Lukrative "Kreativimmobilie" statt Kunst-Biotop: Hamburg verkauft das Grundstück des "Gartenkunstnetzes" im Schanzenviertel. Die Kultursenatorin schweigt.von PETRA SCHELLEN

Verkauft: Das Gartenkunstnetz im Schanzenviertel. Bild: Gartenkunstnetz
"Dieser Platz ist besetzt!" Ein handgemaltes Schild, unspektakulär an einem Gartenzaun in der Eifflerstraße dicht hinter den Bahngeleisen platziert. Ein Schild, wie es schon so viele gab in dieser Stadt; die Resultate der Besetzungen variierten wie deren Protagonisten.
Der kleine Platz im Schanzenviertel, den die Stadt jetzt verkaufen will, ist seit dem Wochenende besetzt - temporär von Menschen, ganzjährig von Kunst. Beziehungsweise der Symbiose von Natur und Kunst: "Gartenkunstnetz" heißt der 2003 gegründete Verein, der das 257 Quadratmeter große Gelände von der Stadt gemietet hat, um künstlerische Pflanzen- und Insektenforschung, Lesungen, Theater und Konzerte zu bieten. Zwischen Bauwagen, Pappeln und einem betagten Apfelbaum verstecken sich Band-Probenräume und Ateliers; eins davon als Baumhaus hoch im Geäst.
Ein Idyll, das bislang nur durch vorbeiratternde Züge gestört wurde. Jetzt hat sich der Störfaktor Gentrifizierung dazugesellt, genauer: die Hamburger Finanzbehörde. Die hat im vorigen Jahr für das "Gartenkunstnetz"-Grundstück - nebst vier benachbarten Parzellen - ein Gebotsverfahren ausgeschrieben. Gesucht wurde, wie schon oft in der Aufhübschungs-Hochburg Schanze, ein Investor, der das insgesamt 1.133 Quadratmeter Gelände bis zu viergeschossig bebauen sollte.
Als "Kreativimmobilie" soll das Projekt, das die Sanierungsträgerin Steg im Auftrag der Stadt entwarf, fungieren, sprich: den Stadtteil durch die Anwesenheit "Kreativer" aufwerten. Werkstätten, Büros und Ateliers sind geplant, wobei das Projekt laut Ausschreibung "die Schaffung preisgünstiger Mieteinheiten auch durch experimentelle Bauweise gewährleisten sollte". Wie günstig genau, vermerkt das Schreiben nicht. Dafür regt es die Übergabe der Räume im Rohbau an, den die Mieter fertig stellen sollen. Ein Detail, das klar auf Künstler zielt, die - wie beim Ottenser Künstlerhaus Frise - Immobilien ausbauen, nutzbar machen und nebenbei die Immobilie aufwerten.
In der Eifflerstraße soll der Investor zudem mit dem künstlerischen Umfeld gelockt werden. "Zynisch" findet Gartenkünstler Dreyer das, sollen doch gerade Experimentier-Oasen wie seine, die gezielt Nachwuchs-Stipendien vergeben, durch die "Kreativimmobilie" verdrängt werden. Ein struktureller Eingriff sei das, kein punktueller, findet Dreyer. Dann sei Schluss mit dem "Hauch der alten Schanze", der durch sein "bundesweit einzigartiges Projekt" wehe. Und anders als die Galerie für Landschaftskunst, mit der er freundschaftlich kooperiert, "brauchen wir einen stetigen Ort".
Doch der wird bald gerodet sein: Ein Investor sei bereits gefunden, sagt Julia Dettmer von der Sanierungsträgerin Steg. Und wenn die städtische Bodenkommission zustimmt - meist bloße Formalie -, können Verkauf, Planierung und Bau beginnen. Noch im September solle das Verfahren abgeschlossen werden, vermutet Dreyer.
Dettmer bestätigt dies nicht und verweist auf die Finanzbehörde. Die ihrerseits war gestern nicht erreichbar. Auch Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) schweigt sich aus. "Wir äußern uns nicht, bevor wir die Pläne des Investors kennen", ließ sie ausrichten. Vielleicht wolle der Käufer ja Raum für Künstler schaffen. Zur Frage, ob ein Atelier dasselbe sei wie ein Ort unter freiem Himmel und warum wieder mal ein Kunst-Areal verscherbelt wird - dazu äußerte sich die Kultursenatorin nicht.
Nach der Verhinderung einer Anti-Repressions-Demo im Jahr 2007 wird nun gegen die Polizei verhandelt. Damals war der Protestzug vorzeitig gestoppt worden. von Kai Von Appen

Eine Falschmeldung über ein totes Frühchen sorgte gestern für Online-Schlagzeilen. Tatsächlich geht es um ein Kleinkind, das an Meningokokken starb von Eiken Bruhn

Pop-Archäologie im Bremer Umland: Eine CD-Box über die Anfänge der Country-Musik könnte dem Plattenlabel Bear Family Records aus Holste-Oldendorf nun zwei Grammy Awards einbringen. von Andreas Schnell

77.000 Deutsche reisen jährlich auf die Malediven. Gerade herrschen Turbulenzen im Inselparadies: Soldaten schlagen Polizisten und die schlagen den Präsidenten. Am Ende geht nicht die Insel, sondern der Präsident unter.

Ob Ei, Mehl, Schuh oder Torte, schon so mancher Politiker wurde in der Vergangenheit Opfer einer Zuschauerattacke. Wer hat was abbekommen?

Einfach nur gebrauchte Computer verkaufen ist ja wohl langweilig. In diesem Laden in Österreich gibt es außerdem Palatschinken, einen schnelldrehenden Flohmarkt und seeeeehr viele Hinweisschilder. Irre!

Disney erlaubt seinen Mitarbeitern endlich offiziell das Tragen von Gesichtsbehaarung. Anlass für ein taz-Bartquiz.

Leserkommentare
17.09.2009 15:24 | Phillip
und das Trauerspiel geht in die nächste Runde. Mal sehen, ob sich die zukünftigen kreativen Mieter auch über die viel zu la ...
16.09.2009 09:57 | saskia
interessant auch, das es sich fast ausschließlich immer wieder um objektr die die sich selbst tragen, bzw. rein sub-kulture ...
15.09.2009 22:20 | Extrem Sauer
Hamburg verkommt langsam zu einer Scheißstadt. ...