Vermeintliche Studien des Instituts G.R.P.

Viele Deutsche lesen Quatsch

Ein Institut für Rationelle Psychologie produziert schlagzeilenträchtige Studien - für renommierte Kunden wie RBB oder NDR. Die aber versichern, es sei nichts dran.von M. Oppong und K. Raab

Muskelmänner haben kleine, äh, Nasen. Das glauben Sie nicht? Fragen Sie mal das G.R.P.  Bild:  dpa

Rund 500 Namen gab das G.R.P. Institut für rationelle Psychologie auf seiner Homepage an: Unter den Kunden sind Sportartikelhersteller, Brauereien, Kaufhausketten, Zeitschriften, Modeunternehmen und fast alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten - Das Erste, WDR, NDR, BR, SWF (jetzt: SWR), HR, der RBB-Vorgänger SFB, Radio Bremen, ZDF, Deutschlandfunk; außerdem die Bundesanstalt (jetzt Bundesagentur) für Arbeit, die Bundesbahn, die Bundespost.

Besagte Gesellschaft für Rationelle Psychologie (G.R.P.) lebt seit 38 Jahren von ihrer Glaubwürdigkeit als wissenschaftliche Einrichtung. Sie produziert Studien, die in Überschriften landen: Berlins Männer sind selten eifersüchtig. Erfurter nehmen sich 13 Minuten Zeit für Sex. 32 Prozent der Deutschen schlafen nur sechs Stunden oder weniger. Sport steigert die Intelligenz. Frauen überlassen im Haushalt den Männern nur die Reparaturen. Die Ergebnisse des Instituts werden immer wieder zitiert, zum Teil unter dem Label "wissenschaftlich" - etwa von Focus, Playboy, dem populärwissenschaftlichen Magazin P.M., dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, fluter, von Spiegel Online, Bild, Stern, Zeit, FAZ, SZ und taz.

Dass die G.R.P. Studien für Auftraggeber durchführt, ist unbestreitbar. Die Zeitschrift Mens Health gehört zu den Kunden. Die Stern-Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit schrieb, man habe in den 70er-Jahren mit der G.R.P. zusammengearbeitet. Das Erste, SWR, HR, ZDF und Deutschlandfunk antworteten bis Redaktionsschluss nicht. Der WDR erklärte, noch Zeit zu brauchen. Anderen von der G.R.P. genannten Auftraggebern ist von einer Geschäftsverbindung aber nichts bekannt. "Nach Prüfung der Radio-Bremen-Unterlagen lässt sich keine Zusammenarbeit mit dem Institut G.R.P. feststellen", sagt Michael Glöckner von Radio Bremen. BR-Sprecher Rudi Küffner: "Selbst nach intensiver Recherche kann ich jetzt nur feststellen: Uns ist von Geschäftskontakten mit der G.R.P. weder in der Vergangenheit noch gegenwärtig etwas bekannt." Und Ilona Mirtschin, Pressereferentin der Bundesagentur für Arbeit: "Im Ergebnis kann ich Ihnen mitteilen, dass die Bundesanstalt für Arbeit und die Bundesagentur für Arbeit keinerlei Aufträge an das G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie vergeben hat."

RBB-Sprecher Ralph Kotsch wandte sich an die G.R.P., um dort nachzufragen - auch ihm war nichts von einer Zusammenarbeit bekannt. Das Sekretariat von Henner Ertel, dem Mann der G.R.P.-Geschäftsführerin Ulrike Ertel, teilte ihm daraufhin mit: "Die G.R.P. hat Anfang bis Ende der siebziger Jahre für den Stern und WDR ein TV- und Rundfunk-Langzeitforschungsprogramm über Medienwirkung durchgeführt. An dem sich auch diverse Sender beteiligt haben und so auch der SFB."

NDR-Sprecher Martin Gartzke: "Aus unseren Geschäftsunterlagen ergibt sich, dass von uns in den zurückliegenden Jahren keinerlei Aufträge an dieses Institut vergeben wurden. Der NDR wird nunmehr seinerseits Kontakt zu dem Institut aufnehmen und um eine Erläuterung zu der Frage bitten, auf welcher Basis unser Haus in dessen Referenzliste geführt wird." Der NDR verlangte daraufhin die Streichung aus der Referenzliste.

Mit den Reaktionen konfrontiert, schickte Ertels Sekretariat mehrere E-Mails. In einer heißt es: "Wir haben bei der Überprüfung Ihrer wohl oberflächlichen Arbeit die Projekte, die wir für die Sender gemacht haben, ermittelt. Eine Fülle von Projekten, die wir sofort gefunden haben. Es war ganz einfach. Es ist schon schlimm, wenn man sich mit so viel Unfähigkeit herumschlagen muss." Doch die G.R.P. nannte nur ein Projekt - für die Deutsche Bundespost, in den 80er-Jahren.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die G.R.P. die Referenzliste bereits von ihrer Homepage genommen. Warum? Das beantwortete Ertel zunächst nicht - "aus Prinzip": Das könne man ja selbst recherchieren.

Nach mehreren Telefongesprächen kam dann doch eine Antwort: "Die Referenzliste gab es in unseren G.R.P. Infobroschüren seit über 30 Jahren und sie wurde bisher noch nie in Frage gestellt." In derselben Mail hieß es, die Referenzliste werde fortan nur für autorisierte Nutzer einsehbar sein: "Wegen der ständigen von Herrn Paulus [einem Autor der Zeit; d.Red.)] und wohl auch Ihnen ausgelösten Nachfragen und die dadurch zeitraubenden notwendigen Recherchen bei uns im Archiv, die uns nur zusätzlich unnötige Arbeit bereiten, haben wir die Seite nun einfach schon früher geschlossen" als geplant.

Jochen Paulus hatte vor kurzem in Zeit Wissen einen Artikel über die G.R.P. und ihren "Chefdenker" Henner Ertel geschrieben, der in Medien oft als "Professor für Neuropsychologie" zitiert wird. "Ordentliche Professoren" aber, so Paulus, "hinterlassen Spuren im wissenschaftlichen Schrifttum. Von Ertel dagegen ist in Literaturdatenbanken der Psychologie nur eine einzige Veröffentlichung zu finden: das Werk Erotika und Pornographie. Andere Psychologieprofessoren haben nie von ihm gehört."

Ertels Fähigkeit, die Zweifel zu zerstreuen, ist überschaubar. Konkrete Fragen der taz beantwortete er nicht: "Führen Sie die akademische Bezeichnung ,Professor'? Wenn ja, von welcher Bildungseinrichtung wurden Sie in welcher Fachrichtung zum Professor berufen?" Für den Aufwand, diese und vier weitere Fragen zu beantworten, forderte Ertel, der unter einer Schweizer Nummer erreichbar ist, von der taz 190 Schweizer Franken. Porto war eingerechnet. Die taz zahlte nicht.

In Zeit Wissen hatten zuvor mehrere renommierte Wissenschaftler Zweifel an der Forschungsmethodik des Instituts und der Datenauswertung angemeldet. Einer Brauerei lieferte die G.R.P. etwa das Ergebnis: "Die Intensität des Genusswertes, den ein Getränk für einen Konsumenten besitzt, steigt proportional mit der Anzahl der Dimensionen des Getränke-Erlebnisraums." Sauberer Sound. Aber sauber erforscht? Der Düsseldorfer Psychologieprofessor Reinhard Pietrowsky kritisierte: "Es ist vollkommen diffus, wie das berechnet wurde." Schon 1994 waren etwa in der Berliner Zeitung Wissenschaftler zu Wort gekommen, die bezweifelten, dass sich, wie das Institut damals behauptete, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein "neues, schnelles Gehirn" durchgesetzt habe.

Im Zeit-Magazin meldeten nun auch weitere renommierte Wissenschaftler ihre Zweifel an; Methodik und Datenauswertung der G.R.P. seien in vielen Fällen nicht nachvollziehbar, die Studien seien mangels genauerer Angaben selbst für die Kunden des Instituts nicht überprüfbar. In der Folge wurden sie, sagt Zeit-Wissen-Chefredakteur Jan Schweitzer, "persönlich unter Druck gesetzt" und dazu aufgefordert, ihre Aussagen zu widerrufen. Schweitzer sagt, man sehe "keinen Handlungsbedarf" und bleibe, nach nochmaliger Prüfung des Textes, bei der Darstellung.

Zum Beleg, dass mit den Methoden des Instituts schon alles seine Richtigkeit habe, führte Henner Ertel am Telefon die Existenz eines Handbuchs an; darin stehe alles über die Forschungsprogramme und die besondere Forschungsmethodik. Auch den Titel diktiert er nach mehrfacher Nachfrage: "Handbuch der wirtschafts-, konsum- und kommunikationspsychologischen Forschung - Konzepte und Grundbegriffe der psychologischen, psychophysiologischen und sozialpsychologischen Wirtschafts-, Konsum- und Kommunikationsforschung". Das Problem ist nur: Der Titel ist nicht zu finden. Das heißt: doch. Einmal, bei Google. Der Treffer: ein Kommentar eines mit der G.R.P. verlinkten Users im Weblog des Journalisten Stefan Niggemeier, der den Zeit-Artikel verlinkt hatte. Auch hier ist der Titel angegeben, um damit die Behauptung zu widerlegen, man könne sich "nicht über das wissenschaftliche Konzept unserer Arbeiten informieren".

Im selben Blog kommentiert auch G.R.P.-Geschäftsführerin Ulrike Ertel (laut ihrer Homepage übrigens Prof. h. c.), der Text in Zeit Wissen sei "ein bösartiger Racheakt" - der Autor sei von der G.R.P. abgelehnt worden. Der wiederum sagt am Telefon, er habe nie vorgehabt, für die G.R.P. zu schreiben. "Von Anfang an" sei der Artikel als "Auftragsarbeit für Zeit Wissen" entstanden.

Nicht einmal das G.R.P.-Zentralorgan Mens Health kann die Glaubwürdigkeit des Instituts herstellen: Dort gab man beim ersten Anruf der taz die Telefonnummer der Chefredaktion von Mens Health heraus - diese sei für die Pressearbeit des Instituts zuständig. Bei Mens Health weiß man davon nichts.

Am 1. August ließ Henner Ertel in einer E-Mail wissen, dass man alle "absurden Behauptungen […] in allen Punkten widerlegen" werde. Bisher ist es bei der Ankündigung geblieben. In einer letzten E-Mail verwies seine Sekretärin darauf, dass man Ertel auch an der "University of Neuroscience" in London finde. Auf deren Website ist "Prof. Dr. Henner Ertel" als Rektor bzw. Vice-Chancellor angegeben. Es ist nicht verboten, sich Universität zu nennen. Im offiziellen "Register of Education and Training Providers", in dem private und staatliche wissenschaftliche Einrichtungen gelistet sind, steht die Universität allerdings nicht. Unter Forschungsnews sind auf der Website ausschließlich Artikel von spiegel.de, focus.de und pressrelations.de verlinkt.

Ansonsten sagt Henner Ertel angesichts der vielen Fragen, er warte nur darauf, dass man ihn noch nach seiner Geburtsurkunde frage. Die aber interessiert nicht. Die Glaubwürdigkeit eines Instituts, dessen Studien in der Öffentlichkeit wie wissenschaftliche Erkenntnisse behandelt werden - die allerdings schon.

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