Kommentar von STEFAN SCHULMEISTER
Die Finanzalchemisten lassen ihr Geld (aufgestockt von Staat und Notenbank) wieder fleißig arbeiten: Die Aktienkurse sind seit März um 50 Prozent gestiegen, der Erdölpreis hat sich verdoppelt, Händler von Rohstoffderivaten - eben noch gefeuert - werden durch Sonderboni geködert, die Gewinne der Spekulationsbanken wie Deutsche Bank und Goldman Sachs sprudeln und daher auch die Bonus-Zahlungen.
Noch im April hatten die Mächtigen dieser Welt ihre Lernbereitschaft beteuert. Der G-20-Gipfel versprach: "Regulation und Übersicht über alle systemrelevanten Finanzinstitute, Instrumente und Märkte". In Europa hat die Politik diesen Vorsatz wieder aufgegeben, stattdessen setzt man (und frau) auf moralische Aufrüstung der (Finanz-)Wirtschaft. Warum dieser schnelle Schwenk?
Vordergründig wohl deshalb: Die Gefahr eines Finanzkollaps ist gebannt und die Börsen boomen wieder. Dies zeigt: Die systemische Hauptursache der Krise - die gleichzeitige Entwertung von Immobilien-, Aktien- und Rohstoffvermögen - wird nicht begriffen und noch weniger, dass das "Absturzpotenzial" durch den vorangegangenen Boom von Immobilienpreisen, Aktienkursen und Rohstoffpreisen "aufgebaut" worden war. Boom und Bust werden schlicht als getrennte Phänomene wahrgenommen.
Stephan Schulmeister arbeitet als Wirtschaftswissenschaftler in Wien. Seine Schwerpunkte sind die Wirkung der instabilen Finanzmärkte auf die Realwirtschaft sowie die Analyse struktureller Veränderungen im internationalen Handel.
Und tatsächlich: Der jüngste Aktien- und Rohstoffpreisboom baut schon wieder ein "Absturzpotenzial" auf. Es wird sich in einem neuerlichen Kurs- und damit Vermögensverfall entladen und so die Krise weiter nähren - gemeinsam mit der steigenden Arbeitslosigkeit. Am vorläufigen Tiefpunkt der Realwirtschaft kehren somit jene Entwicklungen wieder, die für das Krisenpotenzial ursprünglich verantwortlich waren.
Die "manisch-depressiven" Schwankungen von Aktienkursen, Rohstoffpreisen, Wechselkursen und Immobilienpreisen haben die Realwirtschaft seit Anfang der 1970er-Jahre "strukturell" beeinträchtigt. Der ökonomische Schaden, den der Neoliberalismus durch die Entfesselung des Finanzkapitals (auch) für die Unternehmer angerichtet hat, ist mittlerweile viel größer geworden als sein politischer Nutzen durch Schwächung von Sozialstaat und Gewerkschaften.
Der Grund für die Auf und Abs, die "Bull markets" und "Bear markets", ist die Akkumulation von kurzfristigen Preisschüben ("runs"), die durch technische Spekulationssysteme ausgenützt und verstärkt werden (diese Systeme folgen dem Trend). Je stärker der Trend, desto größer der Spekulationsgewinn. Beispiel: Als die Kurse in der zweiten Hälfte 2008 abstürzten, waren die Profite der "trend-following hedge funds" vier Mal so hoch wie im langjährigen Durchschnitt.
Allerdings hat die Spekulation auf fallende Kurse wesentlich zur Entwertung des Pensionskapitals von Millionen Menschen beigetragen. Fazit: Die große Krise ist das "Endprodukt" von "business as usual" auf den "besonders freien" Finanzmärkten. Damit wird klar, warum die Eliten aus der Krise nichts lernen. Denn dazu müssten sie folgende "kognitive Dissonanz" ertragen: Ausgerechnet die theoretisch "optimalen" Märkte erzeugen "manisch-depressive" Schwankungen und damit systematisch falsche Preissignale.
Folglich suchen neoliberale Ökonomen die Ursachen der Krise bei emotionalen, moralischen oder intellektuellen Defekten von Bankern und Rating-Agenturen (von Gier bis zu Realitätsverlust), am liebsten aber beim Staat (zu niedrige Zinsen, soziale Ziele in der Wohnungspolitik etc.). Und sie setzten auf das Prinzip Hoffnung: Kleine Verbesserungen in der Realwirtschaft werden zu Zeichen der Wende hochstilisiert und die boomenden Börsen sowieso.
Damit die Eliten aus der Krise lernen, wird sie sich verschärfen müssen. Nach dem ersten Akt des Dramas ("Krach und Schreck") stehen wir im zweiten Akt ("Wir machen weiter wie früher"). Nach dessen Scheitern herrschen im dritten Akt "Heulen, Zähneknirschen und Verstörung", die Voraussetzung für eine Katharsis in den beiden Schlussakten.
Den (meisten) Ökonomen täte es gut, eine konkrete Weltanschauung zu entwickeln, statt eine "Welt als Wille und Vorstellung" zu konstruieren und aus dem Luftschloss der (allgemeinen) Gleichgewichtstheorie Empfehlungen für den Boden der Realität abzuleiten, von der Senkung von Arbeitslosengeld und Reallohn, der Abschaffung des Flächentarifvertrags bis zum weiteren Abbau des Sozialstaats (dazu eine Buchempfehlung: Walter Ötsch, "Mythos Markt", soeben erschienen).
Eine konkrete Weltanschauung würde die Interessengebundenheit solch wissenschaftlicher Empfehlungen einsichtig machen sowie das Verlernen des Alten erleichtern. Letzteres ist nun mal Voraussetzung für das Entwickeln von Neuem (ein Tag in einem "trading room" und 95 Prozent der theoretischen Finanzmarktliteratur können entsorgt werden). Dabei geht es mir nicht darum, die Marktwirtschaft an sich in Frage zu stellen: Märkte sind ein unverzichtbares Instrument zur Förderung von Kreativität und Effizienz. Allerdings: "Der" Markt ist kein Subjekt, das mit unsichtbarer Hand ökonomische Prozesse optimiert. Jener pseudoreligiöse Glaube entfremdet Menschen von "ihrer" Wirtschaft. Man nimmt Dinge nicht selbst in die Hand, wenn eine "höhere Hand" waltet, und man prüft auch nicht, welche Märkte funktionieren und welche Schaden anrichten.
In Deutschland ist die Markreligiosität besonders ausgeprägt. Die Verlagerung des Gewinnstrebens der Unternehmen von Realinvestitionen zu Finanzveranlagung und -spekulation, die Verwandlung der über Jahrzehnte der Industrie dienenden Deutschen Bank in einen Weltmarktführer in Sachen Spekulation, die groteske Zunahme der Finanztransaktionen - all diese Entwicklungen wurden von den Wirtschaftswissenschaften vernachlässigt. Gleichzeitig hat der Finanzkapitalismus die deutsche Wirtschaft besonders stark beschädigt, da sie - wie jene Japans - traditionell realkapitalistisch orientiert ist.
Eine ökonomische Aufklärung und damit der "Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit" würden daher der deutschen Wirtschaft besonders zugute kommen.
Egal, was nun kommt in Griechenland – für die meisten wird es weiter abwärts gehen. Für die Demokratie ist das gefährlich. von Klaus Hillenbrand
Egal ob in Ost-, West-, Südeuropa oder in Kaschmir – überall ist es kalt. Verdammt kalt. Für viele Menschen ist das dramatisch und sogar lebensgefährlich. Aber die Kälte bringt auch Schönes und Erfreuliches.

77.000 Deutsche reisen jährlich auf die Malediven. Gerade herrschen Turbulenzen im Inselparadies: Soldaten schlagen Polizisten und die schlagen den Präsidenten. Am Ende geht nicht die Insel, sondern der Präsident unter.

Ob Ei, Mehl, Schuh oder Torte, schon so mancher Politiker wurde in der Vergangenheit Opfer einer Zuschauerattacke. Wer hat was abbekommen?

Einfach nur gebrauchte Computer verkaufen ist ja wohl langweilig. In diesem Laden in Österreich gibt es außerdem Palatschinken, einen schnelldrehenden Flohmarkt und seeeeehr viele Hinweisschilder. Irre!

Leserkommentare
06.09.2009 02:20 | Renegade
Also ganz so, dass es keinen Ökonomen gibt, die nichts anders machen würden, ist es ja nicht. Die Österreicher Schule hat d ...
05.09.2009 02:05 | vic
"Wie kann das sein?" ...
04.09.2009 17:52 | G. H. Pohl
Sie schreiben: Keine Spur einer Börsen-Regulierung. Wie kann das sein? ...