• 18.10.2009

Deutsch-Chinesisches Streitgespräch

Wie schreibt man über China?

Der eine schreibt für Chinesen, der andere für Deutsche. Vieles in China funktioniert auch ohne Demokratie, sagt der eine. Der Kompromiss hat Grenzen, der andere.von WANG XIAOSHAN & GEORG BLUME

Tor zur Welt: Chinesische Touristen zu Besuch in Hongkong, 2004.  Bild:  ap

Sechs Tage berichteten sie gemeinsam für das taz-Buchmessenportal aus Frankfurt: der freie Pekinger Autor Wang Xiaoshan und taz-Korrespondent Georg Blume. Sie sind alte Freunde. Aber sie streiten immer noch: Wie schreibt man richtig über China? Ein Gespräch über den Grundkonflikt beim einmaligen deutsch-chinesischen Journalistenprojekt von taz und Buchmesse.

Georg Blume beginnt den Dialog mit Goethe, Wang Xiaoshan (kursiv gesetzt) antwortet ihm.

 

 

Goethe galt für die deutsche Literaturwissenschaft 150 Jahre lang als der eine, große Goethe. Dann fand ein Mitherausgeber der Hamburger Ausgabe von Goethes Briefen Anfang der 1960er Jahre heraus, dass es nicht einen, sondern viele Goethes gibt. Denn in seinen Briefen wechselt Goethe je nach Adressat Stil, Witz und Inhalt seiner Botschaft. Es war eine große Entdeckung für die Literaturwissenschaft.

Im Sinne des Briefeschreibers Goethe sollten wir heute über China schreiben. Wäre ich ein Chinese, der für Chinesen schreibt, würde ich schreiben wie du: bissig, aggressiv und rücksichtslos gegenüber den Herrschenden in Peking. Aber ich schreibe für deutsche Leser, für in der Regel gut geschulte Demokraten. Sie müssen begreifen lernen, dass in China heute vieles auch ohne Demokratie funktioniert.

Jeder Mensch ist so, wie er ist. Das trifft auf Goethe zu, das gilt genauso für Konfuzius wie auch für dich und mich. Jeder verändert ständig seinen Stil, entweder weil er ein Genie oder weil er schizophren ist. Goethe weil er ein Genie war, so wie du und ich Genies sind. Goethe und Konfuzius haben eine Gemeinsamkeit, beide wollten der Macht dienen, Konfuzius suchte Zeit seines Lebens nach einer Chance, dies zu tun, während Goethe diese Chance, als er sie erhielt, zeitlebens nie wieder aus der Hand gegeben hat. Tatsächlich sind beide ihrer Einstellung lebenslang treu geblieben.

So wie ich Goethe kenne, hat er höchstens seinen Sprach- oder Schreibstil angepasst, sein Innerstes hingegen kann man nicht beliebig ändern, wenn es einmal geformt ist. Egal für wen du schreibst, wirst du doch nicht behaupten wollen, dass die Menschenrechtssituation in China derzeit außergewöhnlich gut ist, oder? Obwohl wir keine Demokratie haben, funktioniert natürlich vieles: Ich verbanne dich in ein Loch, gebe dir jeden Tag etwas zu essen, so kannst du durchaus auch leben. Aber willst du das?

Aber die Chinesen schlüpfen doch gerade aus ihren Löchern, verlassen ihre Bauernhütten, ziehen in die Stadt und lesen dort Blätter wie die Neue Pekinger Zeitung, für die Du lange geschrieben hast. Ich weigere mich, der westlichen Menschenrechtskritik an China zuzustimmen, die behauptet, die Menschenrechtslage in China verschlechtere sich von Jahr zu Jahr.

Erstens dürfen wir nicht hinter die Menschenrechtserklärung von 1948 zurückfallen und nur an die Freiheitsrechte denken. Der globale Kampf um die sozialen Menschenrechte, um das Recht auf Existenz, das Recht auf Erziehung ist längst nicht gewonnen. Er wird aber in China erfolgreicher geführt als in fast allen anderen Ländern der Welt, wo er noch andauert. Zweitens ist auf Basis des neuen Wohlstands in China heute schon ein gewaltiger Bewusstseinswandel im Gange. Die Chinesen lesen im Internet, sie lesen dort westliche Zeitungen. Sie schärfen ihre Meinungen, auch wenn sie sie nicht öffentlich kundtun können. Auch in der KP wird viel mehr diskutiert, als die westliche Welt wahrnehmen will. Die KP-Intellektuellen führen einen für die ganze Welt wichtigen Streit über die Umkehr zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung.

Das ändert nichts an den flagranten, unverzeihlichen Menschenrechtsverletzungen an Dissidenten und Minderheiten in China, über die auch ich immer wieder berichtet habe. Obwohl diese andauern, müssen wir schon jetzt durch unser Schreiben eine globale Öffentlichkeit schaffen, von der wir die KP nicht als bösen Buben ausschließen dürfen.

Wir sprechen hier, glaube ich, über verschiedene Löcher. Du willst auf etwas anderes hinaus, aber vergiss es. Die Löcher, von denen du sprichst, haben die Chinesen schon vor hundert Jahren verlassen, zum Beispiel Mao Zedong, der aus dem tiefsten Hunan bis in die Bibliothek der Peking Universität gegangen ist, um dort als Bibliothekar zu arbeiten. Für die Neue Pekinger Zeitung habe ich tatsächlich eine Weile gearbeitet, aber die Regierung hat ohne Grund den Ersten Chefredakteur Cheng Yizhong und den CEO Yu Huafeng festgenommen, und ausschließlich dem internationalen Druck ist es zu verdanken, dass Cheng nur ein halbes Jahr hinter Gitter kam, während Yu vier Jahre im Gefängnis schmachten musste.

Als sie dann im nächsten Jahr den Zweiten Chefredakteur Yang Bin feuerten – wiederum ohne Angabe von Gründen, aber wir wissen, dass es wegen der Veröffentlichung ihnen unliebsamer Nachrichten war -, da war meine und die Geduld vieler meiner Kollegen zu Ende: Wir streikten einen Tag. Danach habe ich gekündigt. Denkst du wirklich, dass die Neue Pekinger Zeitung mit dieser Vorgeschichte und angesichts der Umstände frei berichtet?

Ich stimme dir in deinem Urteil zu, dass die Menschenrechtslage in China gewaltige Verbesserungen erfahren hat, aber unter der Voraussetzung, dass die Latte beim Start zu tief hing. Was die Regierung betrifft, so besteht der Fortschritt darin, dass man Dissidenten und andere Menschen nicht mehr willkürlich erschießt, sondern hinter Gitter bringt, aus dem Land jagt oder sie durch Geheimpolizisten belästigt. Als Deutscher nimmst du wahr, dass solche Menschen heute in der Regel nicht mehr umkommen. Meine Wahrnehmung als Chinese ist, dass sie noch immer gedemütigt werden.

Ich kann versuchen, deinen Standpunkt zu verstehen, aber ich kann ihm nicht zustimmen. Du hast es doch auf dieser Buchmesse erlebt: Am ersten Tag habe ich in meinem Stück über die Eröffnungsveranstaltung geschrieben, Austausch ist eine gute Sache, aber nach ein paar Tagen habe ich meine Meinung geändert. Wir haben den Auftritt der Kader der chinesischen Delegation miterlebt - sie lügen noch immer nach Strich und Faden, verweigern den echten Austausch. Nicht einmal auf der Veranstaltung mit dem Literatur-Nobelpreisträger Gao Xingjian wurde auch nur ein einziger aus der offiziellen Delegation gesichtet.

Niemand will sie vom öffentlichen Diskurs ausschließen, sie sind es, die ihm ausweichen. Dass China Gastland der Buchmesse geworden ist, verbuchen sie als politischen Erfolg, mit dem sie sich bei der Obrigkeit anbiedern und vor der eigenen Bevölkerung aufplustern.

Du hast recht, das offizielle China hat sich in Frankfurt auf erbärmliche, dialogunfähige Art präsentiert. Selbst die Literaturnacht im schönen Frankfurter Literaturhaus war gähnend langweilig, eine öde Nabelschau vorwiegend staatstragender Autoren. Aber wir kennen doch unsere Pappenheimer! Wenn die KP Leute auf die öffentliche Bühne schickt, sind es meist die schlimmsten Propagandisten.

Trotzdem hat die Partei in Peking Ideengeber wie den großen liberalen Marktreformer Zhang Weiying, der die Business School der Peking-Universität leitet, wie den Literaturhistoriker Wang Hui von der Tsinghua-Universität, der den demokratischen Diskurs in der chinesischen Geschichte wiederentdeckt hat, wie den Umweltökonomen Hu Angang, der Chinas Energiepolitik im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit neu definiert hat. Wir brauchen diese Leute für den globalen Diskurs über eine gerechteres Weltfinanzsystem, über Klimawandel und Good Governance.

Es hat keinen Zweck, Chinas KP nur auf die Anklagebank zu stellen. Wir werden mit ihr noch lange leben müssen. Ohne sie bliebe eine konstruktive Weltinnenpolitik auf absehbare Zeit Illusion.

Ich kann dir nur partiell zustimmen: Pappenheimer gibt es überall, und die Veranstalter der Buchmesse haben sich auch nicht sonderlich intelligent angestellt. Aber gegenüber den „Think Tankern“, von denen du gerade gesprochen hast, hege ich doch einige Vorbehalte: Die Ungerechtigkeiten liegen offen zutage und sie hüllen sich in Schweigen. Das verleiht ihnen nicht gerade Glaubwürdigkeit, sondern vermittelt stattdessen das Gefühl, man solle über ihre wirklichen Absichten und Ziele im Ungewissen bleiben.

Die jetzige chinesische Regierung wird wohl tatsächlich noch lange existieren, aber Kooperation und Kompromiss haben Grenzen. Sie müssen geknüpft sein an größtmögliche, reale und messbare Fortschritte. Und damit du nicht denkst, meine Ansichten seien zu radikal, lass' es dir gesagt sein: Wenn die chinesischen Machthaber freie öffentliche Meinungsäußerung und Parteiengründung zuließen, die Macht tatsächlich an das Volk abgäben, wäre ich der Erste, der sie wählen würde.

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