum, ging aus der Patriotischen Gesellschaft hervor.
"Das Vorwerkstift soll kein Altersheim für einige Künstler sein", sagt der Vorstand des Vereins Stiftung Freiraum Kai Haberland. Das Künstlerhaus solle ein Sprungbrett sein, und dazu diene ein Stipendienmodell, bei dem Künstler für drei bis maximal fünf Jahre günstig im Vorwerkstift wohnen können. Als Besetzung verstehe der Verein das Verhalten der Künstler nicht, sagt Cornelia Hoyer, die auch im Vereinsvorstand sitzt. "Die Miete kommt über einen Umweg und mit einer Verzögerung von einem Monat bei uns an."
Für die Bewohner stelle das Haus ein Wohnprojekt dar, der Verein Stiftung Freiraum dagegen fördere mit seiner Politik vor allem die Konkurrenz zwischen den Bewohnern und nicht ihre Zusammenarbeit, sagt die Bewohnerin Eva Zulauf. Die Bewohner sehen sich einer Umgestaltungspolitik seitens des Vereins ausgesetzt und stellen diese als "Teil eines neoliberalen Umstrukturierungs- und Aufwertungsprozesses" dar, der sich auch in anderen Stadtvierteln wie dem Gängeviertel und an Universitäten und Hochschulen vollziehe.
"Es geht uns nicht darum hier möglichst lange zu wohnen", sagt Hausbewohnerin Eva Zulauf. Länger als fünf Jahre könne niemand im Vorwerkstift bleiben, das sei klar. Der Verein Stiftung Freiraum habe die Vermittlung für gescheitert erklärt, sagt ihre Mitbewohnerin Bonn. "Wir mussten unsere Internetseite stilllegen, weil wir kritisch über den Streit mit dem Trägerverein geschrieben haben."
2020 laufen die Mietverträge des Trägervereins mit der Stadt Hamburg aus. Bis dahin wollen die Hausbewohner klären, wie es mit dem Projekt weitergeht - und der Verein auch.
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