Die Finanzkrise hat die Solarindustrie erreicht. Neue Verordnungen, weniger Kredite und stärkere Konkurrenz bringen deutsche Firmen in Schwierigkeiten.von ANNA FEHMEL

Aufdach-Solarkraftwerk im brandenburgischen Haßleben. Bild: dpa
Geschmeidig schwingt der Roboterarm herum und greift mit seinen Saugnäpfen nach der weißen Platte mit dem Aluminiumrahmen. Wenn er sie anhebt, sieht man ihre Stirnseite bläulich schimmert. Hier wird die Anschlussdose befestigt, dann ist das Solarmodul der Berliner Solon SE fertig. Die Solar-Pioniere, die 1997 mit zwei Duzend Mitarbeitern die Produktion in einem Kreuzberger Gewerbehof begannen, beschäftigen heute weltweit rund 900 Mitarbeiter. Allein in Berlin, wo Solon im Technologiepark Adlershof Anfang Juni sein neues, energieeffizientes High-Tech-Hauptquartier einweihte, sind es 450. Das Unternehmen zählt inzwischen zu den größten Solarmodulproduzenten Europas.
Doch die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise haben auch die Boombranche Solar erreicht. Im ersten Quartal 2009 fuhr Solon unter dem Strich einen Verlust von 18,5 Millionen Euro ein. "Betroffen war vor allem das Geschäft mit großen Solarkraftwerken", sagt Solon-Pressesprecherin Sylvia Ratzlaff. "Aber auch bei den Solarmodulen für Endverbraucher war die Nachfrage schwächer. In unserem Werk in Greifswald mussten wir kurzzeitig die Produktion zurückfahren."
Schuld war nicht nur der lange Winter hierzulande, der dazu führte, dass viele Kunden ihre Entscheidung für eine Solaranlage nach hinten verschoben. Weltweit kämpft die Solarindustrie seit Anfang des Jahres mit Umsatzeinbrüchen. Der weltgrößte Solarzellenhersteller Q-Cells kassierte Mitte Juli aufgrund der unsicheren Marktsituation seine Umsatzprognosen für 2009. Im ersten Quartal erwirtschaftete das Unternehmen noch 15 Millionen Euro Gewinn, im Vorjahreszeitraum waren es fast 60 Millionen. Das zweite Quartal brachte einen Verlust von 62 Millionen Euro. Q-Cells' chinesischer Partner LDK Solar, der Wafer fertigt, Silizium-Scheiben aus denen Solarzellen hergestellt werden, fuhr im ersten Quartal einen Verlust von 22,5 Millionen Dollar ein. Das US-amerikanische Unternehmen Evergreen Solar schloss bereits das Geschäftsjahr 2008 mit einem Nettoverlust von 84,9 Millionen Dollar ab.
Die Hauptgründe sehen Branchenexperten in der globalen Finanzkrise: Viele Solaranlagen werden über Kredite finanziert. Aufgrund der Krise vergeben Banken große Darlehen jedoch deutlich zurückhaltender. Daher würden derzeit vor allem Großprojekte wie Solarparks, die den Hauptteil des Geschäfts ausmachen, auf Eis gelegt. Die Kreditvergabe für kleinere und mittlere Projekte, etwa die Solaranlage auf dem Eigenheim-Dach, sei hingegen stabil geblieben oder habe sich sogar verbessert, erklärt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar).
Negativ wirkt sich zudem das Wegbrechen des spanischen Marktes aus: Spanien galt bis Ende des vergangenen Jahres als wichtigster Handelsplatz der Solarwirtschaft. Hier wurden 2008 weltweit die meisten (Groß-)Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 2,7 Gigawatt installiert. Das entspricht der Leistung von zwei großen deutschen Atomkraftwerken. Im Januar 2009 trat jedoch eine neue Verordnung über die Einspeisung von Sonnenstrom in Kraft, welche die jährliche Förderung schrittweise auf 400 Megawatt beschränkt und die Einspeisevergütung um etwa 30 Prozent auf maximal 33 Cent je Kilowattstunde senkt. Infolge der nunmehr zu erwartenden geringeren Gewinne reduzierten viele Großinvestoren ihre Pläne oder froren sie vorerst ganz ein. Hinzu kommt die starke chinesische Konkurrenz: 39 Prozent der weltweit produzierten Solarzellen und -module kamen 2008 aus China. Das Land belegt damit inzwischen den Spitzenplatz bei den Herstellern, weit vor der EU mit 28 Prozent. Technisch liegen die Module auf internationalem Niveau. Problematisch für europäische Hersteller sind jedoch die extrem niedrigen Produktionskosten. Teilweise liegen sie fast 50 Prozent unter denen westlicher Firmen.
All diese Entwicklungen wirken sich auch auf Solarunternehmen in Deutschland aus. Q-Cells meldete Kurzarbeit an und verkaufte Anfang Mai seine Anteile am norwegischen Siliziumproduzenten Renewable Energy Corporation. Die Freiburger Solar-Fabrik AG trennte sich von ihrem Waferrecycling. Der Modulhersteller CSG Solar, wie Q-Cells im sachsen-anhaltinischen Thalheim angesiedelt, musste kurz vor Weihnachten 2008 die Produktion einstellen und den Großteil seiner 164 Beschäftigten entlassen. Vor allem kleineren Unternehmen ohne große Rücklagen droht der Konkurs. So ging City Solar aus Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) Ende Januar 2009 in die Insolvenz. Die Firma, die 2007 den Deutschen Solarpreis erhielt, gilt als einer der führenden Hersteller von solaren Großkraftwerken.
"Die Solarindustrie durchschreitet ein Tal der Tränen", bilanziert Wolfgang Seeliger, Mitautor der Photovoltaik-Branchenanalyse 2009 der Landesbank Baden-Würtemberg (LBBW). Die Situation der Branche habe sich deutlich schlechter entwickelt, als Anfang des Jahres erwartet. Für den Zeitraum bis 2010 will er daher auch noch keine Entwarnung geben, im Gegenteil: "Da wird das eine oder andere Unternehmen ausscheiden." Eine Marktbereinigung, wie sie unter anderem Solarworld-Chef Frank Asbek prognostiziert, sieht der Branchenverband BSW-Solar jedoch bisher nicht: "Weder sind größere Unternehmen in den letzten Monaten vom Markt verschwunden noch haben Übernahmen stattgefunden", erklärt Körnig. Die Übernahme des Erfurter Solarzellenherstellers Ersol durch Bosch sei hier "die Ausnahme". Am Montag kündigte Bosch zudem an, sich ins Solarmodul-Geschäft in Brandenburg einkaufen. Bosch wolle die Mehrheit am Solarmodul-Hersteller aleo solar (Prenzlau/Oldenburg) übernehmen und strebe zudem die industrielle Führung über die Johanna Solar Technology GmbH in Brandenburg/Havel an, teilte das Unternehmen mit. Asbek hingegen geht davon aus, dass von den 160 Solarunternehmen weltweit nur ein Duzend überleben wird. Zu den Nutznießern der Solarkrise gehören hingegen die Verbraucher.
Die Preise für Solarmodule liegen derzeit um bis zu 40 Prozent niedriger als vor der Krise. Durchschnittlich zahlt ein Kunde für kleine und mittlere Solaranlagen aktuell rund 3.600 Euro je installiertem Kilowatt Leistung. Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz über 20 Jahre garantierte Vergütung des ins Netz eingespeisten Sonnenstroms in Höhe von bis zu 43 Cent je Kilowattstunde bringt derzeit in sonnenreichen Lagen jährliche Renditen von mehr als sechs Prozent. Wegen dieser hohen Erträge würden private Nutzer trotz der Wirtschaftskrise wieder verstärkt Solaranlagen kaufen, ist sich BSW-Solar-Geschäftsführer Körnig sicher. Für 2009 rechnet der Branchenverband daher trotz allem bundesweit mit stabilen Zuwachsraten. Auch Solon setzt auf das traditionell stärkere zweite Halbjahr. "Das Marktumfeld, gerade im Kraftwerksbereich, ist noch schwierig, aber wir schauen längerfristig schon positiv in die Zukunft", erklärt Pressesprecherin Ratzlaff. Der Markt für Solarmodule entwickle sich gut.
Generalisieren möchte Körnig solche Einschätzungen nicht: "Die Signale aus den Unternehmen sind sehr unterschiedlich, so dass man keinen Trend ableiten kann. Einige Hersteller sprechen von einer Stabilisierung ihres Geschäfts im zweiten Halbjahr, andere Produzenten wagen für das Gesamtjahr noch keine Prognose." Mittel- und langfristig werde die Nachfrage aber auch bei den Großprojekten weiter wachsen, ist sich der Branchenverband sicher. Als wichtigste Exportmärkte der Zukunft gelten für die deutsche Solarwirtschaft dabei vor allem die USA und Kanada. "Anders als in Deutschland ist hier die Solarenergie in den nationalen Konjunkturprogrammen verankert. Diese Märkte könnten bereits im kommenden Jahr den deutschen Markt eingeholt haben", so Körnig. In Europa sind Italien, Griechenland und Frankreich aufgrund attraktiver staatlicher Förderungen die Hoffnungsträger.
align="center"> Stromkunden profitieren
Vorsichtig optimistisch gibt sich auch LBBW-Analyst Seeliger: Die langfristigen Wachstumsperspektiven seien "vielversprechend für alle Unternehmen, die die schwierige Phase überstehen". Die deutschen Hersteller müssten jedoch einiges tun, um den Anschluss an den internationalen Wettbewerb nicht zu verpassen: Es gelte, durch Massenfertigung und auch Outsourcing die Produktionskosten zu senken, die eigenen Investitionen zu überprüfen und zu fokussieren und auf Innovationen zu setzen. Eine andere Strategie könne sein, hochwertige Solarmodule im Premiumsegment anzubieten, um dem Preisdruck der Konkurrenz zu entgehen. Hierbei müsse jedoch darauf geachtet werden, aus dem Produkt auch eine bekannte Marke zu machen.
Eine Entwicklung sehen Solarindustrie und Branchenbeobachter gleichermaßen positiv: Aufgrund der enormen Preisstürze bei den Anlagen könne Solarstrom bereits in den kommenden Jahren wettbewerbsfähig werden, also mit Strom aus der Steckdose konkurrieren. Den LBBW-Analysten zufolge werde Sonnenstrom für Kunden in Mitteleuropa spätestens 2013 genauso günstig oder sogar günstiger sein als Strom aus konventionellen Kohle- oder Atomkraftwerken.
Die Branche rechnet dann mit einem neuen Boom.
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Einfach nur gebrauchte Computer verkaufen ist ja wohl langweilig. In diesem Laden in Österreich gibt es außerdem Palatschinken, einen schnelldrehenden Flohmarkt und seeeeehr viele Hinweisschilder. Irre!

Leserkommentare
04.08.2009 21:07 | pekerst
Mal so ganz unter uns: "Umsatzeinbrüche bei Sonnenenergie" gibt es nicht und kann es nicht geben, denn diese Energie wird i ...
04.08.2009 17:05 | Bernhard H. Johannes Wagner
Für Mittel- und Nordeuropa wäre auch eine ganz andere Art der Konkurrenz zu Solarenergie interessant, die leider aber bei P ...