• 28.03.2009

Holocaust-Themen im Sport

Tanz den Oskar Schindler!

Vom Vernichtungslager zur Todesspirale: Die siegreiche Eislaufkür der Paarlaufweltmeister Aljona Savchenko und Robin Szolkowy ist nur das letzte Beispiel dafür, dass Holocaust-Themen im Sport immer populärer werdenvon MARTIN KRAUSS

BERLIN taz Die Begeisterung ist für den deutschen WM-Titel im Paarlauf ist groß. Zur Melodie von "Schindlers Liste" gewannen Aljona Savchenko und Robin Szolkowy am Donnerstag bei den Weltmeisterschaften in Los Angeles Gold. Schon im Januar waren sie mit der gleichen Kür in Helsinki Europameister geworden. Und das Lob der Deutschen Eislauf-Union klang damals schon so wie heute: "Die neue Kür zu ,Schindlers Liste' war als Programm eine Augenweide. Dreifachsprünge, schwierigste Hebungen und Würfe, die Todesspirale und alle weiteren Elemente waren fließend in die Choreografie eingebettet."

Savchenko und Szolkowy sind nicht die ersten Sportler, die den Soundtrack des Films "Schindlers Liste", komponiert von John Williams, verwenden. Bereits vor 15 Jahren, ein Jahr nach Erscheinen des Films von Steven Spielberg, traten bei der Eiskunstlauf-WM der Amerikaner Paul Wylie und die Deutsche Katarina Witt zu dieser Melodie an.

Wylie trug ein graues Kostüm, das an die Lagerkluft von KZ-Häftlingen erinnerte, auf den Rücken waren hebräische Buchstaben gestickt, und in die Kür baute er einen Hitlergruß ein. Katarina Witt wählte eine andere Musiksequenz. Sie trug, wie jetzt auch Aljona Savchenko, ein rotes Kostüm, das an das Mädchen mit dem roten Kleid aus Spielbergs Film erinnerte.

Der amerikanische Psychologe Michael Rothberg hat sich mit der Verwendung des Holocaust-Themas in der Kultur und also auch in ästhetischen Sportarten beschäftigt. In seinem Buch "Traumatic Realism" analysiert er Witts Auftritt als "symbolisch aufgeladener" als den Wylies. Eine Besonderheit von Witt lag, so Rothberg, darin, dass sie der Spielberg'schen Figur des Mädchens im roten Kleid einen Bedeutungswandel gegeben habe: Sie sei nun eine, die den Holocaust überlebt habe, deren weiteres Leben glücklich verlief, und obendrein sei Witt bewusst als junge Deutsche aufgetreten.

Die Botschaft kam an. Witt, geboren 1965 und aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, repräsentierte eine jüngere deutsche Generation, die sich ohne eigene Schuld mit dem Holocaust beschäftigte. Die aktuellen deutschen Läufer erscheinen noch weniger mit der deutschen Vergangenheit verbunden: Aljona Savchenko wurde 1984 im ukrainischen Kiew geboren, seit 2003 lebt sie in Chemnitz. Robin Szolkowy wurde 1979 in Greifswald geboren, sein Vater stammt aus Tansania.

Doch Diskussionen, ob es angemessen und respektvoll ist, sich ausgerechnet mit einem Motiv aus dem Holocaust ins Getümmel um Medaillen, Werbeverträge und die Konkurrenz der Nationen zu stürzen, finden nicht statt. Nicht bei Witt 1994 und auch nicht heute: So wird die Chance vertan, eine gesellschaftliche Verständigung darüber zu erreichen, was mit der Kür ausgedrückt werden sollte, was Sport in diesem Zusammenhang kann und was er darf.

"Obwohl es ganz offensichtlich gut gemeint war", bilanziert der Psychologe Rothberg Witts WM-Kür, "so war der Symbolgehalt und die Botschaft ihres Auftritts doch im besten Fall mehrdeutig." Protest gegen eine sportliche Adaptation des Holocaust-Themas regte sich hingegen kurz vor den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta in einer anderen Sportart: Die französische Equipe im Synchronschwimmen wollte mit ihrer Choreografie die Ankunft jüdischer Frauen in den Vernichtungslagern, die Selektion durch Naziärzte an der Rampe und den Gang in die Gaskammern zeigen. Das Team hatte die Kür schon bei etlichen Wettkämpfen gezeigt, als Musik war auch die Titelmelodie von "Schindlers Liste" ausgesucht worden. "Das ist taktlos und verweist auf einen ganz armseligen Geschmack", nannte Henri Hajdenberg, der Vorsitzenden des Dachverbands der jüdischen Organisationen in Frankreich, die Kür. Die Sportler erwiderten, dass es eine künstlerische Verarbeitung des schwierigen Themas sei. "Der Holocaust berührt uns nun noch mehr", sagte die Trainerin, Odile Petit, "unsere Botschaft ist ein Appell, Rassismus zu bekämpfen."

In der internationalen Begeisterung über den Erfolg von Savchenko/Szolkowy findet sich keine Reflexion darüber, mit welchem Motiv Deutschland da Weltmeister wurde. Ingo Steuer, Trainer des Goldpaares, fasst den Inhalt der Kür so zusammen: "Ein schwieriges Stück. Es geht um Zusammenhalt, Liebe und Sehnsucht."

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!