die wahrheit

Toskana über den Wolken

Schröder, Schily, Fischer & Co. übernehmen die marode italienische Fluglinie Alitalia.von TANJA KOKOSKA

Die Nachricht platzte mitten in die Sanierungsverhandlungen um die marode Alitalia: Die italienische Fluggesellschaft wird künftig von einer Handvoll ehemaliger deutscher Spitzenpolitiker übernommen, der sogenannten Toskana-Fraktion. Das rot-grüne Bündnis aus dem früheren Bundesinnenminister Otto Schily, Ex-Außenminister Joseph Fischer, Kanzler a. D. Gerhard Schröder sowie weiteren ehemaligen Ministern hat angekündigt, "den kleinen Italienern" (Schröder) unter die Arme greifen zu wollen. Damit sei der bisher vorgesehene Sanierungsplan obsolet, meldet die Nachrichtenagentur Ansa.

Über die genauen Kosten der Übernahme wurde bislang nichts bekannt. Fischer äußerte lediglich, diese seien "geradezu lachhaft". Sein neuer Job als Berater bei der Albright Group LLC, die von seiner ehemaligen Amtskollegin Madeleine Albright in Washington geführt wird, biete ihm "finanziell alle Möglichkeiten". Überdies könne er sich als führendes Mitglied der europäischen "Denkfabrik" European Council on Foreign Relations auf die großzügige Unterstützung des US-Milliardärs und Star-Investors George Soros verlassen. Und Gerhard Schröder, rein zufällig bei seinem Lieblings-Italiener "Pasta e Basta" in Hannover gesichtet und auf die Kostenfrage angesprochen, winkte nur lachend ab: "Das fragen Sie ernsthaft einen Mann, der bei Gazprom arbeitet? Machen Sie mal lieber 'ne Flasche Brunello auf!"

Die Rettung vor der Pleite knüpften die Toskana-Freunde allerdings an Bedingungen. Das Streckennetz müsse "unseren individuellen Bedürfnissen angepasst" werden, sagte Fischer. Demnach sollten neue Start- und Landebahnen in Capannori, Castiglion Fiorentino, San Gimignano sowie Montefollonico entstehen - kleine, beschauliche Orte, die zu den liebsten Reisezielen der Toskana-Fraktion gehören. "Ein paar Zypressen weniger fallen da doch keinem auf", sagte Schröder. Nur für den kleinen Badesee nördlich von Grosseto, an dem einst Ex-Umweltminister Jürgen Trittin zwei verblüfften Wanderern seine entblößte Nudel präsentierte, gelte ab sofort ein Überflugverbot, sollte er sich dort aufhalten.

Auch bei der Verpflegung habe man sehr konkrete Vorstellungen, sagte Trittin. So müsse für die an Bord ausgeschenkten Weine und Spirituosen die Pfandpflicht gelten und die gesamte Flotte mit Leergutautomaten ausgestattet werden. Seit Einführung des Dosenpfands ernähre er sich überdies ausschließlich von Konservenkost - "eine praktische wie delikate Alternative zu dem üblichen Flugzeugfraß". Er werde mit entsprechenden Herstellern in Verhandlungen treten. "Schließlich isst jeder gern Ravioli aus der Dose, und das ist auch noch italienisch."

Otto Schily wiederum will die Fluggesellschaft "in den Dienst der guten Sache stellen": Schily sitzt im Aufsichtsrat der Unternehmen Biometric System AG und Safe ID Solutions AG - die eine Firma stellt Geräte zur Iris-Erkennung, die andere Geräte für elektronische Ausweise her. Das bedeute für den ehemaligen Innenminister eine "klassische Win-win-Situation". Da Alitalia-Passagiere "ja ohnehin durch Sicherheitskontrollen müssen", würden sie als "Testpersonen, die man nicht mal fragen muss", hilfreichen Aufschluss über den Umgang mit biometrischen Passdaten geben.

Fischer sagte, er werde seine Beteiligung an Alitalia für Reisen nach Washington nutzen. "Wenn Maddie mich braucht, komme ich jetzt husch, husch direkt von der Olivenölverkostung mit dem eigenen Flieger." Schröder wiederum strebe eine Direktverbindung Hannover-Moskau-Mailand (Armani-Filiale) mit Zwischenlandung auf dem Dach der "Villa Arrabiata" eines hochrangigen toskanischen Beamten an. Dort, in der Nähe von Lucca, verbringe auch der ehemalige britische Premier Tony Blair gern seinen Familienurlaub. "Den Flughafen nennen wir dann ,Lucca Tony'", schlug Schröder vor.

Die gute Stimmung der Toskana-Freunde kann nun wohl nur noch durch Linken-Chef Oskar Lafontaine getrübt werden, der sich "aus alter Verbundenheit" an der Alitalia-Übernahme beteiligen will - unter der Voraussetzung, dass bei der Fluglinie ein "gesetzlicher Mindest-Cannellohni" eingeführt werde. Fischer ließ verlauten, wer "so einen Quark" fordere, der müsse erst mal offenlegen, wie die Gegenfinanzierung aussehe.

Ungeachtet der personalen Zusammensetzung zeigte sich Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi begeistert von der Alitalia-Lösung. "Wenn's drauf ankommt, ist auf die Deutschen doch immer Verlass." Gern stelle er seinen Slogan "Ich liebe Italien, ich fliege Alitalia!", den er nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten ausrief, zu Werbezwecken zur Verfügung. Die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis, die ihr Stammquartier in der Nähe von Pisa hat, plädierte zwar dafür, "diesem Solarium-Mafioso" ein lebenslanges Flugverbot zu erteilen. Schröder aber entgegnete, das müsse sie als ehemalige Unicef-Deutschland-Vorsitzende gerade sagen. Berlusconi sei "ein lupenreiner Demokrat", der abheben könne, wie er wolle. Und wer ihm eine Dauerkarte beim AC Mailand spendiere, dem gewähre Schröder sowieso jedes Überflugrecht.

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