• 07.02.2009

Globalisierungsfilme auf der Berlinale

Hochstapeln als Strategie

Die Flüsse privatisieren? Ein Idee des neoliberalen Wirtschaftsmanns aus Richard Brouillettes Dokumentarfilm "L'Encerclement". Vier Globalisierungsfilme der Berlinale.von CLAUDIA LENSSEN

Was tun gegen verschmutzte Flüsse? In "L'Encerclement" (Einkesselung), einer Tiefenrecherche zum Neoliberalismus, schlägt ein Glaubensbruder dieser Wirtschaftsreligion allen Ernstes vor, man solle die Flüsse privatisieren, damit die Einleitungen über gestaffelte Gebühren zu einem sauberen Geschäft werden könnten. Im Übrigen habe es Umweltverschmutzung immer schon gegeben, in Zeiten deregulierter Wirtschaft aber verschaffe sie immerhin die Vorteile hohen privaten Konsums.

Der Titel des Films stellt dessen Haltung klar: Der kanadische Dokumentarfilmer Richard Brouillette will mit ihm erklären, wie es kommen konnte, dass sich die Länder der kapitalistischen Wirtschaftsordnung im festen Griff dieser Denkschule befinden. Sein fast dreistündiger schwarz-weißer Film lässt franko-kanadische und US-amerikanische Wirtschaftshistoriker und Sozialwissenschaftler, unter ihnen Noam Chomsky und Susan George, aber auch Chef-Ideologen und Coaches der neoliberalen Schule ausführlich zu Wort kommen und ordnet sie mit Zwischentiteln zu Kapiteln einer fatalen Erfolgsgeschichte.

Vor achtzig Jahren trafen sich Ökonomen, unter ihnen der nachmalige Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, in Paris, um über mögliche Gegenstrategien zu den damals herrschenden Systemen des Faschismus und des Kommunismus zu diskutieren. Brouillette rekonstruiert, wie dieser erste, noch an liberalen Ideen des 19. Jahrhunderts orientierte Thinktank vor allem in den USA Einfluss an den Hochschulen erlangte, sich nach dem Krieg in den Netzwerken der Konzernmanager, von dort aus durch Lobbyismus unmittelbar in den Politikerköpfen und den Weltwirtschaftsorganisationen ausbreitete. "L'Encerclement" verlangt ein ausgeschlafenes Publikum, die Argumentationsdichte in franko-kanadischem Idiom und die radikal dissonante Musik sind mindestens so unbequem wie die Botschaft des Films, doch vermutlich ist dieses spröde Stück der faktenreichste Thriller der diesjährigen Berlinale im Forumsprogramm.

Ideologiekritik derselben Schlagkraft, doch unter der Maske smarter Comedy, treiben die verkleideten Manager in "The Yes Men Fix the World" im Panorama. Andy Bichlbaum, Mike Bonnano und Kurt Engfehr, allesamt elegantere Schüler ihres Meisters Michael Moore, trauen sich wie schon in ihrem ersten Film "The Yes Men" (2004) als hochstapelnde Entlarvungsspezialisten unter die Big Player: zum Beispiel eine Runde von Bauunternehmern, die New Orleans nach dem Wirbelsturm "Katrina" wiederaufbauen wollen. Sie entlocken ihnen Sätze, die das korrupte Netzwerk aus Lobbyismus und Kartellabsprachen offen legen. Während "L'Encerclement" auf die Kraft der ethisch begründeten Analyse setzt, amüsieren die Yes Men durch schadenfrohe Unmittelbarkeit.

Die Dokumentarfilme "Garapa" (Panorama) und "Die wundersame Welt der Waschkraft" (Forum) konfrontieren dagegen mit den Kehrseiten globalisierter neoliberaler Ökonomie. Sie beschäftigen sich mit den Lebensumständen von Menschen, die das Gefälle zwischen Arm und Reich am eigenen Leib erfahren.

"Garapa", ein Dokumentarfilm über Hunger in Brasilien, begleitet den Alltag dreier Familien, die ihre Kinder mit Zuckerwasser - das ist Garapa - ernähren müssen. Regisseur José Padilha, der mit dem Spielfilm "Tropa de Elite" im letzten Jahr den Goldenen Bären gewann, wollte wissen, was sich hinter den Hunger-Statistiken der UN verbirgt, nämlich oft die schleichende Auszehrung durch Fehlernährung.

Der Regisseur José Padilha zeigt verarmte Kleinbauern auf der Suche nach Wasser und Milchpulver, lässt erschöpfte Frauen und meist alkoholisierte Männer berichten und macht mit seinen Handkamera-Bildern in nüchternem Schwarz-Weiß deutlich, wie die Hungerdroge Zucker die Körper der Kinder angreift. Arbeitslosigkeit, Verelendung und die Verknappung staatlicher Hilfen durch die gestiegenen Weltmarktpreise für Lebensmittel wirken ineinander.

Hans-Christian Schmids Dokumentarfilm "Die wundersame Welt der Waschkraft" holt einen anderen Aspekt globalisierter Ökonomie in den Fokus, indem er sich mit den Folgen eines Geschäftsmodells in Polen, in unmittelbarer Nachbarschaft zur boomenden Hotelbranche Berlins beschäftigt. Die täglich anfallende Menge Wäsche wird in einer deutschen Großwäscherei in Polen gewaschen und im Overnight-System nach Berlin zurücktransportiert. 400 Arbeiterinnen stehen im Schichtdienst an den Maschinen, der Dampf für die moderne Anlage kommt aus einem nahe gelegenen Kraftwerk. Das Unternehmen nutzt das Lohngefälle zwischen Deutschland und Polen, die Berliner Vier- und Fünf-Sterne-Hotels profitieren ebenfalls.

Hans-Christian Schmid kehrt mit seinem Film in die Region der scharfen Kontraste zurück, über die er schon in seinem berührenden Spielfilm "Lichter" erzählt hat. Sein Dokumentarfilm konzentriert sich auf zwei Arbeiterinnen und deren Familien. Behutsam und diskret schildert er, wie die Schichtarbeit das Leben der Frauen, Kinder und Lebenspartner dominiert, welche moderaten Aufstiegsträume möglich scheinen und welche Entscheidungen die unsicheren Verhältnisse den Familien abverlangen.

Die jungen Leute zieht es aus der deutsch-polnischen Grenzregion fort, sogar der unterbezahlte Gemeindevorsteher braucht einen Nebenjob in der Wechselstube, eine Großmutter verdingt sich als Saisonarbeiterin in England. Hans-Christian Schmids Film ist keine larmoyante Anklage gegen die relative Armut in unserem Nahbereich, er schildert vielmehr sehr persönlich und einfühlsam, wie Menschen gezwungen sind, sich mit den Bedingungen exportierter Arbeit zu arrangieren.

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