"Hören Sie sofort auf damit! Das schränkt mein Persönlichkeitsrecht ein!" Der Schaffner, der sich "den Schaffner" verbitten lässt, denn er sei ein "Zugbegleiter", hält seine...von CHRISTOPHER KLOEBLE
"Hören Sie sofort auf damit! Das schränkt mein Persönlichkeitsrecht ein!" Der Schaffner, der sich "den Schaffner" verbitten lässt, denn er sei ein "Zugbegleiter", hält seine Handfläche vor die Linse der Videokamera meines Vaters. Der wollte eigentlich nur die Abfahrt des Zuges aus dem Münchner Hauptbahnhof filmen, in dem meine Schwester sitzt. Sie reist mit der Schulklasse nach Florenz. "Was soll das denn? Das geht Sie gar nichts an!", erregt sich mein Vater und gestikuliert wild. Der Angestellte der Deutschen Bahn weicht erschrocken zurück und spricht in sein Funkgerät. Hat er gerade "Verstärkung" gesagt?
Prompt rücken vier Sicherheitsbeamte der DB an. Die Breitschultrigen bewegen die Hände vor meinem aufgebrachten Vater auf und ab, als spielten sie mit einem unsichtbaren Jojo. Das soll ihn beruhigen. Man könne hier nicht einfach so filmen, heißt es, dafür benötige man das Einverständnis jeder Person, die auf dem Film zu erkennen sei. Mein Vater ist nicht sehr beruhigt. Das würde doch kein Tourist machen, erwidert er. Die Hausordnung gebe es sogar auf Japanisch, erklärt einer der vier ernst. Dann funkt er die Polizei an. Verstärkung.
Ein paar Wochen zuvor wollte ich im selben Bahnhof eine Fahrkarte erstatten lassen. Vorsichtig näherte ich mich dem Schalter, über dem rot auf weiß DB stand. Nach wenigen Worten unterbrach mich der Herr hinter dem dicken Glas: "Seh ich aus wie eine Lokomotive?" Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Also begann ich noch einmal von vorn. Da lehnte er sich vor: "Sie sind hier falsch", bellte er. Ich versuchte es mit: "Aber über Ihnen steht doch ,Deutsche Bahn Fahrkarten und Reservierungen'." Darauf er: "Ja und? Der ganze Bahnhof gehört der Deutschen Bahn!"
Damals fühlte ich mein Persönlichkeitsrecht auch ganz schön eingeschränkt. Genau daran muss ich denken, als die Polizei eintrifft. Der Schaffner, der eigentlich ein Zugbegleiter ist, erklärt den Beamten, er habe befürchtet, mein Vater würde ihn zusammenschlagen. Die Polizeibeamten mustern meinen Vater. Er hat einen Kugelbauch, misst etwa 1,65 Meter und ist 70 Jahre alt. Das Grüppchen aus sieben Blau- und Grünuniformierten erregt inzwischen ordentlich Aufmerksamkeit. Mein Vater bildet das kriminelle Zentrum des Münchner Hauptbahnhofs. "Bestehen Sie auf eine Löschung?", fragt einer der Polizisten den Zugbegleiter. Selbstverständlich besteht er darauf.
Sechs Uniformierte führen meinen Vater auf die Polizeiwache. Der Zugbegleiter sieht mich an und zuckt mit den Schultern: "Ich hatte Angst." Ob er nichts Besseres zu tun habe, sage ich zu ihm, worauf er erwidert: "Ich kann ja nicht überall sein." Er entfernt sich mit gebückter Haltung. Vielleicht hat sein Arbeitgeber, der ja offenbar nicht so furchtbar viel vom Persönlichkeitsrecht hält und seine Angestellten auch gern mal beobachtet, filmt, aufnimmt, eine Art Neurose bei ihm ausgelöst.
Nach ein paar Minuten kehrt mein Vater zurück. "Und?", frage ich. "Hast du ihn gelöscht?" Mein Vater rollt die Augen: "Er war gar nicht im Bild."
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