Kommentar von TONI KEPPELER
Wenn Menschen kurz vor dem Hungertod stehen, muss man ihnen zu essen geben, keine Frage. Das tut Guatemalas Präsident Álvaro Colom. Trotzdem musste er jetzt eingestehen, dass es in seinem Land eine Hungersnot gibt, und den nationalen Notstand erklären. Damit ist nun auch die Voraussetzung für die EU geschaffen, um in ihre Nothilfe-Töpfe zu greifen. Allerdings sollte sie mehr tun als nur Lebensmittel in Indígena-Dörfern verteilen.
Guatemala ist keine Wüste, sondern ein üppiges tropisches Land. Die Hungersnot dort ist eine Not im Paradies. Es gibt nicht zu wenige Lebensmittel, das hat der Präsident zugegeben. Die Menschen verhungern, weil sie zu arm sind, um sich Lebensmittel zu kaufen. 65 Prozent der Guatemalteken sind arm. Meist sind es Bauern, die nur ein kleines Feld besitzen und von dem leben, was dort wächst. Kommt eine Dürre, haben sie nichts mehr. Solche klimatischen Störungen werden in Zukunft häufiger auftreten.
Was also tun? Olivier De Schutter, UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Ernährung, gab vor ein paar Tagen einen wichtigen Hinweis: "Guatemala ist ein sehr reiches Land, hat aber einen armen und schwachen Staat." Das Steueraufkommen liegt bei gerade 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Reichtum des Landes steht nur für die Reichen zur Verfügung, und diese wollen nicht teilen. Die bessere Gesellschaft Guatemalas ist unsolidarisch.
Die EU darf deshalb nicht nur Nothilfe, sondern muss gleichzeitig Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Das bedeutet konkret: Sie muss die Regierung zu einer Steuerreform drängen, um den Staat stärker und solidarischer zu machen. Sonst tut sie dasselbe wie der Präsident mit seinem Programm gegen die Armut: Sie verteilt ein paar Lebensmittel und wartet dann auf die nächste Hungersnot.
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