Deutsche und russische Jugendliche treffen sich in einem astronomischen Camp des Freizeitzentrums FEZ. Neben der Raumfahrt üben sie gegenseitiges Verständnis.von ADÉLA JUREÈKOVÁ
"Drei, zwei, eins, Start!", zählt Werner Bachmann ab. Eine Rakete, kurz zuvor aus einer Plastikflasche, drei Holzflügeln und einem Tennisball gebastelt, schießt blitzschnell vom Sportplatz in der Wuhlheide zum Himmel hoch. "Toll", und "charascho" - russisch für "gut" -, jubeln die Grüppchen deutscher und russischer Jugendlicher. Gleich dürfen auch sie ihre Raketen mit Luftdruck abfeuern.
"Raketenstarts gehören im Camp zu den Highlights", erzählt Susanne Hoffmann von der Vereinigung für Jugendarbeit in der Astronomie (Vega). Eine runde Brille und viel Enthusiasmus für die Astronomie verraten eine Wissenschaftlerin. Seit 2007 organisiert sie Space Camps im "Orbitall-Zentrum" des Freizeit- und Erholungszentrums (FEZ). Dieses hier ist eine Premiere: Vom 4. bis 13. April sind Jugendliche aus Russland dabei - dem Land, das den ersten Menschen in den Weltraum entsandte.
Ein Teil der Gruppe aus 29 Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren ist nicht mit Raketenstarts beschäftigt, sondern wandert mit GPS-Geräten durch die weitläufige Parkanlage in der Wuhlheide und übt Orientierung. Hoffmann begleitet sie und erzählt, wie das erste deutsch-russischen Space Camp zustande kam: "Unser Verein veranstaltet jährlich Astronomische Sommerlager. Letztes Jahr ist Vega mit Schülern zur Sonnenfinsternis nach Nowosibirsk gereist, wo man diese ideal beobachten konnte." Dort haben sie Partnerschulen gefunden.
Während Juri Gagarin 1961 bis in den Weltraum reiste, kommen heute viele junge Russen nicht mal über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus. Stas besucht das Astronomische Lyzeum in Nowosibirsk. Noch nie in seinem Leben hatte er Russland verlassen. "In der Schule haben wir besondere Fächer wie Kosmonautik", erzählt der 16-Jährige. In seiner GPS-Gruppe läuft die Verständigung gut, schließlich spricht Stas Englisch. "Es sind auch welche dabei, die nur Russisch können", sagen seine deutschen Kollegen. "Da klappt es dann mit Händen und Füßen."
Auch Jekaterina war noch nie in Europa; sie ist begeistert vom warmen Frühling. In Sibirien, wo sie herkomme, liege noch dick Schnee. Die beiden finden Astronomie spannend, aber Astronauten - oder Kosmonauten, wie es in einstigen Ostblockländern heißt - wollen sie nicht werden.
Die Neugier der Jugendlichen auf die Raumfahrt wird im Camp vielfältig gestillt. Sterne beobachten, über ein Leben im Universum diskutieren, sich im "Aerotrimm" um alle Achsen drehen und so Schwindelfreiheit üben - das alles haben sie schon hinter sich. Zum großen Event dürfte die Raumflugsimulation werden. Dabei werden die Camp-Teilnehmer zur Belegschaft eines Raumschiffs und eines Kontrollzentrums. Gemeinsam müssen sie ihr Fluggerät durch den Kosmos steuern. Die dafür eingerichteten, futuristisch anmutenden Räume des FEZ-Orbitall-Zentrums, die es schon seit DDR-Zeiten gibt, versprechen ein authentisches Erlebnis.
Inzwischen wurden alle Raketen abgeschossen und sind wieder als Plastikflaschen zum Boden zurückgekehrt. Werner Bachmann zählte die Starts ab. Der Mann mit Brille hat 30 Jahre lang als Pädagoge im FEZ gearbeitet und ist ehrenamtlich weiter dabei. Sein Ziel sei immer gewesen, am Beispiel der Raumfahrt Jugendliche für die Naturwissenschaften zu begeistern. "In der heutigen Gesellschaft herrscht großes Desinteresse an den Naturwissenschaften. Daran ist auch die Schule schuld, weil man Fächer abwählen kann", so Bachmann. Dabei schade es keinem Philosophen, etwas von Physik zu verstehen - und umgekehrt genauso. ADÉLA JURECKOVÁ
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Leserkommentare
15.04.2009 23:24 | Susanne M Hoffmann
Ein sehr schöner Beitrag, herzlichen Dank! Weitere Detail-Berichte & Fotos finden sich in meinem Blog beim Spektrum-Verlag: ...