Bislang hielt sich Google beim "Behavioral Targeting" vornehm zurück. Das ändert sich nun zum Entsetzen der Datenschützer: Google knüpft ein gigantisches Netz zum Nutzer-Tracking.von BEN SCHWAN

Du kannst Dich nicht verstecken. Bild: dpa
BERLIN taz Eigentlich klingt "Behavioral Targeting", zu deutsch: "verhaltensbasierte Zielgruppenansprache", recht nett für all jene, denen stets uninteressante Werbung im Internet eingeblendet wird. Ein Reklamenetzwerk erfasst dabei die Surftouren eines Users, um daraus dann zu schließen, für was er sich interessieren könnte.
Ist man zum Beispiel ein Fan von Reisewebsites, erhält man häufiger Airline-Anzeigen. Kauft man gelegentlich in einem Online-Tiernahrungsshop, findet man häufiger Sonderangebote für Hundefutter auf seiner Lieblingswebsite eingeblendet.
Das Problem dabei: Damit diese Reklameform funktionieren kann, müssen detailliert Surfprofile des Nutzers protokolliert und ausgewertet werden. Und das betrifft wiederum die Privatsphäre vieler Menschen ganz direkt - und erzeugt ungute Gefühle. Für Datenschützer ist "Behavioral Targeting" deshalb ganz schlicht "Schnüffelwerbung".
Der Online-Konzern Google hielt sich wohl auch deshalb beim Aufbau eines solchen Tracking-Netzes bislang zurück. Das ändert sich nun: Wie der Konzern am Mittwoch mitteilte, steigt man nun voll in den Behavioral Targeting-Markt ein.
Zunächst soll die Technik, die Google selbst mit dem verharmlosenden Begriff "interessensbasierte Anzeigen" umschreibt, nur bei einigen ausgewählten Werbetreibenden in Europa und den USA starten - als Betatest ab Anfang April.
Das wird dann sukzessive ausgebaut, bis die ganze Welt und alle Anzeigenschalter den Dienst nutzen können. Über eine eigene Website will man Kunden dazu bewegen, selbst Interessen zu nennen, die dann mit Anzeigen verknüpft werden. Diese so genannten "Ad Preferences" ermöglichen eine Feineinstellung. Und machen Gutwetter beim ausgespähten Objekt.
Dort ist zu sehen: Google knüpft ein enges Netz. Über 500 Interessenskategorien erfasst der Online-Riese, die man in den Werbeeinstellungen nachlesen kann. Egal ob unterschiedlichste Automarken, Betriebssysteme, Kleidungsarten, Luxusartikel, Hausfinanzierung, diverse Rechtsberatungsbereiche oder Wissenschaften wie Chemie und Physik - Google hat dafür eine Kategorie.
Allein unauffindbar bleibt die in den USA eigentlich besonders lukrative Werbekategorie Gesundheit, dafür kann man sich unter "Schönheit und persönliche Pflege" immerhin für Diätinfos anmelden oder angeben, dass man sich fürs Heiraten interessiert. Google verzeichne für sein Tracking-Netz "keinerlei sensible Kategorien wie etwa Gesundheit oder sexuelle Ausrichtung", betont der Konzern in seiner Pressemitteilung. Bei der Analyse der Surfwege freilich bleiben auch solche Kategorien dem Konzern kaum verborgen.
Datenschutztechnisch äußerst bedenklich ist die Reichweite, die Google mit seinem Nutzer-Tracking künftig aufweisen kann. Es ist das größte derartige Netz, das es jemals gegeben hat. "Ads by Google" begegnet man im Web fast ständig, sie werden unter anderem auf Anzeigenflächen untergebracht, die sonst nicht ausgebucht waren.
90 Prozent der deutschen Surfer in Googles Netz
Laut eigenen Angaben kann der Online-Gigant so mehr als 75 Prozent aller Internet-Nutzer in über 100 Ländern und knapp zwei Dutzend Sprachen erfassen. In Deutschland sollen es gar 90 Prozent der User sein.
All diese Menschen werden künftig durch das Targeting-Netz erfasst, wenn sie sich nicht abmelden. Immerhin das macht Google leicht: Es reicht ein Klick auf "Opt Out" in den Werbeeinstellungen. Danach wird angeblich nicht nur nichts mehr mitgespeichert, sondern auch keine personalisierte Werbung mehr eingeblendet, sondern nur die ganz normale.
Google betont bei seinem Vorgehen, dass das Tracking-Netz nicht mit persönlichen Daten arbeite. Namen und Adressen, die der Konzern beispielsweise in seinem E-Mail-Dienst vorhält, würden den Datenkrümeln (Cookies), die das Behavioral Targeting möglich machen, nicht zugeordnet, sie seien anonym.
Man trackt also den Browser, nicht den Benutzer. Das Problem: Schon allein aus den gigantischen Datenmengen, die beim Behavioral Targeting in Googles Logdateien anfallen, lassen sich potenziell Rückschlüsse auf den Surfer ziehen.
Auch speichert der Konzern die Internet-Adressen (IPs) mit, von denen Anfragen erfolgen. Diese lassen sich etwa von berechtigten Behörden oder klagenden Rechteinhabern beim Internet-Provider des Kunden wieder zu Namen und Anschriften machen.
Noch ist kein Fall im Westen bekannt geworden, bei dem Google die Surfgeschichte eines Nutzers etwa an Geheimdienste weitergereicht hätte; gegen den Versuch des US-Justizministeriums, große Mengen an Suchabfragedaten zu beziehen, wehrte sich der Konzern 2006 erfolgreich.
Klar ist aber auch: Mit der Einführung des neuen Werbenetzes dürften die Begehrlichkeiten noch weiter wachsen. Google besitzt damit nicht nur die direkten Interessen des Kunden durch dessen Suchhistorie, sondern weiß auch von zahlreichen Angeboten, die er im Web nutzt - und das nur, um etwas relevantere Reklame einblenden zu können.
Eine derartige Menge an persönlichen Informationen in der Hand einer einzelnen Firma hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. Und Google hat nun dafür gesorgt, dass es noch viel mehr werden.
Die iranische Internetzensur ist eine der rigidesten weltweit. Nun hat die Regierung Unternehmen verpflichtet, nur iranische Anbieter für Netzdienste zu verwenden. von Torsten Kleinz

Die Opposition hält eine Einigung über den Fiskalpakt vor der Sommerpause für möglich. Bei den Grünen gibt es Streit über einen Sonderparteitag dazu. von Malte Kreutzfeldt

Im Schwerpunkt Überwachung legen wir ein besonderes Augenmerk auf die neuesten Auswüchse der Sammelwut und Kontrollgelüste von Staatsgewalt wie Konzernen. Und natürlich auf Datenpannen aller Art.
Foto: time. / photocase.com
Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

NRW hat gewählt. Die taz hat sich mal angeschaut, wie kreativ die Parteien waren und was das über die KandidatInnen aussagt.

„Verspätet“ – in Berlin trifft das nicht nur einzelne Flüge, sondern ganze Flughäfen. Und was passiert nun in der Hauptstadt?

Leserkommentare
23.03.2009 11:32 | Frank N. Stein
Suchanfragen anonymisieren:
13.03.2009 14:17 | hejel
Warum zeigt mir Ghostery hier auf taz.de denn den Service 'OpenAd' an? Seltsam, seltsam. ...
13.03.2009 13:55 | Dan Kegel
FWIW, Yahoo und Microsoft machen das schon seit 2006: ...