Auf dem Weltsozialforum steht die Realität des Elends im Zentrum. Trotz richtiger Analyse käme Südamerikas Regierungslinke nicht voran, meint der ecuadorianische Ökonom Alberto Acosta.von GERHARD DILGER

Megacity Sao Paulo, Brasilien: "Die meisten lateinamerikanischen Regierungen haben zwar begriffen, dass man auf regionale Zusammenarbeit setzen muss, aber sie befinden sich immer noch beim Diskurs, nicht in der Praxis." Bild: dpa
taz: Herr Acosta, was sagt das Weltsozialforum zur Finanzkrise?

ALBERTO ACOSTA, 60, ecuadorianischer Wirtschaftswissenschaftler, Politiker und Intellektueller Foto: archiv
Alberto Acosta: Die Krise unterstreicht dramatisch die Kritik, die seit Jahren auf dem Weltsozialforum geübt wird. Hier steht die Wirklichkeit des Elends, der Ungleichheit im Vordergrund. Die meisten Menschen auf der Welt sind von den Segnungen des Fortschritts ausgeschlossen. Das neoliberale Einheitsdenken wird gerade aus Lateinamerika vertrieben.
Dennoch gibt es in der Praxis noch kein überzeugendes Alternativkonzept.
Noch haben es diejenigen, die das richtig analysiert haben, nicht geschafft, in die Offensive zu kommen. Ihre Vorschläge sind entweder halbherzig, innerhalb der herkömmlichen Logik, etwa: Retten wir die Banken! Oder es gelingt ihnen nicht, konkrete Lösungen umzusetzen. So haben die meisten lateinamerikanischen Regierungen zwar begriffen, dass man auf regionale Zusammenarbeit setzen muss , aber sie befinden sich immer noch beim Diskurs, nicht in der Praxis.
Wie kommt das?
Es fehlt an Entscheidungskraft. Die Bank des Südens sollte schon seit einiger Zeit funktionieren, ebenso ein regionaler Stabilisierungsfonds. Oder zum Thema Ernährungs- und Energiesouveränität: Nicht dass wir keine Lebensmittel mehr exportieren sollten, aber wir sollten die Importe regional organisieren, einige Länder könnten sich mit lokaler Produktion selbst versorgen. Venezuela hilft zwar vielen Nachbarn mit billigen Öllieferungen, aber die geplante gemeinsame Raffinerie in Ecuador wird wegen der Krise schwierig. Leider haben die Regierungen die Jahre des Booms nicht zu solchen Strukturreformen genutzt.
Warum gab es in der Region kaum ein Echo auf Ecuadors Schuldenmoratorium?
Der Druck des internationalen Finanzsystems ist immer noch sehr stark, deswegen scheuen die Regierungen vor tiefgreifenden Maßnahmen zurück.
Gibt es denn eine gemeinsame Strategie für Amazonien?
Nein. Das Amazonasgebiet war immer die Peripherie der Peripherie. Statt die Agrarstrukturen zu reformieren, hat man die Kolonisierung Amazoniens gefördert. Statt die Artenvielfalt zu schützen, holt man nur Rohstoffe heraus und fördert Monokulturen. Leider liegen lokal angepasste Lösungen jenseits der Vorstellungswelt auch der linken Präsidenten. Die beschimpfen die Umweltschützer als infantil, anstatt ihr seniles Entwicklungsdenken zu überwinden.
Auf dem WSF war viel vom "guten Leben" die Rede, dem Leitprinzip der neuen Verfassung Ecuadors. Wie lautet Ihre Definition?
Es geht um einen Zivilisationswandel, das harmonische Zusammenleben der Menschen untereinander und mit der Natur. Das Individuum wird nicht angegriffen, nur seine Selbstverwirklichung auf Kosten anderer. Für die Indígenas ist der Fortschritt nicht eine Kette von Opfern und Aggressionen gegen die Natur, damit man später besser leben kann. Sie sagen: Wir können jetzt besser leben mit dem, was wir haben. Das beinhaltet Gleichheit und Umverteilung als Grundprinzipien, Gegenseitigkeit und Solidarität. Es ist eine humanistische Vision. Denker wie Amartya Sen teilen sie, der sagt, es komme nicht darauf an, wie viel jemand in seinem Leben produziert. Wir wollen eine soziale, solidarische Ökonomie, die ja auf den Weltsozialforen von Anfang an propagiert wurde und die sich Jahre später in Ecuador tatsächlich herauskristallisiert. Hinzu kommen die Rechte der Natur.
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