• 25.08.2008

Ein Freund von Dorothea Ridder erzählt

Spuren der Geschichte

Andrew Hood kam 1985 als junger Mann aus London nach Berlin. Auf Vermittlung von Erich Fried lernte er Dorothea Ridder kennen und wurde für ein paar Jahre ihr Lebensgefährte.von GABRIELE GOETTLE

Dorothea Ridder in ihrer Praxis am Berliner Nollendorfplatz.  Bild:  elisabeht kmölniger

Filmemacher, Drehbuchautor u. Dozent. Er wuchs in England auf, besuchte die Hampstead School in London u. absolvierte von 1980-1984 ein Studium d. Geisteswissenschaften a. d. University of Sussex. 1985 erster Besuch in Berlin, lernt auf Vermittlung von Erich Fried Dorothea Ridder kennen. Einige Zeit später übersiedelt er nach Berlin und zieht zu Dorothea. 1987-1988 Ausbildung als Masseur, Arbeit im Krankenhaus, 1990-1996 Studium a. d. Deutschen Film- und Fernsehakademie, Berlin, 1996-2004 Arbeit als Drehbuchautor, Regisseur u. Produzent: 1996 Drehbuch u. Regie f. "Binningers Birne" (Doku-Drama); 1999-2003 Drehbuchautor für internationale C-Produktionen, USA u. Brasilien (u. a. über die Mutter von Thomas u. Heinrich Mann, Julia de Silva-Bruhns); 2003 Associate-Producer f. d. Film "Lost Zweig", über d. letzten Tage von Stefan Zweig in Brasilien (er nahm sich im Febr. 1944 im brasilianischen Exil das Leben; Anm. der Verf.); Buch u. Regie f. d. Spielfilm "Das Apfelbaumhaus". Seit 2004 Dozent f. Film u. Produktion a. d. Loyola Marymount University, Los Angeles. Seit 2005 Dozent f. Drehbuch, Regie u. Filmgestaltung a. d. Medienakademie Berlin. Seit 2006 Leiter d. Abt. Film a. d. Akademie f. Internationale Bildung, Düsseldorf. Andrew Hood wurde 1961 in London geboren. Seine Mutter, Marianne Hood, geb. Fischer, wuchs in Berlin auf und musste als verfolgte Jüdin Deutschland verlassen, sie überlebte mit falschen Papieren in Amsterdam, lebte nach d. Krieg in Indonesien, Frankreich u. England. Ab 1956 arbeitete sie mehrere Jahre für Erich Fried in London. Durch Fried lernte sie ihren späteren Mann, Stuart Hood, kennen. Andrew ist verheiratet und hat seit kurzem eine Tochter.

Gut, vielleicht ist es richtig und wichtig, dieses Kapitel noch mal aufzumachen. Viel Zeit ist vergangen, und die Zeit damals war eine andere Zeit, aber ich versuche es: 1984 war ich mit meinem Studium fertig und vollkommen naiv. Wir haben an der Universität von Sussex, ,nur', sag ich mal, den Marxismus kennengelernt. Die Auseinandersetzungen zwischen französischem Marxismus und deutschem Marxismus … Althusser und Nichtalthusser, und wir haben uns mit den Poststrukturalisten auseinandergesetzt, mit Semiotik, Psychoanalyse. Es war sehr komplex und wir haben eigentlich keine Bindung an die Realität gehabt. Ich war ein Träumer, dachte einfach, dass das Leben immer so weiter geht und irgendwann wird der Kapitalismus implodieren", er lacht. "Kann passieren, ja. Das kann noch kommen", lacht. "Sowieso! Für mich stellte sich damals die Frage, was soll ich nach der Universität machen. Eine Gruppe von uns hat erst mal so ein Musikzentrum in London aufgemacht. Und in dieser Zeit hat meine Mutter, die ja Jüdin ist … war, sie ist 1994 gestorben, also sie hat über eine Freundin eine Einladung vom Senat in Berlin bekommen, so im Rahmen der ,Wiedergutmachung'. Es hieß damals, man muss mit dem Partner kommen. Aber meine Mutter, als alleinstehende Mutter, hat gesagt, nein, sie will mit ihrem Sohn kommen. Sie sagten, nein, das geht nicht. Aber sie hat es durchgesetzt. Es gab auch eine Ausstellung, sie hat dafür auch zum ersten Mal ihre Erinnerungen an die Flucht aus Deutschland und die Illegalität in Amsterdam zu Papier gebracht. Sehr spannende Geschichten.

Meine Lage war folgende: Ich war von meiner Kindheit an unter der Woche immer bei meiner Mutter und am Wochenende bei meinem Vater. Mein Vater war ein sehr guter und enger Freund von Erich Fried, war auch Trotzkist und Marxist - ich werde später über ihn sprechen. Er wohnte in der Nachbarschaft von Fried. Und kurz bevor ich mit meiner Mutter nach Berlin fuhr, hat mich Fried zur Seite genommen und gesagt: Andrew, du solltest nicht nur das offizielle Berlin kennenlernen, du solltest auch eine andere Seite kennenlernen. Dann hat er mir eine Liste mit Namen gegeben von Leuten, die ich besuchen sollte. Darunter Dorothea, sie war ja seine Ärztin.

Gut, dann kamen wir nach Berlin. Es war kurz nach der Berlinale, es lag richtig viel Schnee. Das war 1985. Ich fand die Stadt grandios. Kapitalismus, Kommunismus, Ost und West, die Mauer dazwischen! Ich war der einzige junge Mensch in unserer Gruppe. Um mich herum nur ältere Juden, die versuchten, ihre Vergangenheit zu erforschen. Es war auch sehr dramatisch, man war bewegt. Und dann dachte ich, gut, mache ich das mit der Liste. Zuerst habe ich Dorothea angerufen. Sie hat sofort ja gesagt. Komm in meine Praxis, meine Praxis ist am Nollendorfplatz. Das fand ich witzig, denn ich habe ,Emil und die Detektive' als Kind gelesen, wie Emil Tischbein nach Berlin kam, sein Geld geklaut wird und er den Dieb, Herrn Grundeis, zum Nollendorfplatz verfolgt. Da war ich jetzt auch angekommen. Ich bin hochgefahren mit dem Fahrstuhl, in einem Neubau, Dorotheas Praxis war ganz oben. Und es war dort alles anders, als man es von der ,National Health' in England kannte." (England hat ein staatliches Gesundheitssystem, das weithin gerühmt war, aber seit Thatchers "Modernisierung" immer maroder wurde.)

Dorothea kam und hat mich einfach dick umarmt. Also das war … phuu … so eine Umarmung, als Engländer! Ein so enger Körperkontakt, das war mit total fremd. Das war so Dorotheas Art, nicht erst so mit Handshake, sondern gleich Umarmung. Auch vielleicht, weil ich ein Bote war von Erich. Aber sie war eigentlich immer so direkt und sehr verbindlich. Sehr präsent. Ich war von ihr sehr fasziniert, fand sie toll! Auch als Erscheinung. Sie war sehr attraktiv, eine schöne, zarte Frau, mit grünen Augen. Aber mit einer sehr authentischen Energie.

Und dann hat sie mich eingeladen. Ich musste mit der S-Bahn rausfahren nach Nikolassee. Ich konnte Berlin kennenlernen. Ein kleines Dorf am Rande Berlins. Es war nicht pompös, nicht reich. Dorothea wohnte im Haus einer pensionierten Bankiersfrau, es war alles offen, sie hatte keinen separaten Eingang, und die alte Dame war schon etwas verwirrt. Jedes Mal, wenn ein Mann ins Haus kam, sagte sie: Ah! Das ist mein Mann! Das war auch typisch Dorothea, in so einem Haus zu wohnen. Ja, und dann haben wir uns ein bisschen näher kennengelernt. Dorothea hat mich natürlich bezaubert, auch mit Geschichten aus Poona, von der RAF, von Manfred Grashof, von den Auseinandersetzungen der 68er-Jahre. Was sie mir erzählt hat oder durch ihre Geschichten beigebracht hat, war eigentlich, dass es darum geht, dass Menschen es immer wieder wagen, ungewöhnliche Wege zu gehen, etwas Riskantes zu tun. Und als junger Mann - ich war 19 Jahre jünger - vollkommen weltfremd und abgekapselt durch mein Studium, hatte ich das Gefühl, diese Frau kennt die Realität und sie gibt mir einen gewissen Mut, einen Weg zu finden im Leben. Also mein Vater, und auch Fried, die hatten ja sehr viel erlebt, aber das war irgendwann nur noch wie ein historischer Hintergrund. Ich würde sagen, sie waren beide ziemliche Idealisten und jenseits der Realität. Also mein Vater total! Ein Intellektueller, Fried ein Dichter, ein Künstler. Die haben uns - Erichs Kindern und mir - nicht wirklich ein Konzept fürs alltägliche Leben gegeben. Man war ständig damit beschäftigt, sich theoretisch auseinanderzusetzen mit der Kritik am Kapitalismus, mit Ideologiekritik. Aber damit kann man sich keinen Alltag schaffen und auch keinen Alltagsgenuss haben. Und genießen können, das ist, denke ich, etwas, das Dorothea dann immer wieder vermittelt hat. Ein großes Wort bei ihr war ,schön'. Das und das ist schön. Genieße die Schönheit! Als junge Studenten waren wir immer auf die Zukunft ausgerichtet, auf die Analyse der Entwicklung, aber Dorothea sagte einfach nur: Komm, genieße die Bäume. Also es war mehr so eine Philosophie vom Dasein. Vom Sein. Von Dinglichkeit.

Sie hat das gelernt, sie hatte keine einfache Lebensbahn. Kam aus Ostberlin, aus schwierigen, nicht reichen Verhältnissen, hat ihren Weg geschafft auf die Uni, durchs Studium, in die eigene Praxis. Sie konnte in einen Dialog treten mit allen möglichen Leuten. Deshalb war sie eine erfolgreiche Ärztin. Natürlich war sie keine Heilige, aber sie hatte diese Fähigkeit, so einen Blick zu entwickeln, sie spürte die Krankheit, die Energie. Sie hat nicht nur als Ärztin behandelt, sondern auch die emotionale Intelligenz unterstützt. Sie konnte Mut geben, aber nicht so mit ein paar guten Worten, sie hat sich Zeit genommen für die Leute, hat mit ihnen gesprochen.

Also ich fand sie sehr schön, und ich wollte mehr von ihr, bin aber zurück nach London mit meiner Mutter. Dann hatten wir so einen telefonischen Dialog, eigentlich war es gar kein Dialog, kein gesprochener, es waren mehr Töne. Wir haben fast in Tönen miteinander gesprochen, nicht in Sätzen. Es war wie Musik eigentlich. Es war alles auf Englisch, ich konnte so gut wie kein Deutsch. Für Dorothea war das auch eine gewisse Freiheit, Englisch zu sprechen, eine Enklave zu haben, wo sie sich ausprobieren konnte. Und dann sagte sie einmal zu mir: Komm doch nach Berlin. Und ich bin nach Berlin gegangen. Eine Woche sind wir zusammen durch die Gegend gefahren. Dorothea hatte ja dieses Hüftproblem schon immer, eine Nekrose in der Hüfte. Sie wollte das nicht einfach nur behandeln, sie sah es auch als Zeichen und es war ihre Aufgabe, dieses Zeichen zu interpretieren, ihr Zeichen zu kapieren. Das bedeutete zugleich, dass Dorothea eine Art und Weise hatte, Urlaub zu machen, die ganz ungewöhnlich und schön war. Wir hatten so Klappbetten fürs Zelten dabei. Und wenn wir irgendwo eine schöne Landschaft sahen, dann haben wir die Betten aufgestellt, und haben da gelegen in unseren Schlafsäcken, nebeneinander, und einfach nur die Landschaft angeschaut. Im Harz waren wir, an der Nordsee. Einmal waren wir in Südfrankreich, das war später. Dorothea hat gemalt. Sie hat immer versucht, Bäume und Landschaften zu malen.

Ich wusste, Dorothea, das war die richtige Entscheidung. Und jetzt kommt noch was: Jede Beziehung hat immer eine Vorgeschichte. Bevor ich nach Berlin ging, bin ich öfter hin und her gefahren, und einmal, als ich zurück kam nach London, war mein Vater in Brighton und hatte gerade seinen Roman fertig, der hieß "Storm from Paradise" in Anspielung auf Walter Benjamin. Ich habe das Buch gelesen, es handelt von einem jungen Schotten und einer russischen Emigrantin, spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, und am Ende der Geschichte sagt die Frau: Warum kommst du nicht mir mir auf den Kontinent? Aber er entscheidet sich dann doch, nicht zu gehen. In meinem Kopf war dieselbe Frage von Dorothea: Warum kommst du nicht nach Berlin? Ich habe das Buch zugeklappt und gesagt, okay, ich gehe! Mein Vater hat den Moment verpasst, ich verpasse den Moment nicht! Ich habe mit ihm nicht darüber geredet. Er ist ein schweigsamer Mann. Aber ich habe es meiner Mutter erzählt, die war natürlich als jüdische Mutter schockiert. Denn erstens gehe ich weg, zurück in ihre einstige Heimat, die sie verlassen musste, und zweitens beginne ich eine Beziehung zu einer wesentlich älteren Frau.

So hat das also angefangen, Dorothea sagte: Guck, ich arbeite den ganzen Tag, ich verdiene genug Geld, nimm dir deine Zeit, lerne Berlin kennen, lerne meine Freunde kennen. Ich lernte Povl alias Klaus Richter kennen, der mit Musik beschäftigt war, und Heike, seine Frau, lernte Eric kennen, der Filme liebt und tausende von Filmen besitzt, ich lernte Renate Sami, die Filmemacherin, kennen, und viele andere. Und jetzt kommt etwas sehr Wichtiges, sie sagte: Andrew, du weißt, Manfred ist mein Mann, er ist im Gefängnis wegen politischer Aktivitäten, er wird wahrscheinlich in fünf Jahren rauskommen, aber wenn er dann rauskommt, dann will ich für ihn da sein. Ich werde Manfred von dir erzählen. Es war für mich ein Abenteuer, oder wie im Märchen, du kriegst fünf Jahre mit einer Frau, so lange dürfen wir zusammen sein, dann muss es enden! Mit Manfred war es so, dass sie natürlich alle Freiheiten hatte. Sie ist einmal im Monat zu ihm gefahren. Das war immer so ein Donnerstagabend. Spät ist sie losgefahren, durch die Zone mit dem Auto. Das war auch so ein rätselhafter Teil von Dorothea, dass sie nicht geflogen ist. Das Fahren war anstrengend und immer so ein bisschen am Rand von ihren Kräften. Freitagfrüh kam sie an, ist bei dem Pfarrer Janssen in Dietz geblieben, dann hat sie Manfred im Gefängnis besucht, hat ihm Sachen mitgebracht, hat ihm Kraft gegeben und dann ist sie wieder zurückgefahren. Also sie wollte nicht so ein kleinbürgerliches Leben, das Leben musste Brüche haben. Gegen den Strom! Mit einem jungen Mann zusammenleben, einen Ehemann und diese politischen Verpflichtungen haben, die Nacht durchfahren … das hat ihr das Gefühl gegeben, sie ist nicht nur gefangen in ihrem Alltag. Ich war dann auch ein- bis zweimal mit, als sie Manfred besuchte. Auf jeden Fall lag das da, als mündlicher Vertrag, noch so und so lang, dann wird es beendet.

Wir haben trotzdem angefangen, unser Leben zu führen. Und nachdem ich ihre Freunde und Berlin kennengelernt hatte, wollte ich Dorothea dann auch Sachen zeigen, die mir gefallen haben, das Ägyptische Museum und so, und einen afroamerikanischen Jazzmusiker, den ich kennengelernt hatte, Don Cherry." (1936 in Oklahoma City geboren, 1995 gestorben, bekannter Jazztrompeter, war einer der Pioniere des Free Jazz, experimentierte schon früh mit sogenannter Weltmusik.) "Er war toll, sehr lebendig und experimentierfreudig, er hat sich auch geweigert, in Vietnam zu kämpfen, wohnte in Schweden und war ein politischer Musiker. Wir haben ihn im Hotel besucht, ich habe ihn interviewt und Dorothea hat Fotos gemacht. Irgendwann hat er eine Serviette genommen, Schweden draufgezeichnet, ein Kreuz gemacht, da und da wohne ich, Adresse, Telefon, wenn ihr mal Lust habt, kommt mich einfach besuchen. Ich habe die Serviette gut aufgehoben. Später habe ich dann einen Artikel geschrieben, in Briefform, habe ihn als sehr menschlich und lebhaft beschrieben, ihn ,Manchild' genant, ich fand, das traf sehr gut seine Art, natürlich zu sein. Heike hat es dann ins Deutsche übersetzt. Nach dem zweiten Anlauf allerdings erst hat es dann die taz abgedruckt, ungekürzt! Und dann haben wir uns einfach entschlossen, nach Schweden zu fahren und ihm den Text selber zu bringen. Wir sind mit dem Auto und unserer Papierserviette losgefahren, haben mit der Fähre übergesetzt und ein Dorf im Nirgendwo gesucht und es irgendwann gegen Mitternacht gefunden. Wir haben geklingelt, er macht die Tür auf und war so begeistert, uns zu sehen, dass er uns gleich eingeladen hat, sehr gastfreundlich. Er hat dann den Text gelesen. In der Ecke saß jemand, eine junge Frau, entweder sehr bekifft oder sehr müde, sie sagte nichts, hat aber anscheinend zugehört.

Ich erzählte, dass ich ,Manchild' im Tagebuch von George Jackson gefunden habe." (1941-1971, Black-Panther-Mitglied, wurde mit 18 wegen eines geringfügigen Eigentumsdeliktes, Raub von 70 Dollar, lebenslänglich im Gefängnis festgehalten. Angela Davis setzte sich für seine Freilassung ein und saß selbst zwei Jahre im Gefängnis, als Mittäterin bei seinem Befreiungsversuch. 1970 hatte sein 17-jähriger Bruder Jonathan einen Gerichtssaal gestürmt und Geiseln zur Freipressung seines Bruders genommen. Beim Polizeieinsatz kamen er und fast alle Geiseln ums Leben. Ein Jahr später wurde George Jackson bei einem Fluchtversuch im Gefängnis erschossen.) " Er hat im Tagebuch das Wort ,Manchild' benutzt, um seinen jüngeren Bruder zu würdigen, ein Kind, das wie ein Mann gehandelt hat. Don Cherry konnte das gleich verstehen, dass ich ihn auch so genannt habe. Das war auch das, was Dorothea an ihm geschätzt hat, seine Offenheit und dass auch er einen anderen Lebensweg gegangen ist. Das war im Sommer, als wir in Schweden waren, und irgendwann, ich habe es zufällig gehört, war die Nummer eins im amerikanischen Musikleben ein Titel, der hieß ,Manchild', die Sängerin war Neneh Cherry. Das war die Frau, die damals in der Ecke saß, seine Stieftochter. Und damit ist ein Wort von George Jackson über Don Cherry und Neneh Cherry - und durch eine kleine Reise, die Dorothea und ich gemacht haben - wieder in die Öffentlichkeit gekommen.

Und jetzt kommt eine Figur in die Geschichte rein, sie war sehr wichtig in Dorotheas Leben - auch in meinem. Es ist ein Mann, er hieß Jacques Quidoschim. Ein ganz wichtiger Mann! Franzose aus dem Maghreb, glaube ich. Jacques hatte eine Massagepraxis am Bundesplatz, er war auch sehr in diesen Baghwan-Kreisen. Dorothea ist immer zu ihm gegangen, denn er war ein hervorragender Masseur, er war einer der wenigen, der ihren Schmerz lindern konnte. Dorothea, das muss man einfach sagen, hatte jeden Tag Schmerzen in der Hüfte, es war immer da. Und Jacques konnte das hervorragend, ihre Muskulatur lockern. Ich denke, Dorothea hat über Jacques und seine Massagen einen Moment gehabt, wo sie aufhören konnte zu denken, sich Sorgen zu machen. Sie haben dann auch zusammen solche Workshops gemacht in der Praxis, einmal die Woche, wo sie versucht haben - ich würde sagen, so eine Art Gestalttherapie zu machen. Die beiden waren jedenfalls ein sehr starkes Team, technisch genauso wie menschlich. Und als ich dann wieder aus Afrika zurückkam - ich sollte für Povl dort so eine Art Hotelmanager machen, war aber vollkommen ungeeignet und bin geflohen - zu der Zeit jedenfalls sagte Jacques zu mir: Andrew, warum kommst du nicht zu mir in die Praxis und lernst Massage? Und das habe ich dann gemacht. Ich habe Freunde genommen, habe an ihnen geübt, Jacques hat mir seine Griffe gezeigt. Er hat mir die Chance gegeben, die Ausbildung zu machen, mich geerdet. Dann habe ich zweieinhalb Jahre im Krankenhaus gearbeitet. Es war ein schönes Gefühl. Ende der 80er-Jahre wurde Jacques plötzlich schwer krank, es stellte sich heraus, dass er HIV-positiv war. Er war schwul, oder bisexuell, ein attraktiver Mann. Er sagte immer, ich lebe im Zölibat. Als wir ihn kennenlernten, hatte er nie jemanden. Er war mein Mentor und er hatte Aids.

Ich habe einfach zu ihm gesagt, voller Idealismus, komm zu uns! Es war eine Zweieinhalbzimmerwohnung, kleine Küche, Bad und große Terrasse. Ich dachte, egal, was er hat, ich helfe ihm, er wird es überleben, es ist nur eine Frage der Zeit, dann wird es ihm besser gehen. Aber es war umgekehrt. Es ging ihm immer schlechter, Dorothea war den ganzen Tag weg, ich war im Krankenhaus und hatte, wenn ich nach Hause kam, einen Pflegepatienten. Dorothea war wohl etwas überrascht, dass ich ihn einfach zu uns geholt hatte. Aber dann war er da, und das war wieder Dorothea, sie fand das richtig. Sie sagte mal: ,Es ist wahrscheinlich, dass er sterben wird. Das ist die Wahrheit. Das Eigentliche, um was es geht im Leben.' Aber ich konnte das nicht ertragen, sein Sterben! Also physisch. Ich habe ihn nach der Arbeit gepflegt, Dorothea kam um 20 Uhr frühestens nach Hause. Es war mir zu viel. Damit habe ich Dorothea sehr enttäuscht, dass ich ihn nicht bis zum Schluss gepflegt habe. Die Baghwan-Leute haben sich dann um ihn gekümmert bis er starb. Ich glaube, es war sehr traurig für sie …", lange Pause, "ihn zu verlieren. Er wusste, wie man Dorotheas Hüfte massiert, und für mich war er nicht weniger wichtig. Ich hatte eine sehr gute Zeit im Krankenhaus als Masseur, ich habe da auch so ein bisschen Dorotheas Geist übernommen, ich habe mich eingefühlt und wollte heilen.

Jacques hat mich eigentlich befreit. Er hat mich befreit von Althusser und Lacan, von all diesen Theorien, die ich mitbekommen habe, die mir nichts boten, um wirklich leben zu können. Es war fast wie ein rebellischer Akt des Antiintellektualismus. Das habe ich sehr stark empfunden. Es ging immer nur darum, Ideen Ideologien und Identitäten auseinanderzunehmen. Sexualität ist auch nicht mehr als nur eine Konstruktion, Film ist auch im narrativen Sinn nur ideologisch, und die Positionierung der Zuschauer ist auch ideologisch. Da bleibt nichts übrig zum Leben …" Wir bemerken: "Außer man ist Hochschulprofessor auf Lebenszeit mit einem festen Salär." Er sagt erfreut: "Ja! Genau! Aber trotzdem, die meisten von diesen Hochschulprofessoren sind seltsamerweise verrückt geworden, sind aus dem Fenster gesprungen. Althusser hat seine Frau umgebracht. (Nach dem Mord, er erwürgte sie mit bloßen Händen, stand ein Spruch an der Mauer gegenüber der École normale supérieure: "Althusser wollte immer schon ein Handarbeiter sein." Anm. G. G.) Er kam in die Psychiatrie. Poulantzas, auch ein marxistischer Staatstheoretiker, beging Selbstmord, Gilles Deleuze hat sich umgebracht. Gut, Lacan ist normal gestorben, aber seine Kinder waren nicht normal, sie haben sehr gelitten und waren alle unfähig!

Ich konnte mich lange diesem Denken nicht entziehen, da war Massieren so etwas wie eine Befreiung. Und Dorothea war auch wie eine Befreiung. Sie hat den Weg in die Praxis", lacht, "ja, ist doppeldeutig, sie hat diesen Weg gewählt und ist ihn ganz konsequent gegangen. Und in der Zeit, in der sie fertig war mit der Arbeit, hat sie versucht, einfach nur zu leben. Wir saßen auf der Terrasse, da war ein Kirschbaum, der ein wenig drüberhing. Wir haben dort gefrühstückt, geredet, haben Leute eingeladen, haben auf fünf oder sechs Betten da geschlafen. Es war ein kleines Paradies. Auch für viele, die in Berlin lebten. Im Haus gab es eine Dachkammer, ein kleines Refugium. Kunzelmann ist irgendwann mal gekommen und hat da eine Weile gewohnt. Erich Fried kam. Viele waren da.

Also diese Terrasse war sehr wichtig in Dorotheas Leben. Das war der Ort, zu dem sie nach der Praxis hingefahren ist. Auf die Avus rauf, Nikolassee raus, und sich zu Hause einfach nur erholen. Ich denke, wir haben damals gut zueinander gepasst. Sie hat mir meine Zeit gegeben und ich habe ihr viel Platz gegeben, habe ein bisschen erzählt und viel zugehört. Ich habe gelernt zu kochen und ich habe auf meine Art immer versucht, ein bisschen auf sie aufzupassen, obwohl ich der Jüngere war. Aber es war nicht einfach. Sie war müde, sie war fertig, am Rande ihrer Kräfte. Ich war damals sehr ruhig, fast introvertiert. Ich habe ihr damit auch Ruhe gegeben, das war für Dorothea sehr wichtig. Aber auf die Dauer ging das natürlich nicht. Und der Moment kam langsam näher, dass die fünf Jahre vorbei sein würden. Es war wie ein Verhängnis, wie im Märchen. Dann wurde Manfred früher als erwartet entlassen. Alles wurde ein bisschen unklar. Dorothea versuchte eine Lösung zu finden, wie sie sozusagen mit mir zusammenbleiben könnte und dabei aber die Freiheit hat, mit Manfred … nein, falsch! Wodurch sie zugleich Manfreds Freiheit unterstützen kann. Sie sind dann erst mal zusammen in die Karibik gefahren, glaube ich. Sie fühlte sich verpflichtet. Aber Manfred wollte eigentlich gar keine Ehe führen, sich gar nicht helfen lassen. Er wollte die verlorene Zeit nachholen, die seit 17 Jahren verpassten Begegnungen mit Frauen, er wollte wieder jung sein, nicht nur mit Dorothea. Er wollte die Welt! Sie hatten so lange diese Fernbeziehung, für die Nähe hat es nicht funktioniert.

Manfred hat dann seine Wohnung in der Stadt bekommen am Savignyplatz - war nur mal provisorisch bei ihr eingezogen -, er hatte seinen Job am Grips Theater und ziemlich bald eine Freundin. Und für mich kam so ein Alltag, die magische Grenze war überschritten … ich habe nicht viele Erinnerungen an diese Zeit. Ich war langsam dabei, mich an der Filmhochschule zu bewerben und dort zu studieren und meinen Weg zu gehen. Es kam dann die Zeit, wo ich mich von Dorothea getrennt habe. Was natürlich problematisch war.

Fried war 1988 an seinem Krebs gestorben. Für alle ein Schock. Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben war tot. Man muss sich vorstellen - um den Kreis zu schließen: Meine Mutter ist, als sie nach dem Krieg eine Heimat gesucht hat, in verschiedenen Ländern, in London gelandet, ein typisches nomadisches Schicksal. Ihre Mutter und Großmutter haben beide nicht überlebt. Sie war Ende dreißig. Über eine Bekannte kam sie zu Fried, er brauchte eine Assistentin und meine Mutter war Sprachsekretärin. Er war natürlich für Menschen wie meine Mutter total offen. Über Erich hat sie dann meinen Vater kennengelernt und so bin ich entstanden. Mein Vater war bei der BBC. Er hat mich verlassen, als ich vier Jahre alt war." (Stuart Hood, 1915 in Schottland geboren, studierte am Edinburgh College, war im Krieg als Geheimdienstoffizier unter anderem in Nordafrika, kam in italienische Kriegsgefangenschaft, wurde 1943 freigelassen, schlug sich in Norditalien als Tagelöhner durch, schloss sich den italienischen Partisanen an und kämpfte gegen die Faschisten. Seine Erinnerungen daran gibt es als "Carlino" in deutscher Übersetzung. Er wurde nach dem Krieg Nachrichtenchef des BBC World Service, dann Programmdirektor von BBC II, später Leiter des Royal College of Art. Er schrieb Standardwerke zur britischen Mediengeschichte und acht Romane. Er übersetzte unter anderem Pasolini, Dario Fo, Fried und Enzensberger ins Englische.)

"Früher habe ich immer gedacht, mein Vater ist toll. Aber jetzt, wo ich älter bin und sie tot ist, merke ich, wie toll meine Mutter gewesen ist. Meine Mutter hat mich allein großgezogen. Nur an den Wochenenden war ich bei meinem Vater beziehungsweise bei Fried, sie waren sozusagen Nachbarn. Ich habe eigentlich - und das ist die Ironie des Schicksals - wesentlich mehr von Erich mitbekommen als seine Kinder. Sein Sohn Klaus - er ist auch Filmemacher - hatte wiederum viel Kontakt zu meinem Vater. Fried hatte ja ein sehr offenes Haus, ich bin da quasi an den Wochenenden groß geworden. Mein Vater war auch da. Ich habe erlebt, wie im Garten die ganzen Studenten aus Deutschland gezeltet haben. Das war eine komische Welt. Da waren immer Besucher aus Deutschland, ich habe nie kapiert - ich war acht - ob das jetzt Rudi Dutschke ist oder nicht. Er und seine Frau und sein Kind waren natürlich auch da. Es gab immer Gäste. Dann wurde hinten im Garten ein Holzhaus gebaut für Besucher. Erich hatte sein Zimmer nach vorne hin. Es war voll mit Büchern, Papieren und seinem Sammelsurium. Nellie, seine Mutter, wohnte auch im Haus, er hatte sie mit in die Emigration genommen. Sie ist über neunzig geworden, sie ist gestorben in dem Jahr, als er seine erste Krebsoperation hatte. Und seine Frau Catherine - sie war groß, er war klein - hat sich um die Gäste, um die Kinder und um alles gekümmert." (Zum 22. November, Erich Frieds 20. Todestag, kommt im Wagenbach Verlag ein Buch mit ihren Anekdoten heraus.)

Von Fried hatte ich ja auch die Telefonnummer von Dorothea. So kam das alles. Als Dorothea dann den Schlaganfall hatte - wir hatten uns längere Zeit nicht gesehen - und als ich ins Krankenhaus bin zu ihr …" Er kämpft einen Moment mit den Tränen. "Sie lag still da und war sehr elend. Dorothea war nie still! Und Dorothea hatte immer einen Engel über sich. Sie war fragil, aber sie hat es immer geschafft, die Anerkennung als Ärztin, sie hat immer einen Flug bekommen, obwohl sie zehn Minuten zu spät kam, immer war das Glück auf ihrer Seite. Deswegen waren auch alle so sprachlos, dass sie diesen Schlaganfall bekommen hat. Da war für sie von einem Moment zum anderen eine neue Realität entstanden. Aber sie ist eine Kämpferin und sie hat es wohl geschafft, dass sie heute mit ihren Beschwerden einigermaßen leben kann, habe ich gehört.

Ich bewundere sie. Jetzt, wo ich über vierzig bin, Dozent an der Uni bin, viel arbeite, da merke ich: Ich habe Kraft, ich bin nicht zynisch geworden. In mancher Hinsicht kann ich Dorothea dafür danken. Sie hatte eine unheimliche Fähigkeit, die Ängste, die Männer eben haben, zu erkennen, sie zu verstehen, zu helfen, die Ängste abzubauen. Man kann das ja nicht immer aussprechen. Sie hat es einfach verstanden. Oder: Du hast Angst. du sollst diese Angst nicht haben. In diesem Moment, wo sie es einfach ausgesprochen hat, war das ein mutiger Schritt. Sie hat den kleinbürgerlichen Diskurs gebrochen, indem sie gesagt hat: Lass uns einfach reden, lass uns über die Ängste reden. Und sie konnte das machen, weil sie keine hatte. Ich weiß nicht, warum. Nein, es war nicht Erfahrungslosigkeit, im Gegenteil! Ich glaube, es war Selbstvertrauen. Sie war irgendwie komplett. Ich würde sagen, sie hatte damals tatsächlich keine Angst, nicht vor der Liebe, nicht vor dem Tod, keine Angst vor der Polizei, dem Gefängnis, keine Angst vor schnellem Fahren. Sie war angstfrei. Wir haben sie bewundert. Und sie konnte Leute nicht leiden, die nicht einen gewissen Mut haben. Kleinbürgerliche Leute, die vielleicht nur an ihre Sicherheit, ihr Gehalt und ihre Familie denken. Sie wollte, dass Leute etwas wagen im Leben."

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