Barbara E. wurde bekannt, weil sie angeblich 1,30 Euro Pfand unterschlug und ihr Arbeitgeber sie deshalb entließ. Ein Solikomitee hat aus ihrem Fall eine Kampagne gemacht.von KIRSTEN KÜPPERS
Heute, wenn es losgeht mit dem Berufungsverfahren, gegen 10.30 Uhr, wird sich Barbara E. durch die Menge vor dem Berliner Landesarbeitsgericht schieben, eine gedrungene, 50-jährige Frau mit blondierten Haaren und grauer Daunenjacke. Sie drängt sich vorbei an den vielen Männern und Frauen, die gekommen sind, um ihr auf die Schultern zu klopfen, ihr Glück zu wünschen. Ein paar alte Recken von der IG Metall werden da sein, einzelne Politiker von den Grünen und der Linkspartei, ein paar junge Leute mit bunten Haaren, die frierend neben dem gemieteten Lieferwagen stehen, aus dem Lautsprecherboxen kommt ein Pfeifen. Sie werden Barbara E. wieder einmal feiern als eine Kämpferin für Gerechtigkeit. Als Symbol für den Widerstand gegen die Willkür der Arbeitswelt. Und Barbara E. wird winken, verstohlen und nervös, während sie sich mit hochgezogenen Schultern ihren Weg zum Gerichtsgebäude bahnt.
Im Kopf trägt sie ihre ganz eigene Hoffnung. Die Hoffnung ist ziemlich klein, aber sie leuchtet hell und klar, und es geht darin vor allem um eins: um eine Zukunft, in der E. wieder in einer flachen Supermarkthalle hinter einer Fleischtheke steht oder an einer Kasse sitzt. So wie sie das 31 Jahre lang getan hat. Bis vor einem Jahr. In Barbaras Hoffnung ist die Zukunft wie die Vergangenheit, und Begriffe wie Jobcenter und Hartz IV kommen dort nicht vor.
Die Angelegenheit, die heute am Arbeitsgericht verhandelt wird, die Sache mit den Pfandbons, passierte Ende Januar vergangenen Jahres, an einem trüben Freitagnachmittag. Barbara E. saß damals an ihrem Arbeitsplatz an der Kasse des Kaisers- Supermarktes im Einkaufszentrum Storchenhof in Berlin-Hohenschönhausen. Plötzlich bat der Filialleiter sie nach hinten. Dort wartete schon die für sämtliche Filialen im Berliner Nordosten zuständige Distriktmanagerin. Barbara E. musste ihre Handtasche vor der Distriktmanagerin ausleeren, ihr Spind wurde kontrolliert. Dann baten sie die Kassiererin ins schmale Büro des Filialleiters und stellten viele Fragen. Sie sprachen von "Ungereimtheiten", sie warfen ihr vor, sie habe zwei Pfandbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst. Die Bons seien aber nicht ihre eigenen gewesen, sondern ein Kunde habe sie verloren und E. habe sie verbotenerweise eingetauscht.
Die Vorwürfe flogen E. um die Ohren, sie verstand nur wenig. Am Ende des Gesprächs erklärte die Distriktmanagerin, E. habe zwei Möglichkeiten: Sie könne entweder selbst kündigen oder sie werde gekündigt.
Als Barbara an diesem Tag taub und benommen aus dem Büro ihres Filialleiters trat, hatte sie nichts begriffen, überhaupt nichts. "Mein Kopf war wie ein leerer Eimer", meint sie und wusste nur: "Ich hab die Pfandbons nicht gestohlen." Ihrem Chef reichte der Verdacht. Einige Wochen später tauchte ein Bote auf und überreichte ihr den Umschlag mit der fristlosen Kündigung.
Es hat eine Weile gedauert. E. traf sich mit ihren Kollegen vom Betriebsrat. Und dann dachte sie nach. In ihrem Kopf fügten sich langsam die einzelnen Ereignisse zusammen und sie vermutete: Vielleicht wurden ihr die Bons untergeschoben. Eventuell waren lächerliche 1,30 Euro nur das Werkzeug, um eine unliebsame Mitarbeiterin aus dem Weg zu räumen mithilfe einer "Verdachtskündigung", wie diese Form der Kündigung juristisch heißt. So sieht es E. heute.
Immerhin hatte sie sich in der Vergangenheit mehrmals beim Chef über zu große Arbeitsbelastung beschwert. Sie hatte zuvor auch an den drei Streikwellen im Einzelhandel Ende 2007 teilgenommen. Eigens für diese Form des Protests malte sie Schilder und bastelte Hütchen und lief dann bei allen Demonstrationen mit. Bei den Streiks ging es damals um die Angleichung der Tarife in Ost und West - aus ihrer Sicht um eine gerechte Sache. "Wer verzichtet schon freiwillig auf Kohle. Ich bestimmt nicht!", raunzt Barbara E. Wegen der Streiks gab es bereits zwischen ihr und der Distriktmanagerin Gespräche, die nicht freundlich verliefen.
Barbara E. sieht nicht so aus wie jemand, der 31 Jahre Berufserfahrung aufs Spiel setzt - schon gar nicht für 1,30 Euro. Sie hat ein weiches Gesicht, aber der Mund gibt ihr einen verbitterten Ausdruck. Die Geschehnisse des vergangenen Jahres haben sie etwas schroff werden lassen gegenüber anderen. E. gibt zu, dass sie "gern die Klappe aufreißt". Ihr Leben lang hat sie als Verkäuferin gearbeitet, daneben noch drei Kinder allein groß gezogen. Und ziemlich oft sagt sie: "Unterbuttern lass ich mich nicht."
Nach der Kündigung nahm sich E. einen Anwalt. Sie ist keine große Revolutionärin, aber sie wollte die Sache jetzt durchkämpfen. Ein paar Leute, die sie beim Streik kennengelernt hatte, machten ihr Mut. Etwas geriet ins Rollen. Im Frühsommer 2008 wurde die Geschichte ihrer Entlassung dann auch jenseits der Plattenbauten von Hohenschönhausen bekannt. Für die Öffentlichkeit war es die griffige Erzählung von David gegen Goliath, die kleine Kassiererin gegen den großen Konzern. Ein Solidaritätskomitee bildete sich. Ein paar gestandene Gewerkschaftler waren darunter, ein paar Aktivisten aus dem linksalternativen Milieu. Das Komitee druckte E.s Spitznamen "Emmely" auf Flugblätter und veröffentlichte Pamphlete im Internet. Alle möglichen Leute hängten sich jetzt an den Protest dran: Anarchosyndikalisten, kritische Gewerkschafter, die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, linke Gruppen, Erwerbsloseninitiativen, ein paar Abgeordnete der Grünen und der Linkspartei. "Ich kenn die alle nicht", erklärt Barbara E.
Es folgten Kundgebungen vor Supermärkten, Podiumsdiskussionen, "Emmely"-Plakate hingen an Laternenmasten. In Köln klebten Aktivisten in einer Kaisers-Filiale "Solidarität mit Emmely"-Aufkleber auf Bananen und Gurken. In Berlin tanzten junge Leute zu Technomusik eine Polonaise durch einen Kaisers-Supermarkt und skandierten "Solidarität mit Emmely". Es gibt eine Postkartenaktion und Boykottaufrufe gegen Kaisers. Ein Fernsehteam besucht E. zu Hause. Ein Berliner Radiosender schlägt sich auf Emmelys Seite.
Im Internet steigt Emmely sogar zur prominenten Figur im weltweiten Protest gegen den Kapitalismus auf. Sie tauchte nun neben Schlagworten wie "prekäre Beschäftigung", "Repression" und "migrantische Landarbeiterinnen" auf. In Ausbeutungsdiskursen hat Emmely aus Hohenschönhausen jetzt einen ähnlichen Status erreicht wie die Kaffeebauern in Nicaragua.
Als E. im August vergangenen Jahres vor Gericht zog, musste sie ihre Unschuld beweisen. Das ist das übliche Verfahren bei Verdachtskündigungen. Ein paar ehemalige Kolleginnen sagten gegen sie aus, ein Sympathisant ruft etwas Lautes aus dem Zuschauerraum. Die Kündigungsschutzklage scheitert trotzdem. Natürlich geht E. sofort in Berufung. Sie hat ja keine andere Wahl. Sie war beim Jobcenter, absolvierte einen Computerlehrgang. Auch ein paar frustrierende Bewerbungsgespräche brachte sie hinter sich. "Wer will schon eine Kassiererin, die so einen Verdacht an der Backe hat?", knurrt Barbara. Nach dem Prozess bereiten ihr die Leute von der Soligruppe in der Gerichtskantine immerhin einen warmen Empfang.
Aber Barbara E. muss aufpassen. Zu Hause auf der Couch in ihrem Wohnzimmer sagt sie einmal einen Satz, in dem viel Wahrheit steckt, aber auch viel Trauriges: "Es geht schon lange nicht mehr um mich." E. will so schnell wie möglich wieder anfangen bei Kaisers. Dem Solikomitee reicht das indes nicht: Es fordert, dass die Verdachtskündigung ganz abschafft wird. Denn darin sehen die Aktivisten eine Handhabe für Arbeitgeber, unbequeme Beschäftigte mit Langzeitarbeitsverträgen loszuwerden. Barbara spürt, das Solikomitee hat aus ihrem Fall eine politische Kampagne gemacht. Nun muss die vormalige Kassiererin im Kampf der Großen gegen die Kleinen plötzlich aufpassen, dass sie nicht unter die Räder gerät.
Inzwischen ist sowieso alles schlimm genug. Sie musste in eine kleinere Wohnung ziehen, den Zeltplatz aufgegeben und Arbeitslosengeld II beantragen. Wenn ihr ehemalige Kolleginnen begegnen, huschen sie auf die andere Straßenseite und gucken in die Luft. Ihr alter Betriebsrat hat wegen des Boykottaufrufs einen bösen Brief an Ver.di geschrieben und sich von den Aktionen distanziert. Barbara telefoniert nun manchmal fünfmal am Tag mit ihrem Anwalt. Er sagt, sie müsse vorsichtig sein. Wenn sie wieder bei Kaisers arbeiten wolle, müsse sie sich eindeutig vom Solikomitee fernhalten. Sie darf nicht in Zusammenhang mit den Boykottaufrufen gegen Kaiser's gebracht werden. Barbara geht zu keinen Emmely-Kundgebungen. Sie hat keine Ahnung, was im Internet los ist, weil sie in ihrer Wohnung gar keinen Internetanschluss hat. Aber sie muss aufpassen, was die Journalisten schreiben. Aus allem Möglichen kann die Gegenseite ihr vor Gericht einen Strick drehen. Es kann jetzt passieren, dass Barbara E. im Wohnzimmer sitzt und in Tränen ausbricht. Einfach so. In letzter Zeit hat E. öfter über eine Therapie nachgedacht.
Es ist in diesen Momenten auf der Wohnzimmercouch, ein paar schief geliebte Plüschtiere hocken daneben und leisten Beistand, auf dem braun gemusterten Teppich stapeln sich die Aktenordner. Barbara E. schlingt die Strickjacke fester um sich, verschränkt die Arme vor der Brust, ihr ganzer Körper sieht aus wie eine Trutzburg. In diesen erschöpften Momenten kann es vorkommen, dass E. überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, die Sache kleiner zu fahren. Eine stille Einigung mit dem Chef, ein reinigendes Gespräch unter vier Augen in seinem Büro.
Die Ahnung einer verpassten Chance bleibt, weil niemand sie nachprüfen kann. Und wenn Barbara heute mit der Berufung vor dem Arbeitsgericht erneut scheitert? Barbara E. reißt sich hoch aus den Kissen und ruft mit grimmiger Entschlossenheit: "Ich mach weiter. Notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg." Sie hat sich auf das Große eingelassen, sie kann jetzt nicht mehr zurück.
Krisenstimmung auch im Independentkino: "Kid-Thing" von David und Nathan Zellner zeigt das amerikanische Hinterland voll verstörender Energie und Anarchismus. von Andreas Busche

Egal ob in Ost-, West-, Südeuropa oder in Kaschmir – überall ist es kalt. Verdammt kalt. Für viele Menschen ist das dramatisch und sogar lebensgefährlich. Aber die Kälte bringt auch Schönes und Erfreuliches.

77.000 Deutsche reisen jährlich auf die Malediven. Gerade herrschen Turbulenzen im Inselparadies: Soldaten schlagen Polizisten und die schlagen den Präsidenten. Am Ende geht nicht die Insel, sondern der Präsident unter.

Ob Ei, Mehl, Schuh oder Torte, schon so mancher Politiker wurde in der Vergangenheit Opfer einer Zuschauerattacke. Wer hat was abbekommen?

Einfach nur gebrauchte Computer verkaufen ist ja wohl langweilig. In diesem Laden in Österreich gibt es außerdem Palatschinken, einen schnelldrehenden Flohmarkt und seeeeehr viele Hinweisschilder. Irre!

Leserkommentare
08.03.2009 15:11 | Emmely Fan
Hallo, ...
04.03.2009 19:41 | Pih
Der Fall Emmely: ...
24.02.2009 19:37 | Luzifer
Den Fall Emmely verfolge ich schon einige Zeit und ich gebe Herrn Rudolf Dreßler (SPD) bei -Anne Will- durchaus recht , das ...