Die Tage Berlins als europäische Hipness-Hauptstadt sind gezählt. DJ Fetisch ist weg und dem "FAS"-Feuilleton gehts auch nicht so gut.von TOBIAS RAPP

Berlin-Friedrichstrasse: War mal ein Hotspot laut einiger Kulturavantgardisten - Nun haben sie viel Rauch um nichts zurückgelassen. Bild: dpa
Erst war es nur ein Gerücht. Übers Wochenende verdichtete es sich. Spätestens gegen Dienstagabend ist aber klar: wir haben es mit der bitteren Wahrheit zu tun. Es ist zu Ende. Over. Die Avantgarde hat Berlin verlassen. Die Stadt ist Schnee von gestern. Liegen gelassen von DJ Fetisch und Claudius Seidl. Nach heldenhaftem Abwehrkampf gegen "besoffene Iren", "schwäbische Raver" und "Webdesigner aus Meck-Pomm" hat Ersterer Hund und Hosen eingepackt und ist nach Paris gezogen. Bis Dienstagabend ist er noch nicht wieder zurückgekommen.
Und er ist nicht gegangen, ohne vorher dem Kulturchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu erklären, was vor sich geht: "Berlin had it's (Originalschreibweise) time and this time is now over." Um den Jahrtausendwechsel sei die Stadt noch der Nabel der Welt gewesen, alles super, so DJ Fetisch, der damals einmal fast weltberühmt wurde, als er im verblichenen Pogo-Club Techno mit AC/DC mixte, Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt noch heute davon. Nun seien im Grunde nur noch die Restaurants Grill Royal (Laufweite zur Berliner FAZ-Redaktion: zwei Minuten) und Borchardts (Laufweite zur FAZ-Redaktion: ebenfalls zwei Minuten) zu ertragen.
Dabei kann niemand behaupten, Claudius Seidl hätte es nicht geahnt. Schon vor fünf Jahren hat er mit dem Buch "Hier spricht Berlin - Geschichten aus einer barbarischen Stadt" versucht, durch einen wütenden Klagegesang auf die mangelnden zivilisatorischen Standards in Berlin aufmerksam zu machen, im Vergleich mit München etwa. Vergeblich, wie sich nun herausstellt. Schlimmer noch. Nach Fetischs Zeitrechnung lief 2003 eigentlich alles richtig rund: die Modemesse Bread & Butter machte die Stadt gerade zur Modemetropole, die Mieten waren billig, die Galerien super und das Brot gut. Wie muss es also jetzt erst um die Stadt bestellt sein!
Nun könnte man natürlich sagen, dass erst das ständige Schimpfen über die Misslichkeiten des hauptstädtischen Lebens einen zum richtigen Berliner macht, einer Stadt, zu deren großen kulturellen Errungenschaften die weltberühmte Schnauze gehört, der ja immer dies nicht passt und das nicht passt (wenn der typische Motzberliner auch lieber auf "die da oben" schimpft als auf "die da unten", aber jedem das Seine).
Den ewigen Subkultur-Blues von den Freiräumen, die immer enger werden, kannte man bisher allerdings eher aus Kreuzberger Fabriketagen, wo man sich in Tanzkursen auf den Karneval der Kulturen vorbereitet, als aus der Kulturredaktion der FAZ. Was ist hier los? Der wahrhaft durchgedrehte Text über den neuen RAF-Film vom Ober-Chef Schirrmacher, der "Und-ich-habe-doch-recht-gehabt"-Artikel von Co-Chef Weidermann über den verkannten deutschen Großschriftsteller Thor Kunkel, und dann ist Berlin auch noch im Eimer? Hat eine Feuilletonredaktion beschlossen, sich vom Gutfindekartell für die Produkte von Freunden und Verwandten in eine Gruppe von Verrückten mit Privatobsessionen zu verwandeln? TOBIAS RAPP
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Leserkommentare
18.09.2008 09:52 | mischa gerloff
Schöner Text! Aber eine Formulierung dabei, die für die Erwähnung im Hitler-Blog taugt: ...
17.09.2008 18:13 | anis monchichi
Danke, Her Rapp - nun muss ich doch wirklich auf die FAZ-Seite, um weiterlachen zu können. Ungern.
17.09.2008 18:00 | Tanja Dückers
Einfach ein großartiger Beitrag von Tobias Rapp - inhaltlich, stilistisch - zum Brüllen komisch, toll.