Kommentar von AMBROS WAIBEL
Eine Gesellschaft gibt es nicht, es gibt nur Individuen" - der Satz von Margaret Thatcher wurde berühmt als Motto für die neoliberale Revolution. Wie bösartig diese Lüge schon immer war, auch das zeigte die Trauerfeier für Robert Enke.
Plötzlich bricht etwas auf. Der brasilianische Fußballstar Adriano spricht über Depression und Alkoholismus. Markus Babbel erzählt vom Suizid seines Bruders. Und der italienische Nationalkeeper Buffon gesteht, er habe nur die Schlagzeilen lesen können - zu sehr erinnere ihn Enkes Freitod an seine eigene schwere Depression im Jahr 2004.
Nur der Austausch mit anderen Menschen wird den Einzelnen davor bewahren, Leid, Ängste und das unvermeidliche Versagen immer und ausschließlich alleine zu tragen. Der Suizid eines Ausnahmesportlers kann das Gefühl von Millionen bündeln, schon lange am Rande der totalen Überforderung zu stehen. Denn ähnliche Erzählungen gehören längst zum Alltag - vom Postboten, der angesichts einer neuen Rationalisierungsrunde in Tränen ausbricht, bis hin zum von Panik geschüttelten TV-Mafiaboss Anthony Soprano mit seiner Sehnsucht nach dem strong, silent type à la Gary Cooper.
Die kommenden Topnews werden sich aber wegen des Redebedürfnisses nicht um die Revolte der Menschheit gegen das zeitgenössische Monadentum drehen. Die Decke ist lediglich für einen Moment angehoben worden. Robert Enke als "das größte Verlustgeschäft" abzubuchen, das der Verein je gemacht habe - wie Edmund Stoiber im Fall Deisler zu Protokoll gab -, dieser rhetorische Ausfall gehört einer vergangenen Epoche an. Weil immer mehr Menschen ahnen, dass Leistung sich für sie schon lange nicht mehr lohnt. Ob sie im Selbstmitleid stecken bleiben, ob sie in anderen die Schuldigen für ihr Unglück zu erkennen meinen oder ob von der kollektiven Trauer über Robert Enkes Tod etwas wie Befreiung ausgeht - das ist offen.
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