Kritik an Antisemitismus-Forschern

"Feindbild Muslim - Feindbild Jude"

Eine Konferenz des Zentrums für Antisemitismusforschung wird angegriffen: Darf man über Parallelen zwischen Judenfeindschaft und Islamophobie diskutieren?von PHILIPP GESSLER

Die Guten zerfleischen sich gegenseitig - dieses unschöne Schauspiel ist derzeit in der Szene der Antisemitismusforscher und Kämpfer gegen die Judenfeindschaft zu beobachten. Der Anlass ist eine Tagung, die das angesehene und weltweit praktisch einzigartige Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin abhält. Titel des Forschungstreffen: "Feindbild Muslim - Feindbild Jude". Am Montag kommender Woche soll es stattfinden. "Es wird sehr voll werden!", heißt es im ZfA mit leichter Ironie.

Wo ist der Konflikt? Vordergründig geht es um das jüngste Jahrbuch des ZfA zum Thema "Feindbild Islam und Islamisierter Antisemitismus" sowie um das Konferenzthema selbst. Beides greift, als prominenteste Stimme, der Hamburger Publizist und Politikwissenschaftler Matthias Küntzel massiv an. Küntzel hat sich vor allem mit seinem Buch "Djihad und Judenhass" (2002) als einer der schärfsten Kritiker des islamistischen Judenhasses weltweit einen Namen gemacht. Zum Jahrbuch schreibt Küntzel: "Das eigentliche und grundsätzliche Problem" darin sei "die Selbstverständlichkeit, mit der ausgerechnet ein Forschungszentrum zum Antisemitismus die gegenwärtige ,Islamfeindschaft' mit der historischen Judenfeindschaft parallelisiert".

Anhand des Tagungsprogramms kommt Küntzel ferner zu dem Vorwurf, das ZfA sei dabei, den Holocaust zu trivialisieren, ja sich neu zu orientieren - hin "vielleicht" zu einem "Zentrum gegen Antisemitismusvorwürfe", wie er spitz schreibt. In der Tagungsankündigung des ZfA heißt es, derzeit gebe "Verschwörungsphantasien über die ,Islamisierung Europas' ". Solche Denkmuster seien "aus der Geschichte des Antisemitismus bekannt und werfen die Frage auf, welche Gemeinsamkeiten Judenfeinde und Islamfeinde teilen".

ZfA-Leiter Wolfgang Benz reagierte im Gespräch mit der taz empört auf die Vorwürfe Küntzels. Sie seien "völlig lachhaft". Das Ganze sei "nicht ernst zu nehmen", wie ihm auch Ilan Mor, der Gesandte der israelischen Botschaft in Berlin, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde der Hauptstadt, Lala Süsskind, und der SPD-Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen, Beauftrager des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus, zugesichert hätten. Keineswegs wolle er den Holocaust trivialisieren. Ihn interessiere als Vorurteilsforscher nur, wie "eine gesellschaftliche Gruppe stigmatisiert wird" und Muslime bei manchen "unter Generalverdacht" gerieten.

Im Interview mit der taz war Küntzel am Freitag darum bemüht, den Konflikt etwas herunterzufahren. "Gerade weil mir das Zentrum und seine Ausrichtung am Herzen liegt", so Küntzel, kritisiere er es, wenn es - siehe Jahrbuch und Konferenz - "auf Abwegen" sei. Selbstverständlich achte er die Freiheit der Forschung und sei sich sicher, dass dieser "Fehltritt" des ZfA auch "wieder korrigiert wird". Die wesentlichen Kritikpunkte an der Konferenz aber nahm Küntzel nicht zurück.

So weit der vordergründige Konflikt. Im Hintergrund des Streits Küntzel - Benz stehen jedoch grundsätzliche Differenzen innerhalb der Anti-Antisemitismus-Kreise. Dabei geht es zum einen um die Frage, wie schnell Israelkritik in Antisemitismus umschlägt. Zum anderen ist umstritten, wie sehr der weltweite Islam antisemitische Tendenzen aufweise, ja ob er in sich antijüdisch sei. Schließlich streitet die Szene darüber, wie auf das Atomprogramm des Iran und die daraus resultierende Gefährdung Israels zu reagieren sei. Auch diese Fragen dürften auf der Konferenz am Montag eine Rolle spielen - zumindest im Hintergrund.

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