Florencio Chicote, in Schwaben geborener Sohn spanischer Migranten, tritt am Mittwoch die Stelle des Bundesgeschäftsführers der größten Dachorganisation türkischstämmiger Einwanderer an.von ALKE WIERTH
Wie ernst ihr die Forderung nach interkultureller Öffnung ist, beweist die Türkische Gemeinde Deutschlands (TGD) jetzt: Florencio Chicote, in Schwaben geborener Sohn spanischer Migranten, tritt am Mittwoch die Stelle des Bundesgeschäftsführers der größten Dachorganisation türkischstämmiger Einwanderer an.
Für den 34-jährigen Diplompsychologen ist sein neuer Posten ein logischer Schritt: Bislang leitete Chicote das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin. Durch seine Arbeit bei der TGD mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, künftig nur noch für eine Migrantengruppe einzutreten, fürchtet Chicote nicht: "Ich habe bislang mit den unterschiedlichsten Gruppen zusammengearbeitet. Und habe dabei solches Konkurrenzdenken nicht erlebt." Die Migrantenorganisationen hätten längst begriffen, dass man "gemeinsam an der gemeinsamen Sache" arbeiten müsse.
Die gemeinsame Sache: Für den Gleichstellungsaktivisten, der sich schon als Schüler bei Amnesty engagierte, heißt das: "diskriminierungsfrei leben." Was Diskriminierung bedeutet, hat er am eigenen Leib erfahren: "Zum Beispiel im Bildungssystem. Obwohl meine Noten das nicht rechtfertigten, habe ich wie so viele Migrantenkinder nur eine Hauptschulempfehlung bekommen." Sein Vater gründete in der schwäbischen Provinz einen spanischen Elternverein: "Dass Partizipation wichtig ist, damit bin ich groß geworden." Doch auch mit der Erfahrung, dass gesellschaftlicher Teilhabe von Zuwanderern Grenzen gesetzt sind: "Man hat uns schon spüren lassen, dass wir keine Deutschen sind."
Diese Erfahrungen sowie der Eindruck, dass in der Hauptstadt mehr Toleranz für Vielfalt herrsche, haben Chicote vor acht Jahren nach Berlin geführt. Hier sei nun sein Lebensmittelpunkt: "Ein Konzept von Heimat habe ich im Grunde nicht. Aber es fehlt mir auch nicht." Vielleicht hat ihn genau das seinem neuen Arbeitgeber so geeignet für den Posten erscheinen lassen. Seine Vorgängerin, Eren Ünsal, lobt den Neuen jedenfalls in höchsten Tönen: Chicote sei "ein tolles Beispiel für jemanden, der nicht in ethnischen Kategorien denkt, sondern die Sache und die Menschen in den Mittelpunkt stellt". Die TGD fasst bundesweit 270.270 Vereine türkischer EinwanderInnen zusammen. "Da ist es wichtig, dass man unterschiedliche Interessen ausbalancieren kann", meint Ünsal. Dass er das schaffen wird, sieht Chicote, der bis heute spanischer Staatsbürger ist, optimistisch: "Ich werde versuchen, mich zu integrieren", scherzt er. Mit dem Türkischlernen hat er bereits begonnen. Sein erster wichtiger Satz: "Türkce bilmiyorum - Türkisch kann ich nicht."
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