Neben Stress und Leistungsdruck können auch Monotonie und Leerlauf den Arbeitsalltag prägen. Jeder siebte Beschäftigte fühlt sich am Arbeitsplatz unterfordert.von THOMAS GESTERKAMP

Wer handwerklich arbeitet, ist seltener gelangweilt. Bild: dpa
Frank Beermann* surft gerne im Internet. Er informiert sich in der Datenbank Wikipedia, erkundet neue Reiseziele bei Google Earth, löst Sudoku-Rätsel oder liest Tageszeitungen. Das Problem aus Sicht seines Arbeitgebers: Nicht zu Hause, sondern im Büro treibt er stundenlang durch das weltweite Netz. Er hat gelernt, seine Nebenbeschäftigung geschickt zu verheimlichen: Wenn sich Kollegen oder Vorgesetzte seinem Computer nähern, genügt ein einziger Mausklick, und ein offensichtlich betrieblicher Vorgang erscheint auf dem Bildschirm.
Beermann fühlt sich in seinem Job gefrustet und zu wenig gefordert. Wenn Arbeitnehmer in Scheinbeschäftigung flüchten, ist das weniger ihr persönliches Problem als das ihrer Vorgesetzten: Diese haben es versäumt, Mitarbeiter entsprechend ihren Möglichkeiten einzusetzen. Das Ergebnis, eine geringe Produktivität aufgrund manchmal nur simulierter Leistung und verstecktes Nichtstun, macht weder das Unternehmen noch die Beschäftigten glücklich.
Vom "Boreout-Syndrom", einem Zustand von Langeweile, Interessenlosigkeit und Antriebsschwäche, sprechen neuerdings Psychologen und Unternehmensberater. Das Wort spielt auf den englischen Begriff "Burnout" an, der - die häufigere Kehrseite - die ständige Überforderung durch ein zu hohes Pensum, beschreibt. Zwischen den beiden Phänomenen besteht bisweilen ein Zusammenhang, der Boreout entwickelt sich oft im Gefolge des Burnout. "In einem Team reißen ein oder zwei Leute die Arbeit an sich, für den Rest bleibt wenig übrig", beschreibt der Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin ein typisches Beispiel. Während die eine Gruppe interessante Aufträge erledige und unter Dauerstress stehe, erlebe die andere Unterbeschäftigung und Mangel an Herausforderungen. "Die Leute sind nicht faul, sie werden faul gemacht", lautet Rothlins Kommentar.
Eine Befragung des Marktforschungsinstituts Gallup aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass sich 87 Prozent der deutschen Beschäftigten nicht oder nur wenig mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. 19 Prozent erklärten sogar, innerlich bereits gekündigt zu haben.
Jeder siebte Arbeitnehmer fühle sich hierzulande unterfordert, stellt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in ihrer letzten Erwerbstätigenbefragung fest, die im November 2007 veröffentlicht wurde. Den ökonomischen Schaden des daraus entstehenden Frustes schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsmedizin auf dreistellige Milliardenbeträge.
Quälende Monotonie bei der Arbeit taucht nicht nur in Berufen mit ständig wiederkehrenden Tätigkeiten auf. Neben Fließbandarbeitern, Kassierern oder Sicherheitsleuten können sich auch Bürokräfte unausgelastet fühlen. In stundenlangen Konferenzen zu sitzen, dort den stets gleichen Wortführern zuzuhören oder im Callcenter auf immer ähnliche Kundenbeschwerden zu reagieren kann ebenfalls sehr öde sein. Das Gefühl der Unterforderung kann auch entstehen, wenn sich keine beruflichen Chancen bieten oder der Sinn einer Tätigkeit schwer nachvollziehbar ist.
Am Arbeitsplatz nicht ausgelastet zu sein, ist ein Makel, denn sozial erwünscht ist das Gegenteil: immer viel zu tun haben, über Stress klagen und demonstrativ lange bleiben. In den meisten Betrieben herrscht eine "Anwesenheitskultur", wie Arbeitswissenschaftler das bezeichnen: Stets geben sich alle geschäftig.
Dieses Vortäuschen von Betriebsamkeit ist ein typisches Bürophänomen, denn dort bleiben die Arbeitsziele der einzelnen Mitarbeiter meist diffuser als in Handwerk und Industrie. Klar messbar sei etwa die Leistung von Kellnern, Busfahren oder Handwerkern, erklärt Berater Rothlin: "Ein Schweißer kann nicht so tun, als würde er schweißen, und ein Maurer nicht vortäuschen, eine Mauer hochzuziehen."
*Name geändert
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Leserkommentare
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