Ich erwachte und sah auf die Digitalanzeige des Weckers: "3:33", stand dort, und ich dachte: 333 - eine Schnapszahl. Dann gehe ich mal...von MICHAEL RINGEL
Ich erwachte und sah auf die Digitalanzeige des Weckers: "3:33", stand dort, und ich dachte: 333 - eine Schnapszahl. Dann gehe ich mal dem weißen Elefanten einen einschenken, beschloss ich und machte mich auf den Weg zur Toilette. Doch irgendetwas irritierte mich an der Zahl 333. "Drei, drei, drei - bei Issos Keilerei", brach mein verschüttetes Bildungsbürgertum hervor. Aber das hatte nichts mit meiner 333 zu tun. 333 war die Hälfte von 666, und die 666 war die Ziffer des Teufels. 666 aber konnte der Digitalwecker nicht anzeigen. Dann war die 333 wohl die Ziffer des Halbbösen. Wollten sich also die Chimären der Nacht nur mit halber Kraft melden? Wieso war ich eigentlich mitten in der Nacht aufgewacht? Hatte das Telefon geklingelt? Der blonde "Hitparaden"-Brite Graham Bonney und sein steinalter Schlager schossen mir in den Kopf: "Wähle 3-3-3 auf dem Telephone". Plötzlich wusste ich, was mich an der 333 beängstigte. Lebte ich noch? Oder war ich schon im Fernsehen?
Seit Wochen gibt es in der amerikanischen Fernsehserie "CSI NY" eine kleine Randepisode. Die Hauptfigur Mac Taylor ist Chef des New Yorker Kriminallabors und wird jede Nacht um Punkt 3.33 Uhr von einem mysteriösen Unbekannten angerufen, der sich zwar nie meldet, ihn aber offensichtlich auch sonst beobachtet.
Nun werde ich hoffentlich nicht von irgendjemandem observiert. Aber wahrscheinlich ist das Fernsehen gerade endgültig in mein wirkliches Leben vorgedrungen. Was auch kein Wunder ist, gehöre ich doch zur ersten Generation, die vom Fernsehen erzogen wurde. Für mich gilt der bessere Teil der Devise: Die Dummen macht das Fernsehen dümmer, die Klugen klüger.
Meine umfassende Fernsehbildung hat mir oft genützt. Einmal saß ich zusammen mit Gerhard Henschel während der Frankfurter Buchmesse in einer Rotlichtbar, die als einziges Lokal zu später Stunde noch geöffnet hatte. Gemeinsam sangen wir dem Sprecher des Goethe-Instituts Fernsehwerbe-Jingles vor: "Nehmt den Husten nicht so schwer / jetzt kommt der Hustinettenbär." Die um uns herum sitzenden Huren und Zuhälter wunderten sich nicht wenig, dass der Goethe-Mann zu weinen begann. Ihm hatten seine Eltern als Kind das Fernsehen verboten. Deshalb hatte er all die schönen Werbeliedchen verpasst, die inzwischen an die Stelle der Nursery Rhymes getreten waren, wie wir dem Schwerintellektuellen leicht angeschickert erklärten. Nursery Rhymes kenne in Großbritannien jedes Kind, sie würden sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, wenn die Amme abends die grandios gereimten Verse vorträgt. Leider würden Kinderlieder wie die Nursery Rhymes heutzutage aussterben, weshalb die Werbeliedchen die edle Aufgabe übernommen hätten, Kinder mit Versen und Reimen bekannt zu machen und in den Schlaf zu wiegen.
Während der Fernsehunkundige wegen seiner verpassten Bildung noch mehr Tränen vergoss, stimmten wir einen weiteren Klassiker an: "Es gibt ein neues Fruchtbonbon / Sugos von Suchard / Brave Kinder kennen's schon / es schmeckt wunderbar."
Ich summte das Liedchen vor mich hin und schlief um 4.44 Uhr beruhigt ein. Das Böse der Nacht hatte wieder nicht gesiegt.
Die Wahrheit auf taz.de
Leserkommentare
11.10.2008 13:22 | ROFLCOPTER
Es gibt eine neues Fruchtbonbon: Nitroglycerin.
10.10.2008 03:34 | André
Ich beende den Artikel und schaue auf die Uhr....3:33!