Warum die taz mit der Buchmesse zusammenarbeitet.von GEORG BLUME

Das taz-Buchmessenteam: v.l.n.r.: Petra Mann, Ines Kappert, Zhou Wenhan, Wang Xiaoshan, Georg Blume, Chen Mengcang, Kristin Kupfer, Liu Feng. Bild: taz
Buchmessenchef Jürgen Boos hat dem Ansehen der Frankfurter Buchmesse enorm geschadet. Beim China-Symposium der Buchmesse im vergangenen September sah es aus, als würde Boos Meinungs- und Redefreiheit auf dem Altar des offiziellen China-Dialogs opfern. Er entschuldigte sich bei den KP-Kadern, die ein offenes Gespräch ablehnten. Das muss die Buchmesse nun wiedergutmachen.
Es ist der Grund, weshalb sie eine umfassende Kooperation während der Messe mit der taz verabredet hat. Die taz steht für bedingungslose Meinungsfreiheit, für hartgeführte Kontroversen, für die - wenn nötig - offene Provokation. Sie steht für genau das, was auf der Buchmesse mit dem Gastland China in diesem Jahr zu kurz zu kommen droht.
Warum aber engagiert sich die taz für ein vermeintlich schon jetzt gescheitertes Buchmessenexperiment mit China? Wir glauben, dass Rück- und Tiefschläge im Dialog mit China, der peinliche Fehltritt von Boos eingeschlossen, unvermeidlich sind. China ist der “große Fremde” für den Westen, sagt der Philosoph Jürgen Habermas. Das Land ist heute mächtiger denn je. Das macht den Dialog so schwierig.
Aber es gibt zu ihm keine Alternative. Ihn sowohl mit den KP-Eliten als auch mit den Dissidenten zu führen, und dabei auch dem riesigen zwischen den Extremen liegenden Spektrum chinesischer Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, ist eine der wichtigsten intellektuellen, literarischen und journalistischen Aufgaben unserer Zeit. Die taz fühlt sich ihr gewachsen. Deshalb hat sie das Angebot der Buchmesse angenommen, mit einem eigenen deutsch-chinesischen Redaktions-Team die Buchmesse journalistisch unabhängig zu verfolgen.
Wir werden mit drei chinesischen Journalisten, fünf taz-Kollegen/Autoren und vier Chinesisch-Übersetzern auf dieser Webseite jeden Tag akribisch über Erfolg und Scheitern des deutsch-chinesischen Dialogs auf der Buchmesse berichten. Unter uns ist mit dem chinesischen Starschreiber und geschassten Ex-Feuilleton-Chef der Neuen Pekinger Zeitung Wang Xiaoshan einer der profiliertesten Pekinger Journalisten. Nie zuvor haben chinesische und deutsche Journalisten auf diese Art einen gemeinsamen Online-Auftritt produziert.
Wir beginnen taz-typisch mit einer Provokation: Sie kommt von der taiwanischen Bestsellerautorin Lung Yingtai. Lung hat ein von der KP bis heute verschwiegenes Massaker der Volksbefreiungsarmee an der chinesischen Zivilbevölkerung recherchiert. Es fand 1949 während des chinesischen Bürgerkriegs in der nordchinesischen Stadt Changchun statt. Doch Lungs Text darf auch heute noch nicht in China publiziert werden. Die taz liefert nun die deutsche Erstveröffentlichung von Lungs literarischer Reportage. Denn bei allem Respekt, wir finden: Die Chinesen können beim Thema Vergangenheitsbewältigung noch manches von den Deutschen lernen.
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Leserkommentare
22.10.2009 14:11 | Adrian Zielcke
Sehr gut, lieber Herr Blume!