The Dome 49 in Hannover

Geballter Popschund zum Anfassen

Die größte europäische Fernseh-Chartshow, "The Dome", geht stramm auf die 50. Ausgabe zu. Nach wie vor zieht sie die Teenies in Massen an. Worin liegt die Faszination des riesigen TV-Spektakels?von BENJAMIN WEBER

Ich möchte Teil einer Verwertungskette sein - Jeanette mit Fans.  Bild:  dpa

Ein Mann setzt sich an die Theke und bestellt einen Kaffee. "Entschuldigung", sagt er dann, "wenn Sie in diesem Hotel wohnen, wissen Sie dann auch, wo die Stars sind?" Es ist halb eins, in der Lobby ist es leer. Der Mann ist hierhergefahren, weil seine Tochter noch in der Schule ist. Sie wohnen am anderen Ende der Stadt, das Ticket für "The Dome" hat er ihr zum Geburtstag geschenkt. "Wir waren schon bei Tokio Hotel, und Pink ist dieses Jahr auch noch geplant. Dann ist es aber auch gut", sagt er und grinst unsicher. Er hat bei eBay nur noch Sitzplatzkarten bekommen, und vom Oberrang aus wird es schwierig, an die Stars ranzukommen. Deswegen ist er hier und sieht sich um. "Damit meine Tochter die ganzen Stars mal hautnah erleben kann. Mir ist das ja egal, aber meine Tochter freut sich über Autogramme und so was." Seine Tochter heißt Natalie. Sie ist elf Jahre alt.

Hautnah. Das scheint das Zauberwort zu sein bei "The Dome" und der Grund dafür, dass sich bei aller musikwirtschaftlichen Krise eine Fernsehsendung wie diese, die größte europäische TV-Chartshow, so gut hält, dass sie in der TUI-Arena in Hannover ihre 49. Ausgabe feiert. Fragt man die Kids, die sich in der niedersächsischen Februarkälte am roten Teppich die Beine in den Bauch stehen, warum sie hergekommen sind, sagen sie: Nirgendwo sonst können sie so nah an ihre großen Idole herankommen. Mirjam Weichselbraun, die für MTV und das ZDF arbeitet und heute Abend moderieren wird, erklärt die Faszination von "The Dome" so: "Wenn man sich die Charts anschaut, spielt davon das Beste an einem Abend geballt auf einer Bühne. Was ich schön daran finde, ist, dass das Publikum einfach Lust hat. Das ist kein gelangweiltes Award-Publikum, die Kids freuen sich wirklich darauf. Das merkt man auch, wenn man es moderiert."

"The Dome" beginnt am Nachmittag mit dem roten Teppich. Es ist eine regelrechte Zeremonie. Die Stars steigen nacheinander aus Autos und schreiten dann zwischen kreischenden Kids hindurch ins Hotel. Die Karten für diese Zeremonie konnte man nur gewinnen, und zwar bei den Sparkassen in und um Hannover. Die glücklichen Gewinner drängen sich an die Absperrgitter. Drei Stunden lang. Es ist kalt. Sie halten selbst gemalte Plakate in die Luft, sie kreischen, sie lassen sich fotografieren. Mit ihren Stars. Fotografen und Fernsehteams halten fest, wie der Hautnah-Traum für Sparkassengewinner-Teenies in Erfüllung geht. "Ich weiß genau, dass ich nicht mehr Platten verkaufe, nur weil ich bei ,The Dome' auftrete und über den roten Teppich laufe", sagt der Berliner "Skandal"-Rapper Sido, "für mich ist das ne Prestigesache. Ich will hier mein Gesicht zeigen und nicht vergessen werden."

Unter den Veranstaltern ist die Stimmung nicht so richtig gut. Gestern Abend hat Katy Perry ihren Auftritt abgesagt. Zwei Tage vorher war sie in die Schlagzeilen der britischen Boulevardpresse gelangt, weil sie auf der Aftershowparty der Brit Awards ziemlich besoffen war und kotzen musste. "Die offizielle Version", erklärt Kirsten, die als Mädchen für alles arbeitet und so auch für die Presse zuständig ist: "Katy ist krank." Das Problem ist, dass das Konzept der Aufzeichnung nur auf sie ausgelegt war und jetzt über Nacht umgeschrieben werden musste. "Aber ,The Dome' ist wirklich so etwas wie eine Familie", sagt Kirsten und klingt erleichtert, "Künstler wie Reamonn und DJ Ötzi haben dem Dome so viel zu verdanken, dass sie sofort eingesprungen sind und jetzt einen Song mehr spielen."

Niemand erwähnt, wie schade die Absage für die 10.000 Zuschauer ist. Wer weiß, wie viele ihr Ticket nur wegen Katy Perry gekauft haben, die seit ihrem arg dämlichen Charthit "I Kissed A Girl" immerhin der Star bei den Teenies ist. Darüber scheint man sich hier keine Gedanken zu machen, und das folgt sogar einer ganz nachvollziehbaren Logik. Denn eine Folge von "The Dome" ist nicht für das Publikum vor Ort gemacht. Es ist vielmehr in erster Linie eine Aufzeichnung. Alles, was passiert, muss erst mal für die Fernsehkameras gut aussehen. Dabei ist das Publikum als Kulisse natürlich wichtig: Die Teenies sollen kreischen und den Eindruck vermitteln, dass die brodelnde Stimmung in der Halle jeden Moment überkocht. So geil, wie das hier ist, mit den Stars aus den Charts und so.

Doch es erstaunt, wie wenig im nächsten Moment nur noch auf das Publikum geachtet wird. Immer wieder kündigt das Moderatorenteam eine Schalte hinter die Kulissen an, um zu sehen, wie sich Razorlight oder Jeanette da auf den großen Auftritt vorbereiten. Die Teenies im Saal reagieren gekonnt mit vorfreudigem Jubel und Kreischen. Doch: die Schalte kommt nicht. Sie wird nachher in die Sendung eingebaut werden. Die Kids im Publikum wissen das nicht, und es sagt ihnen auch niemand. Also halten sie verwirrt inne, bis die Moderatoren plötzlich an einer anderen Stelle im Saal auftauchen, etwas anderes ankündigen und die Kids wieder kreischen dürfen. Sie sind, im Fachjargon ausgedrückt: Klatschvieh.

Und deswegen nicht Teil einer Jugendbewegung, sondern Teil einer geschlossenen Wertschöpfungskette. Ein Becher Cola kostet 3,80 Euro, eine Currywurst (ohne Pommes) 3 Euro. "The Dome" ist regelmäßig ausverkauft. Ein Ticket kostet knapp 35 Euro - für die Kinder. Die Eltern können für 10 Euro ein Begleiterticket kaufen und sich die Show von hinten anschauen, während das Kind vor der Bühne steht und mit allen anderen zusammen kreischend ausrastet.

Das Kreischen geht durch Mark und Bein. 10.000 Kinder, drei Oberränge, ein gefüllter Innenraum. Und alles kreischt. Man sieht ihnen an: Die Begeisterung, die Euphorie ist echt. Für viele Kinder ist das hier das erste Konzerterlebnis überhaupt. Sie sind verzückt, laufen fast über vor Freude, wenn der nächste Star auf die Bühne kommt und in echt da performt. Also: Was genau ist dagegen einzuwenden, wenn Teenies zu "The Dome" gehen, dabei gleich ein Dutzend verschiedene Acts sehen und sich sehr daran erfreuen?

Man könnte sagen: Der Großteil der auftretenden Acts ist Schund. Seelenloser Mist, durch irgendwelche Medienmaschineriekampagnen groß geworden, ohne künstlerischen Anspruch oder inhaltlichen Wert. Die Kinder sind wahrscheinlich zu klein, um das zu erkennen. Aber: DJ Ötzi. Lady Gaga. Tim Toupet. Queensberry, die Gewinnerband der Castingshow Popstars. LaFee. Die Kinder bekommen neoliberalen Mist vorgesetzt wie Sidos pseudorebellischen Song "Beweg deinen Arsch": "Beweg deinen Arsch / reiß dich zusammen, heute wird dein Tag / steh auf, geh raus und machs einfach / heute wird dein Tag / beweg deinen Arsch", singt er, die Kids kreischen, und man denkt nur: Sido Westerwelle. Immerhin singt er live. Es gibt auch Playback-Auftritte inklusive uneingestöpselter Gitarren, doch wer will, darf live ran.

Natürlich hängt an "The Dome" mehr als nur die Fernsehshow. Zu jeder Show wird eine CD veröffentlicht, die wie die gute, alte Bravo-Hits funktioniert, und es gibt das Dome-Magazin mit einer Auflage von 100.000. Auch die Homepage spielt in dieser Marketingmaschinerie eine große Rolle. Häppchenweise werden dort Videos gezeigt, die um "The Dome" herum aufgenommen wurden. Meist folgt das einem bestimmten Muster. Ein Backstageinterview mit Jeanette wird an dem Tag veröffentlicht, an dem ihre neue Single erscheint. Die Single ist natürlich Thema in dem Video und: CD der Woche von thedome.de. Sie erscheint bei der Plattenfirma Universal. Universal ist Partner von "The Dome". So funktioniert das eben auch.

Samy Deluxe ist einer der wenigen ernst zu nehmenden Künstlern hier. Warum tritt er hier auf? Ist diese Eventindustrie nicht eigentlich der Feind, eine Inszenierung wie diese nicht das Gegenteil von künstlerischer Authentizität? Er sagt: "Ich weiß noch, früher war ,The Dome' ein rotes Tuch für alle. Da musste alles Playback sein. Jetzt kann man live performen. Deswegen habe ich damit kein Problem. Ich habe ein Album gemacht über mein Aufwachsen in Deutschland, und die Leute müssen das irgendwie mitkriegen. Es gibt im deutschen Fernsehen sonst keine Plattform mehr, auf der man live Musik präsentieren kann. Und da finde ich es irgendwie albern, sich aufgrund von ideologischen Überlegungen seine Möglichkeiten zu nehmen, die Leute zu erreichen."

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