Chinas Fußball versinkt im Chaos. Das Staatsfernsehen stellt die Berichterstattung über die Skandalliga ein.von MARCEL GRZANNA
PEKING taz Als sein Lieblingsverein Wuhan Guanggu den Betrieb einstellte, packte Fußball-Fan Mei Nansheng die Koffer und zog ins Kloster. "Ich habe zwei Söhne verloren. Erst die chinesische Nationalmannschaft und jetzt auch noch meinen Heimatklub. Meine Trauer ist unendlich groß", sagte der Glatzkopf mit typisch chinesischem Pathos und verschrieb sich dem Leben eines buddhistischen Mönchs. Doch nicht nur Mei leidet. Fußballfans im ganzen Land ist nach Schreien zumute. Erst verpasste die Nationalmannschaft die Qualifikation für die WM 2010, dann blamierte sich die Olympiamannschaft bis auf die Knochen, und jetzt treibt ein Skandal nach dem anderen die Profiliga an den Rand des Abgrunds.
Der Rückzug des zentralchinesischen Klubs Wuhan aus dem laufenden Spielbetrieb bildet den Höhepunkt einer Kette von Possen. Der Verband hatte einen Spieler des Vereins für acht Spiele gesperrt, nachdem der sich mit einem Gegner von Peking Guo'an geprügelt hatte. Der Pekinger Spieler kam ohne Sperre davon, obwohl er fleißig mitraufte. Ob es hier wohl mit rechten Dingen zugeht, fragten sich die Verantwortlichen aus Wuhan und zogen die Konsequenzen. "Wir haben in dieser Liga schon so viel Ungerechtigkeit erfahren, dass wir keine Alternative sehen", sagte Vereinspräsident Xu Zhiqiang. Offen von Korruption spricht niemand, aber durch die Blume werden Verdächtigungen geäußert. "Das Umfeld im chinesischen Fußball ist voller Unfairness. Wie soll sich hier der Fußball entwickeln?", fragt Vereinssprecher Jie Dong.
class="Z">Unerklärliche Patzer
Konsequenzen zog im November auch der deutsche Trainer Ernst Middendorp, der bei zwei Spielen seines Klubs Yatai Changchun das Gefühl hatte, das hier und da im chinesischen Fußball seltsame Entscheidungen getroffen werden. Beim 6:0 gegen Guangzhou verzichtete der gegnerische Trainer auf seine Leistungsträger, weil es für die zu kalt gewesen sei an jenem Tag. Beim 0:3 von Middendorps Mannschaft gegen Yuandong hatten sich drei seiner eigenen Leistungsträger kurzfristig krank gemeldet. Die Ersatzleute leisteten sich katastrophale Patzer. Middendorp wunderte sich über die Geschehnisse derart, dass er nach nur drei Monaten entschied, Changchun zu verlassen.
Die Fans in der chinesischen Hafenstadt Tianjin, 120 Kilometer von Peking entfernt, wundern sich ebenfalls - und sind stinksauer. Ein Spieler ihres Klubs kassierte nach Handgreiflichkeiten mit einem Spieler von Peking Guo'an eine Sperre sowie eine Geldstrafe. Erneut blieb der Pekinger Spieler unbestraft. Nach einigem Hin und Her hinter den Kulissen akzeptierte Tianjin die Strafe. "Um weiteren Schaden vom chinesischen Fußball abzuwehren", teilte der Präsident mit.
Doch das Kind war bereits in den Brunnen gefallen. Das Staatsfernsehen CCTV zog die Notbremse. Sämtliche Berichterstattung über chinesischen Fußball ist aus dem Programm gestrichen. Nicht einmal die Ergebnisse schaffen es künftig noch in den Nachrichtenblock. "Fußball in diesem Land ist nur noch ein einziges Elend. Ständig schlechte Nachrichten bei nahezu jedem Spiel. Wir haben dem Volk gegenüber eine Verantwortung und ziehen uns deshalb aus der Berichterstattung zurück", begründete CCTV-Direktor Jiang Heping die Entscheidung.
Bereits in der Vergangenheit war der chinesische Fußball im eigenen Land in Ungnade gefallen, weil Spieler bestochen und Ergebnisse manipuliert waren. Seitdem ist der Ruf der Liga und des Verbandes schwer beschädigt. Die Funktionäre werden von den verbliebenen Fans in den Stadien mit Vorliebe aufs Übelste beschimpft. So übel, dass auf der Anzeigetafel im Pekinger Fengtai-Stadion die dringende Bitte aufleuchtet, auf traditionelle Pekinger Schimpfwörter zu verzichten. Der Ansatz ist völlig hoffnungslos. Es wird aus Leibeskräften unterhalb der Gürtellinie attackiert.
class="Z">Peinliches Nationalteam
Der Ärger projiziert sich auch auf das Nationalteam, das im kommenden Sommer Gastgeber der deutschen Mannschaft ist. Im Internet gibt es Forderungen nach einem Spielverbot für die Nationalmannschaft im sogenannten Vogelnest auf dem Olympiagelände. "Dieses Stadion ist ein Symbol für den Aufstieg Chinas. Es hat etwas Göttliches. Die Nationalmannschaft würde diesen Ruf nur ramponieren", heißt es in einem Kommentar. Die Olympiamannschaft trug ihren Teil dazu bei, dass die Chinesen vom Fußball erst einmal bedient sind. Sieglos schied sie aus. Kurz vor dem Turnier wurde Trainer Ratomir Dujkovic auf den Posten eines technischen Direktors zurückgestuft. Angeblich sorgte man sich um den Blutdruck und die ständigen Kopfschmerzen des Mannes. Gerüchten nach hatte Dujkovic seinerzeit indes eine Affäre mit einer CCTV-Journalistin.
Kein Wunder also, dass Wuhans Oberfan Mei Nansheng angesichts solcher Umstände den Weg ins Kloster suchte. Er hielt es dort allerdings nur wenige Tage aus. Denn auf Fußball will er auch in Zukunft nicht verzichten. Und wenn es schon nicht die chinesische Liga ist, dann wenigstens die europäische Champions League. Für die hat sich CCTV nämlich für drei weitere Jahre die Übertragungsrechte gesichert. So hat er zwar weiterhin "zwei Söhne verloren", aber ein Adoptivkind dazugewonnen. Im Kloster aber hätte Mei auf einen Fernseher verzichten müssen.
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