Die Dokumentation "Klassenkampf" (BR, Sa., 21.50 Uhr) beweist das ganze Elend der bayerischen Hauptschule. Der Skandal ist, dass es auch ohne solche Filme längst allen bekannt sein müsste.von CHRISTIAN FÜLLER

Von 25 beobachteten Schülern haben am Ende zwar 20 den qualifizierenden Abschluss, aber nur sechs eine Lehrstelle. Bild: BR/2008 filmworks/Stefan Schindler
Das ist also die vielgerühmte bayerische Hauptschule. Während die weißblauen Lügenbolde uns immer sagen, sie sei die deutsche Superschule, zeigt der Dokfilmer Uli Kick 97 Minuten lang, was Hauptschule wirklich heißt: Ende, over, keine Chance mehr. Selbst im Boomland Bayern. Von 25 beobachteten Schülern der 9a der Wittelsbacher Hauptschule in München haben am Ende zwar 20 den qualifizierenden Abschluss, aber nur sechs eine Lehrstelle.
Der Film ist wichtig, weil er uns die durch und durch krisenhaften Biografien des ganz normalen Hauptschülers 2008 nahe bringt. Und dabei zeigt, dass diese Schulart und ihre Lehrformen mit den jungen Ausgesonderten nichts mehr anzufangen weiß. "In der Schule sitze ich halt nur da und lern' immer den gleichen Schmarrn. Für nichts eigentlich", sagt Benjamin (16).
Der Eineinhalb-Stunden-Film ist aber genau deswegen auch ein Skandal. Kann es sein, dass die Sinnlosigkeit der Hauptschule als einem zusammenselektierten Container der Hoffnungslosigkeit ständig neu zu beweisen ist? Ist es möglich, dass Uli Kick sieben Jahre nach den Schockergebnissen der ersten Pisastudie noch, wie er tatsächlich sagt, "eine Art Expedition in ein nahegelegenes, fremdes Land" unternehmen muss, um zu begreifen - in die Hauptschule, "weil es die Aufgabe von Dokumentarfilmern ist, fremde Welten zu erschließen"?
Immerhin, auch Kick kommt nach seinem Express-Nachhilfekurs "Deutsches Schulsystem" zu dem Schluss, den alle Experten und verantwortliche Demokraten ziehen: Die Hauptschule muss verschwinden, zunächst zugunsten einer fusionierten Haupt- und Realschule, später einer "Schule für alle"; es braucht neue Lehrformen und eine zweite Lehrperson in den Klassen von Brennpunktschulen; und mindestens einen obligatorischen Sozialarbeiter für jede deutsche Schule.
Aber keine Sorge, ändern wird sich auch nach diesem Film nichts. Jedenfalls nicht als Ergebnis rationaler Politik. Ein paar Leute werden die Augen geöffnet werden. Nur die verantwortlichen Schulpolitiker werden nichts unternehmen, schon gar nicht in Bayern, wo sie ohne rot zu werden weiter behaupten, dass die Hauptschule prima sei. Und dennoch wird die bayerische Hauptschule sterben. Nicht weil sie ein gesellschaftlicher Skandal ist, nein, weil ihr einfach die Kinder ausgehen. In den letzten Jahren sind von 1.500 bayerischen Hauptschulen bereits 500 geschlossen worden. Weitere 300 sind nur noch einzügig, auch sie gehen bald über die Klippe - wegen Schülermangels. Und das ist gut so.
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Leserkommentare
23.10.2008 18:09 | a. ries
der eigentliche skandal ist doch, dass verantwortliche bzw. politiker die hauptschule noch schönreden und somit verantwortu ...