Gipfel der Länderanstaltschefs

ARD vergibt Pocher und feiert 2008

Der neue ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust fand das Programm seines Senders im Jahr 2008 prima. Sorgenkind bleiben die Tagesthemen, der klamme RBB und der Streit ums Internet.von INGO ARZT

Mit einem Auge sieht man besser? Die ARD scheint doch Spaß zu verstehen und will Pocher unbedingt halten.  Bild:  dpa

2008 war bei der ARD so ziemlich alles "sehr erfolgreich". Auf der ersten Pressekonferenz mit dem neuen Vorsitzenden, dem Intendanten des SWR, Peter Boudgoust, bedachte ARD-Programmdirektor Volker Herres seinen Sender mit Bestnoten: TV-Produktionen wie "Mogadischu", die Fußball Europameisterschaft, die Olympischen Spiele und nicht zuletzt die quotenschwachen "Tagesthemen", die 2008 im Schnitt 400.000 Zuschauer mehr hatten als noch im Jahr zuvor. Mit 13,4 Prozent Marktanteil ist Das Erste Marktführer. Zwei Tage saßen die Intendanten der zehn Rundfunkanstalten in Stuttgart zusammen, bei den hartnäckigen Diskussionen innerhalb der ARD gab es allerdings keine Entscheidungen.

 

Dazu gehört der, wie Boudgoust sagt, "Stachel im Fleisch": die von Tag zu Tag unterschiedlichen Sendezeiten der "Tagesthemen". Boudgoust will eine feste Sendezeit, alles andere kostet Zuschauer gegenüber dem beliebteren "heute-journal" im ZDF. Allerdings könnte eine feste Sendezeit der ARD-Spätnachrichten dazu führen, dass andere Formate wie "Menschen bei Maischberger" oder "Schmidt & Pocher" verlegt werden müssen, was hier wiederum Zuschauer vertreiben könnte. Man wolle in den nächsten Monaten eine Entscheidung bei dieser "Operation am offenen Herzen" treffen, verkündete Boudgoust.

 

Auch bei einem weiteren wichtigen Punkt gab es keine Einigung: eine einheitliche Dachmarke für die zahlreichen ARD-Politiksendungen wie "Panorama", "Monitor" oder "Kontraste". Hier strebt Boudgoust zwar an, die alten Namen beizubehalten, den Sendungen allerdings einen einheitlichen Oberbegriff zu geben.

 

Immerhin soll es auf der nächsten Sitzung der Intendanten eine Entscheidung über eine angestrebte Finanzhilfe für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) geben. 20 Millionen Euro Zuschuss über mehrere Jahre soll der RBB erhalten, weil in dessen Sendegebiet besonders viele Beitragszahler Hartz IV beziehen und deshalb von den Gebühren befreit sind. Eine "Modelldiskussion" allerdings habe es keine gegeben, so Boudgoust: Das grundsätzliche Problem ist, dass die Anstalten ihre Gebührenanteile nach der Zahl der "ertragsfähigen" Geräte erhalten - in Gebieten hoher Arbeitslosigkeit ist dies entsprechend weniger. Erst in der nächsten Gebührenperiode werde es zu einer Neuordnung Überlegungen geben, so Boudgoust.

 

In Sachen Internetangebote geht die ARD derweil in die Offensive: SWR-Justiziar Hermann Eicher kündigte Streit mit der privaten Konkurrenz an, "auch vor Gericht". Hintergrund ist der neue Staatsvertrag, nach dem ARD und ZDF neue Internetangebote vor Start einem Drei-Stufen-Test unterziehen müssen. Er sieht unter anderem vor, die Auswirkungen auf die kommerzielle Konkurrenz zu prüfen. Bestimmte Inhalte öffentlich-rechtliche Internetangebote dürfen dann nur sieben Tage online stehen, Sportübertragungen sogar nur 24 Stunden lang. Die private Konkurrenz fürchtete sonst eine Online-Übermacht der mit Gebühren finanzierten Sender ARD und ZDF. Zur Definition der Inhalte, die dem Drei-Stufen-Test unterstehen, sind im neuen Rundfunkstaatsvertrag Begriffe wie "sendungsbezogen" und "presseähnlich" aufgeführt, was gerichtliche Auseinandersetzungen über die Definition vorprogrammiert, fürchtet Eicher. Er gewinne den Eindruck, die Privaten wollen über gezielte "Störfeuer" ein Stopp für neue Angebote erwirken.

 

Harmonie besteht unterdessen in der Programmplanung für das nächste Jahr: Neben einer neuen Vorabendserie über vier tapfere Frauen, die einen Automobilzulieferer vor der Übernahme durch eine Heuschrecke retten wollen, sind diverse Dokumentationen und Fernsehfilme geplant: zum Mauerfall gibt es eigene Produktionen, ebenso über das Leben von Marcel Reich-Ranicki oder Romy Schneider. Frank Elstner wird die Moderation von "Verstehen Sie Spaß" zum Ende des Jahres abgeben. Berichte über die Sonntagsspiele der Fußball-Bundesliga gibt's im frei empfangbaren Fernsehen in der kommenden Saison zuerst in der ARD, ab 21:45 Uhr können die dritten Programme eigene Beiträge liefern. Und Oliver Pocher, der wegen eines Auftritts in einer Stauffenberg-Uniform in Misskredit gefallen war? Den will man nun doch unbedingt halten, auch wenn "Schmidt & Pocher" im April zum letzten Mal laufen wird. "Wenn man junge Menschen gewinnen will, wird uns das nicht mit der Übertragung von Bundestagsdebatten und Gottesdiensten gelingen", sagte Programmdirektor Herres.

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