Eine französische Zeitschrift veröffentlicht Bilder von Taliban in Uniformteilen getöteter Franzosen - und löst damit eine heftige Debatte über Presseverantwortung aus.von DOROTHEA HAHN

Sarkozy verbeugt sich vor dem Sarg eines getöteten Soldats. Bild: dpa
PARIS taz Eine Reportage aus dem Krieg in Afghanistan sorgt an der Heimatfront in Frankreich für Aufregung. Fotos in der Zeitschrift Paris Match zeigen in dieser Woche vermummte Taliban vor einem landestypischen Hintergrund aus Sand, Steinen und ein paar resistenten Grashälmchen. Die Kämpfer tragen erbeutete Uniformteile, Waffen, Helme und ein Walkie Talkie, die den am 18. August in Afghanistan gefallenen französischen Soldaten gehört haben. In einem Interview droht ihr Kommandant anderen Franzosen dasselbe Schicksal an, wenn sie sein Land nicht bis zum Ende des Ramadan verlassen.
"Widerlich", klagen Familienangehörige der Toten in Frankreich. Unisono verurteilen PolitikerInnen von dem rechten Premier François Fillon und seinem Verteidigungsminister Hervé Morin bis hin zum grünen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit die Veröffentlichung. Patriotische Historiker wie Max Gallo stehen ihnen zur Seite: "Dank solcher Bilder können die Taliban den Krieg gewinnen", schreibt er im Figaro.
Die Fotografin Véronique de Viguerie hat die Taliban nach einwöchiger Recherche und nach zweistündiger Fahrt im Jeep getroffen. Nach dem Treffen, zu dem die Taliban "keinen Mann" wünschten, verschwanden die Kämpfer mit ihren Beutestücken in den Bergen. Eine Uhr, die einem französischen Soldaten gehörte, überreichten sie der Fotografin. Zur Weitergabe an die Angehörigen und als "Zeichen des guten Willens".
Die 30-jährige de Viguerie, die seit vier Jahren in Afghanistan und anderen Konfliktgebieten arbeitet, wundert die Aufregung über ihre Fotos. "Ich habe meine Arbeit gemacht", sagt sie. Und weist darauf hin, dass sie auch zusammen mit US-amerikanischen und französischen Soldaten auf Patrouille in Afghanistan war.
Der Organisator des am Wochenende in Perpignan zu Ende gegangenen internationalen Fotografenfestivals "Visa pour l'image", Jean-François Leroy, rechtfertigt ebenfalls die Veröffentlichung der Reportage. "Das sind Informationsbilder", erklärt er: "Die Rolle der Presse ist es, überall hinzugehen. Und alle Seiten eines Konflikts zu zeigen."
Auf der anderen Seite ziehen die politischen Verantwortlichen "embedded journalists" vor, die mit dem Militär reisen und Bilder veröffentlichen, die dem Militär genehm sind.
Diese Logik gilt in Frankreich seit dem Algerienkrieg, in den USA seit dem Vietnamkrieg. In beiden Fällen hatten die Aufnahmen von Aufständischen der "feindlichen Seite" verheerende Wirkungen auf die öffentliche Meinung an der Heimatfront. Sie widerlegten den Mythos vom sauberen Krieg.
Im Gegensatz zu den Taliban, die ihre Kriegsbeute zu einer Propagandaoffensive in Frankreich benutzen, hat sich die französische Armee noch nicht zu Details über die stundenlangen Kämpfe am 18. August geäußert, bei denen zehn französische Soldaten ums Leben kamen.
Unter Berufung auf verletzte Soldaten haben Medien von Verzögerungen bei der Nato-Verstärkung aus der Luft berichtet und davon, dass französische Soldaten Opfer von Nato-Bomben geworden seien. Der Taliban-Kommandant "Farouki" sagte Paris Match im Interview: "Wenn es nicht Nacht geworden wäre, hätten wir alle französischen Soldaten getötet."
Die französische Armee will Angehörige der toten Soldaten in dieser Woche nach Afghanistan fliegen. Doch während Staatspräsident Nicolas Sarkozy angekündigt hat, dass er den "Krieg gegen den Terrorismus" in Afghanistan fortsetzen und intensivieren will, keimt an der Basis eine Antikriegsstimmung. Ende September wird die französische Nationalversammlung über den Einsatz von 3.000 französischen Soldaten in Afghanistan beraten.
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